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Nepal jazzt Take Five in Lalitpur

Von Annette Pöschel

Nepal ist für Touristen mehr als Trekking, Rafting, Elefanten Reiten, mehr als buddhistische Tempel und hinduistische Paläste. Auch der Jazzfan kommt dort auf seine Kosten: mindestens einmal im Jahr beim Jazzfestival in Kathmandu. - Von einem Königreich im Himalaya, das sich aufschwingt, eine Jazz-Nation zu werden.

Grellrote Spots huschen über das Jahrhunderte alte Gemäuer aus rotem Ziegel, grüne über die mehrfach übereinander gefalteten Dächer des Königspalastes. Gelbe Lichtflecken zucken an den Schnitzerein der schwarzen Holzfenster auf, blaue hängen im umlaufenden Innengang des Chowks, des Innenhofes. Die wohl einzige Konzertlichtanlage Nepals zappelt durch die Nacht. Begleitet vom vermutlich einzigen Schlagzeug des Landes.

Es ist Cadenza, die hier aufspielt - eine von zwei Jazzbands in Nepal. Ihre Percussion-Bambusflöten-Gitarren-Soli hallen heute durch Gemächer, durch die vor 700 Jahren die Herrscher des damals unabhängigen Königreichs Patans wandelten. Mit Kathmandu zusammen gewachsen und nur vom Fluss Bagmati getrennt, steht die kleine Schwester der nepalesischen Hauptstadt an Sehenswürdigkeiten in nichts nach: Auf dem Durbar Square (Palast-Platz) stehen so viele Tempel - hinduistische wie buddhistische einträchtig nebeneinander -, dass er vollgestopft wirkt. Insgesamt aber sind die Bauten kleiner und feiner als in Kathmandu, weniger monumental. So ist Patan, auch Lalitpur "Stadt der Schönheit" genannt, genau die richtige Kulisse für eine junge aufstrebende Jazzband.

Wenn Cadenzas Gründer, Sänger und Drummer Navin die Schlegel auf die Trommeln und Becken dengelt, zuckt und zieht sich sein von einem zarten Bart umrundeter Mund abwechselnd breit wie ein Kühlergrill und zusammen zum Schmollmund. Im Takt nickt der braun gebrannte, kurz geschorene Kopf und wiegt sich mit geschlossenen Augen. Plong-Plong-Dibi-Plong-Di-Plong. Das Spiel betäube ihn fast, sagt er, lasse ihn auf einen Tripp gehen. "Ich gerate dabei in einen Sog, der mich förmlich fliegen lässt. Ich vergesse alles um mich herum, sogar wenn ich krank bin."

Mit auf diesem Trip sind in der Kernbesetzung Cadenzas drei Jungs aus Nordindien, aus Darjeeling, das überwiegend von Nachfahren nepalesischer Abstammung bewohnt wird: Navins jüngerer Bruder und Trompeter Pravin, Gitarrist Jigme und Bassist Chi. Vor gut acht Jahren zogen sie nach Kathmandu, um hier durch die Clubs zu tingeln - zunächst mit ihrer Rock- und Reggae-Musik und zunehmend mit deren spontaner Abwandlung. Kaum zufällig heißt Cadenza so viel wie "Passage für Improvisation". Navin beschreibt die Genesis zur Jazzband als eine Frage der Zeit. "Ich habe schon immer klassische indische Musik geliebt, die eigentlich eine Art Jazz ist. Über das Ausprobieren verschiedener Stile haben wir uns immer mehr in diese Richtung entwickelt." Und schließlich sogar den Jazz in Nepal salonfähig gemacht. Deshalb sind sie für ihren Freund und Manager Chhedup Bomzan auch die erste und einzige nepalesische Jazzband. "Cadenza hat mittlerweile ihre eigene Fangemeinde ", sagt er, "keine riesengroße, aber eine sehr treue. Auf den Konzerten siehst Du immer die gleichen Gesichter."

Navin ballt in seinem 1,60 m langen Körper ein explosives Gemisch aus Blues im Blut und Feuer in den Venen. Er bearbeitet das Schlagzeug mit all seinen Extremitäten, mit einer Virtuosität, die schwer glauben lässt, dass er sich erst vor ein paar Jahren das Spiel auf Töpfen und Pfannen selbst beibrachte. Scheinbar gleichzeitig trampelt, klopft und klingelt Navin aus den verschiedenen kunststoffbezogenen Hohlkörpern und Schellen die unterschiedlichsten Töne hervor, zu mindestens zwei verschiedenen Takten. Dabei grummelt der 31-Jährige wie ein Schamane, jammert wie eine einsame Katze und singt klar wie eine Sirene die Songs von Cadenzas jüngster und nunmehr dritter CD: "Jazz at Patan".

"Mit der Scheibe verneigen wir uns vor einigen wunderbaren Jazzmusikern. Wir haben die für uns schönsten Stücke dieser mehr als einhundert Jahre alten Stilrichtung kombiniert mit der traditionellen Indischen Klassik." So werden die Interpretationen von Paul Desmonds und Dave Brubecks "Take Five", Miles Davis' "All Blues" oder Antonio Carlos Jobims "Girl from Ipanema" nicht wie im Original von Gitarre, Trompete, Klavier oder Saxofon getragen. Dafür von Soli der Tabla, einem gongähnlich klingenden Trommelpaar, oder der Sarod, einer bauchigen, 25-saitigen Klampfe. Das lässt die alten Jazz-Klassiker beschwingt klingen, leichter, lebensfreudiger. Indischer eben. Oder nepalesischer, denn die Volksmusik der beiden Nachbarländer sind sehr ähnlich.

