Archiv
Dienstag, 07. Dezember 2004

Einheitsschule: "Schule in der DDR war besser"

In den 60er Jahren brachen zahlreiche finnische Politiker und Lehrer zu einer Reise in die DDR auf. Sie waren auf der Suche nach Anregungen, denn Finnland wollte das Bildungssystem im eigenen Lande umkrempeln. Ausgerechnet das DDR-System wurde dabei zum wichtigen Stichwortgeber.

Erfolgreiches System abgeschafft

Kurz nach der Wiedervereinigung 1990 kamen auch interessierte Schulpolitiker aus Westdeutschland und besahen sich die Schulen "drüben". Doch die ideologisch indoktrinierte Pädagogik der DDR, ihre Staats- und SED-Treue, die Fahnenappelle und Pioniernachmittage verstellten den Blick. Das westdeutsche Bildungssystem wurde auf die neuen Länder übertragen. Vereinzelt ist nun der Rückzug zu spüren. Das Abitur, in der DDR nach 12 Jahren absolviert, wurde in fast allen Bundsländern zwischenzeitlich erst nach dem 13. Schuljahr abgelegt. Inzwischen setzt sich die 12-Jahresregel in West- und Ostdeutschland durch. Aber nicht nur die Schuldauer macht den Unterschied. "Die DDR-Struktur wäre für alle besser gewesen", sagt Marianne Demmer, Bildungsexpertin der GEW.

Schule und Schüler unter Druck

Dabei gilt festzuhalten: Der Lernerfolg der Schüler hängt natürlich nicht ausschließlich vom Schulsystem ab. Die Bildungsstruktur in der alten Bundesrepublik galt so lange als wettbewerbstauglich, wie die Zahl der Migranten und Arbeitslosen im Land relativ niedrig war. Noch heute sind die PISA-Ergebnisse in Regionen mit geringer Ausländer- und Arbeitslosenquote besser, als die in so genannten strukturschwachen Regionen.

Die Erziehung von Schülern zu mündigen Bürgern ist mit repressiver Pädagogik zudem nicht vereinbar – ein gutes Ergebnis beim PISA-Mathematik-Test allerdings sehr wohl. Besonders Schüler aus Korea und Japan, die in der Siegerstatistik ganz oben stehen, stehen auch unter hohem disziplinarischem Druck während der Wissensvermittlung. Das DDR-System und seine Kontrollmechanismen funktionierten auch diesbezüglich nicht nur in der Schule sehr effizient. Ohne annähernde Vollbeschäftigung, strengeren Umgang mit den Rechten und Pflichten der Schüler und ohne homogene Lerngruppen sind große und gleichzeitig schnelle Bildungs-Erfolge nicht denkbar.

Schule in der DDR

Verpflichtend in der DDR war die Schulvorbereitung in der Vorschule, die in den Kindergärten angesiedelt war. Kindergartenplätze waren dabei für alle vorhanden.

Mit sechs bis sieben Jahren kamen die Kinder auf die Regelschule der DDR, die Polytechnische Oberschule (POS). Sie deckte die Klassen 1 bis 10 ab. Lehrinhalte waren straff organisiert, Lehrpläne und Schulbücher im ganzen Land einheitlich. Nach 4 Jahren Unterstufe begann ab Klasse 5 der Fachunterricht - hinzu kamen Russisch, Erdkunde, Geschichte und Biologie. Ab Klasse 6 wurde an den POS Physikunterricht gegeben. In der 7. Klasse kamen Chemie, Staatsbürgerkunde, ESP (Einführung in die sozialistische Produktion) und Technisches Zeichnen hinzu. Zudem wurden die Schüler in Betrieben im Rahmen des so genannten Fachs UTP (Unterricht in Technik und Produktion) eingesetzt. Sie erhielten auch darin Zensuren. Im 10. Schuljahr wurde eine Wochenstunde Astronomie gegeben.

