Archiv

Ex-Agent Francisco Paesa Spaniens lebendigste Leiche

Die Mönche im spanischen Kloster San Pedro de Cardea bei Burgos lasen 30 gregorianische Messen für seine Seele. "Francisco Paesa starb am 2. Juli 1998 in Thailand", hieß es in der Todesanzeige in Spaniens größter Zeitung "El Pas". Seine Leiche sei in Bangkok eingeäschert und im engsten Familienkreise beigesetzt worden. Sechs Jahre später tauchte der "Tote" nun plötzlich wieder auf. Ein Detektivbüro und Reporter der Zeitung "El Mundo" spürten den 68 Jahre alten Ex-Geheimdienstagenten in Luxemburg auf.

"Er ist der lebendigste Tote, den man sich vorstellen kann", schreibt das Blatt. In Spanien zweifelt niemand daran, dass Paesa seinen "Tod" selbst inszeniert hatte, um untertauchen zu können. Der "Mann mit den 1000 Gesichtern", wie der Ex-Agent in Spanien genannt wird, hatte gute Gründe, auf Tauchstation zu gehen. Der Geldwäscher und Waffenschieber wurde von Interpol in aller Welt gesucht; mit ihm verschwanden elf Millionen Euro, die Spaniens korrupter Ex- Polizeichef Luis Roldn sich unter den Nagel gerissen hatte.

Paesa, ein unscheinbarer Mann mit großer Brille und grau meliertem Haar, war die Schlüsselfigur in einem der größten Skandale der jüngeren spanischen Geschichte. Als Geheimagent des Innenministeriums hatte er, so sah es zunächst aus, den steckbrieflich gesuchten Roldn 1995 in Laos aufgespürt und dessen Auslieferung an Spanien in die Wege geleitet. Die Madrider Regierung feierte die Festnahme als gelungenen Coup, denn der rundliche Roldn war einer der meistgesuchten Männer in Spanien gewesen. Er hatte als Chef der paramilitärischen Guardia Civil Schmiergelder beim Bau von Polizeikasernen kassiert und Millionensummen aus staatlichen Geheimfonds unterschlagen.

Die Geheimdienstaktion in Laos war aber in Wirklichkeit nur eine Finte. Die Auslieferungsdokumente erwiesen sich bald als eine plumpe Fälschung. Spaniens damalige Regierung fiel darauf herein, obwohl die Unterlagen in einem fehlerhaften Französisch abgefasst waren. Madrid hatte sich von Paesa an der Nase herumführen lassen. Der gesuchte Ex- Polizeichef war wohl nie in Laos gewesen. Man vermutet, dass der Geheimagent entweder mit Roldn unter einer Decke gesteckt hatte. Oder Paesa hatte den Ex-Polizeichef übers Ohr gehauen und der Justiz "ans Messer" geliefert. Für die Aufspürung Roldns kassierte er 1,8 Millionen Euro. Obendrein, so wird gemunkelt, ließ er die von dem Ex- Polizisten unterschlagenen Millionen verschwinden.

"El Zorro" (Der Fuchs), wie Paesa in Geheimdienstkreisen genannt wird, lebte laut "El Mundo" in Luxemburg zuletzt unter falschem Namen und mit argentinischem Pass. Nach seiner Entdeckung verschwand er sofort wieder. Dabei hätte er von der Justiz wenig zu befürchten gehabt. Alle Delikte, die ihm in Spanien zur Last gelegt werden, sind verjährt. Schon früher hatte er eine erstaunliche Fähigkeit bewiesen, den Fängen der Justiz zu entwischen. 1977 wurde er in der Schweiz wegen Unterschlagung inhaftiert, aber keine Geringere als Dewi Sukarno, die Witwe des indonesischen Ex-Präsidenten, zahlte die Kaution für seine Freilassung.

Paesa, ein begnadeter Herzensbrecher, hatte eine Romanze mit der früheren First Lady und ließ sich von der Millionenerbin in den internationalen Jet-Set einführen. Gut zehn Jahre später überraschte er die Fahnder mit einem neuen Trick. Als ein spanischer Richter einen Haftbefehl erließ, präsentierte Paesa einen Diplomatenpass, der ihm Immunität garantierte. Er hatte sich vom Inselstaat So Tom und Prncipe in Genf zum UNO-Botschafter ernennen lassen.

Von Hubert Kahl, dpa

Quelle: ntv.de