Cadenzas Musik ist kein klassischer Jazz, keine pure indische, nepalesische Klassik. Vielleicht noch nicht einmal nur eine Mischung. Cadenza eben - immer und immer wieder. Eine Spielform der sogenannten Weltmusik des sogenannten postmodernen Jazz, die Gemeinsamkeiten sucht und Neues schafft. So kann Navin auch gar nicht sagen, wer genau sein Vorbild ist, was seine bevorzugte Stilrichtung. Für die nächste CD lassen er und seine Freunde sich jedenfalls vom eigenen Kulturkreis inspirieren: "Wir werden traditionelle nepalesische Lieder verjazzen."

Wie Cadenza hier auf der Bühne steht, gemeinsam mit befreundeten Musikern - den Sängern, Tabla-und Sarod-Spielern aus Indien und Schweden -, erinnert dieses Konzert an Nepals erstes Jazzfestival: Jazzmandu. Bei dessen Abschlusskonzert im März 2002 standen alle zehn Bands gemeinsam auf der Bühne im Palast von Patan. "Alle Musiker spielten und improvisierten zusammen. Es war einfach nur großartig", schwärmt die Organisatorin Susan Sellars.

Jazzmandu hatte sie in weniger als drei Monaten aus dem Boden gestampft, gemeinsam mit Cadenzas Sänger Navin und Band-Manager Chhedup. Das muss der 32-Jährigen wohl im Blut liegen. Ihr Vater organisiert alljährlich das "Palmer Street Jazz Festival" in Australien. Dorthin hatte er auch Cadenza geladen. "Als wir sahen, wie viel die Musiker dabei von anderen gelernt haben", erzählt Susan, "inspirierte mich diese Erfahrung, mehr Nepali die Gelegenheit zu geben, gemeinsam mit ausländischen Künstlern aufzutreten." Dass es zunächst in erster Linie um die Bedürfnisse der Künstler ging und in zweiter um Publikum oder um Geld, hätte ihrer Meinung nach, das Festival ein erfolgreiches werden lassen. Denn die Spielfreude der Musiker, das Glück des Moments, hätte sich schließlich auch auf die Zuhörer übertragen. Den Erfolg des Festivals misst Susan allerdings auch daran, dass Künstler und eingefleischte Jazzfans nicht unter sich blieben. "Es hatte in Nepal per se keinen Jazzmarkt gegeben. Darum dachten viele, wir könnten niemals alle Tickets verkaufen. Schließlich haben sogar die Einheimischen 40 Prozent der Karten gekauft".

An die gelungene Premiere will die studierte Rechtsanwältin anknüpfen. Jazzmandu geht am 28. Februar in die zweite Runde. 13 Bands aus Nepal und Indien, Australien und Großbritannien, Frankreich und Norwegen werden bis Mitte März in Kathmandu, Patan und in der Trekking-Stadt Pokhara im Westen des Landes auftreten. Susan hat Großes vor: "Unser erklärtes Ziel ist es, die Stadt in der internationalen Jazz-Szene zu etablieren." So soll in zehn Jahren jeder, der von Kathmandu spricht, automatisch auch an Jazz denken. Dabei hofft sie, dass sich Touristen nicht noch mehr von den immer wieder aufflackernden Maoisten-Aufständen abschrecken lassen. Außerdem wollen die Organisatoren die Ausbildung von nepalesischen Musikern fördern. "Ein Viertel unserer Einnahmen geht in ein Projekt, in eine ortsansässige Schule, in der nepalesische und internationale Musiker gemeinsam spielen, voneinander lernen können."

Die kleinen Goldfische schwimmen ihre Runden im Takt. Ihr Aquarium steht in einer Hütte, an den nördlichen Ausläufern der Straße Lazimpath, wo Kathmandus Gassengewimmel lichter, die schicken Villen zahlreicher werden. Dort residieren teure Hotels und westliche Botschaften. Die Fische schwimmen im Takt von "Take Five" und "All Blues" und "Girl from Ipanema" in den Interpretationen von Cadenza. Über ihrem Glaskasten und unter dem Palmenblattdach hängen schwarz-weiß-Fotos von Paul Desmond, Dave Brubeck, Miles Davis, Antonio Carlos Jobim. Neben ihrem Glaskasten steht ein Holztresen und dahinter schenkt Chhedup Bomzan Bier aus. Es ist die einzige Jazz-Bar Kathmandus. Sie heißt "Upstairs" weil sie oben ist, eine Treppe über dem kleinen Gemischtwaren laden seiner Mutter.

Hier nahm die Karriere von Cadenza ihren Anfang, und mit Cadenza fand auch die Kneipe zu ihrer Blüte. Als Cadenza aus Darjeeling hierher kamen, wollten sie in Bars auftreten, erzählt der ehemalige Tiger-Safari-Führer im "Royal Chitwan Nationalpark" im Süden des Landes. "Aber die meisten Kneipen-Betreiber hatten kein Händchen dafür. So haben wir uns gesagt, machen wir unser eigenes Ding. Da es bis dahin keine Jazzbar in Kathmandu gab, haben wir das "Upstairs " gegründet." Seit dem tritt die Band zwei Mal die Woche hier auf, immer mittwochs und samstags - und zunehmend auch mit eigenen Kompositionen.

Quelle: n-tv.de