Eine Differenzierung in einem Kurssystem fand nicht statt, lediglich ab der 7. Klasse wurde eine zweite Fremdsprache (Englisch oder Französisch) als Wahlpflichtfach angeboten. Die erste Fremdsprache Russisch war Pflichtfach und wurde in der Regel ab der 5. Klasse, in so genannten Russischklassen ab der 3. Klasse unterrichtet.

Die Kinder wurden aber im Klassenverband unterrichtet. Am Ende der 10. Klasse mussten die Schüler ihre Abschlussprüfung ablegen und erlangten die so genannte mittlere Reife. In Ausnahmefällen konnten Schüler auch schon nach acht Jahren die Schule verlassen. Unterricht war generell von Montag bis Samstag, es gab Kopfnoten für Betragen, Mitarbeit, Ordnung und Fleiß, Zensuren ab der 1. Klasse.

EOS und Begabtenförderung

Nach der POS konnten die begabten Schüler und Anwärter für einen Offiziersberuf bei den bewaffneten Organen der DDR noch die Erweiterte Polytechnische Oberschule (EOS) besuchen. Nach Klasse 12 folgte dort die Abiturprüfung. In der Regel besuchten die Schüler ab der 9. Klasse die EOS. Sie machten an der EOS auch die Abschlussprüfung der 10. Klasse, um im Falle eines Scheiterns in der Abiturstufe einen vorzeigbaren Abschluss zu haben. Alternativ gab es auch die Möglichkeit, neben dem Abitur noch eine Berufsausbildung zu machen. In diesen Fällen bestand die Woche aus zwei bis drei Schultagen und drei Tagen "in der Produktion". Der Abschluss wurde hier nach drei Jahren absolviert. Diese Schüler gingen also 13 Jahre in die Schule.

Neben den regulären Schulen verfügte die DDR über verschiedene Spezialschulen. Dies waren vor allem die Russischsonderschulen, die Kinder- und Jugendsportschulen, die Spezialschulen mit mathematisch-naturwissenschaftlicher Ausprägung und die Spezialschulen für Musik. Wer auf einem dieser Gebiete besonders gute Leistungen zeigte, konnte sich bei einer der begehrten Fachschulen bewerben. Sie waren personell und finanziell besser ausgestattet und in den Schwerpunktfächern wurde mit einer erhöhten Stundenzahl unterrichtet.

Schritt zurück

Einige so genannte neue Bundesländer wollen nun, 14 Jahre nach der Wende, wieder einen Schritt zurückgehen. Sachsen etwa diskutierte in den vergangenen Monaten intensiv über die Einführung einer Gemeinschaftsschule bis zur 8. Klasse. Als erster Schritt soll nun ein Modellversuch gestartet werden, in dem die Schüler von der 1. bis zur 6. Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Ähnliche Bestrebungen verfolgt Thüringens SPD. Fraktionschef Christoph Matschie will eine gemeinsame achtjährige Grundschulzeit für alle verbindlich vorschreiben.

Brandenburg wiederum hat die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen zur neuen Oberschule auf den Weg gebracht. Künftig sollen die Schüler im Klassenverband von der 1. bis zur 6. Klasse die Grundschule und anschließend von der 7. bis zur 10. Klasse gemeinsam die Oberschule besuchen. Kopfnoten werden zudem wieder eingeführt.

Aber auch in den alten Bundesländern gewinnen Eckpfeiler des einstigen DDR-Modells Anhänger. So sprach sich Schleswig-Holsteins Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave zu Beginn der Woche für eine Gemeinschaftsschule für alle Kinder bis zum zehnten Schuljahr aus. "Wir sollten etwas gegen den skandalösen Umstand unternehmen, dass Schulerfolge in Deutschland wie in keinem anderen Land vom sozialen Hintergrund der Eltern abhängen", sagte die SPD-Politikerin der "Berliner Zeitung". "Die frühzeitige Aufteilung in Hauptschule, Realschule und Gymnasium ist nicht zukunftsfähig. Wir müssen das dreigliedrige Schulsystem überwinden und alle Schüler länger gemeinsam lernen lassen."

Quelle: n-tv.de