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Bilderbuch Mensch Tattoos sind für immer

"Biene", "Hasi", "Mama" oder "Jesus" - wer sich einen Namenszug in die Haut tätowieren lässt, der trifft eine schwerwiegende Entscheidung, denn "Ein Tattoo ist für immer". Unter diesem Titel ist nun ein Buch erschienen, das sich Großes vorgenommen hat: Es will die Geschichte der Tätowierung und des Tätowierens in Deutschland erzählen. Ein spannendes Thema, denn es verbindet Ritus, Folter, Subkultur und Mode und es ist so alt wie die Menschheit.

Tätowierter Ötzi

Die Ägypter taten es, Ötzi hatte ein Tattoo und die frühen Christen ritzten sich ebenfalls den Namen ihres Idols in die Haut. Als Erkennungszeichen, aber auch als Abgrenzung gegen die "Anderen". An diesem Grundmuster scheint sich wenig geändert zu haben, denn die echten "Tattoo-Freaks" wollen gewöhnlich beides: Abgrenzung von der Masse der Untätowierten, der Spießbürger und Körperlosen, und dazugehören zu der Gemeinschaft der Selbstverwirklicher und Individualisten.

Die Seeleute lebten diese Gemeinschaft mit ihren Tätowierungen einst vor. Ihre Haut las sich wie ein Fahrtenbuch: Ein Anker zeigte, dass der Matrose den Atlantischen Ozean überquert hatte, ein aufgetakeltes Schiff hieß, man hatte Kap Horn schon hinter sich, und ein Seemann, der in China war, ließ sich einen Drachen auf den Leib malen. Die Matrosen trugen die Bemalungen wie Orden vor sich her und die bürgerliche Bevölkerung war zwischen Bewunderung und Ekel hin- und hergerissen. Eine Ambivalenz, von der auch die Kuriositätenshows des 19. Jahrhunderts lebten. Dort zeigten sich tätowierte Menschen der Öffentlichkeit, die in Faszination und Ekel erstarrte.

Zwiespältig werden Tätowierungen noch immer bewertet. Dennoch waren Tattoos nie salonfähiger als heute. Die modischen Muster im Rückenbereich, am Knöchel eine kleine Rose oder ein Band am Oberarm sind heute kaum aufregender als ein Ohrring.

Verstecken vor den Nazis

Der Autor des Buches, Marcel Feige, kommt selbst aus der Szene und schöpft aus einem reichen Fundus an Geschichten von verschrobenen Typen und Bildern von unglaublicher Körperkunst. Überhaupt ist das Buch mit seinen 1.000 schwarz-weißen und bunten Fotos vorwiegend ein Bildband. Er zeigt historische Aufnahmen von "Tattoo-Legenden", deren Leiber über und über mit kunstvollen Bildern bemalt sind, Bilder von Tätowierten aus der Nazi-Zeit, die aus Angst vor Verfolgung trotzig ihr Gesicht hinter einer Maske verstecken. Marcel Feige zeigt uns neue Fotos von Tätowierten, mal künstlerisch-erotisch, mal dreckig-herausfordernd, mal schüchtern-verspielt. Er lässt Tätowierer und Tätowierte zu Wort kommen und sucht nach der Faszination, die das Spiel mit dem Körper ausmacht.

Doch die Fülle ist auch erschlagend und die Bilderreihen wirken teilweise wie ein Auswahlkatalog im Tätowiershop, neben Interviews, die pur und ohne jeden Zusammenhang abgedruckt werden. Auch scheint der Autor nicht davon auszugehen, dass seine Texte wirklich gelesen werden, denn er verliert sich in Wiederholungen und erzählt seine Geschichten selten zu Ende. Schade für ein interessantes Thema, denn so bleibt "Ein Tattoo ist für immer" ein Buch aus der Community für die Community.

Dominik Lenz

Marcel Feige, "Ein Tattoo ist für immer - Die Geschichte der Tätowierung in Deutschland", Berlin: Verlag Schwarzkopf und Schwarzkopf, 2002, 450 Seiten, 39,90 Euro.

Quelle: ntv.de