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n-tv.de Interview Terror, Medien und 68er

Bettina Röhl wurde bekannt, als sie vor zwei Jahren Fotos veröffentlichte, auf denen zu sehen war, wie Außenminister Fischer einen Polizisten verprügelt. In den folgenden Wochen wurde dann auch über die Journalistin selbst berichtet. Vor allem ein Thema rückte in den Mittelpunkt: Bettina Röhl ist die Tochter von Ulrike Meinhof. Im n-tv.de Interview äußert sich die Journalistin nun zur RAF-Ausstellung und zum Begriff der "Braunen Armee Fraktion".

Sie haben die geplante RAF-Ausstellung in Berlin in mehreren Artikeln kritisiert. Was gefällt Ihnen an dem Konzept nicht?

Der Idee, die RAF zu entmythologisieren und die neuere Geschichte der Bundesrepublik auch den Jüngeren näher zu bringen, finde ich sehr positiv. Ich bin der Ansicht, dass eine RAF-Ausstellung mit historischem Kern wichtig und förderungswürdig ist. Aber ich habe kritisiert, dass die Macher der Ausstellung selber nicht genügend Distanz zur Sache haben. Sympathisanten wäre zu viel gesagt, aber sie sind teilweise ideologisch im gleichen Fahrwasser geschwommen. Die Frage ist, ob solche Leute nun die Richtigen sind, andere zu belehren.

Sie haben auch kritisiert, dass die Opfer nicht zu Wort kommen.

Ich habe mich öffentlich zu Wort gemeldet, nachdem Frau Rohwedder und andere Angehörige von prominenten Opfern sich gegen die Ausstellung, die mit öffentlichen Fördergeldern finanziert werden sollte, gewandt hatten und der Kanzler und der Innenminister die Berücksichtigung der Opfer öffentlich angemahnt hatten. Die Macher der RAF-Ausstellung haben mir inzwischen ihr neues Konzept vorgelegt und mich zu einem persönlichen Erörterungsgespräch gebeten. In dem neuen Konzept wird auf die Historie verzichtet, es soll nur noch "Kunst um die RAF herum" gezeigt werden. Ich sehe jedoch die Gefahr, dass Tendenz-Kunst gezeigt wird. Es werden einige Künstler genannt, die dem Phänomen RAF nicht mit der genügenden Distanz gegenüber standen, zum Beispiel Gerhard Richter. Das Ergebnis solcher Kunst war es gerade, dass es den Terroristen bis heute gelungen ist, sich selbst zu den eigentlichen Opfern hoch zu stilisieren.

Der bayerische Innenminister Beckstein spricht momentan von der Gefahr einer "Braunen Armee Fraktion". Ist dieser Vergleich aus Ihrer Sicht legitim?

Es ist verantwortungslos von einer "Braunen Armee Fraktion" zu sprechen. Das ist reiner Populismus. Da halte ich es mit Schily, der diesen Vergleich zu Recht kritisierte. Die RAF konnte auf Strukturen zurückgreifen, die – wie man heute weiß – von subversiven, kommunistischen Kräften in der BRD geschaffen worden waren. Ob in den Verlagen, in den Medien oder in der Justiz – es ist bekannt, dass gerade diese Bereiche bevorzugte Ziele von kommunistischer Unterwanderung waren. So ist offenbar das Klima entstanden, dass viele damalige Linksintellektuelle, Schriftsteller und Professoren öffentlich Verständnis äußerten oder die RAF gar direkt unterstützten. Auch während die RAF aktiv war, gab es Hilfe aus Ostberlin. Hinter den Terroristen stand ein gigantischer Machtfaktor und eine ganze Generation von Sympathisierenden. Das kann man nicht vergleichen mit einem Häuflein Primitiv-Idioten, die jetzt in Bayern von der Polizei gefasst wurden. Da muss man auch die Medien kritisieren, die den Begriff "Braune Armee Fraktion" gierig verbreitet haben.

Sie behaupten auch, die Medien seien mitverantwortlich für die Terroranschläge am 11. September.

Gerade terroristische Akte werden durch die Medien befördert. Die El-Kaida konnte sich doch nichts Besseres wünschen, als dass die Bilder von den einstürzenden Türmen um die Welt gehen. Ohne die Medien wären die Anschläge, die ja keinen operativen Sinn machten, sondern nur einen Showeffekt intendierten, wohl kaum durchgeführt worden. Medien und Terrorismus haben einen fatalen Zusammenhang. Das ist etwas, worüber die Gesellschaft nachdenken muss.

Vor zwei Jahren fühlten Sie sich in einer Medien-Hetze ausgesetzt, richtig?

Es gab objektiv eine Hetze gegen meine Person. In der Sache ging es darum, dass ich Fotos veröffentlicht habe, die Joschka Fischer zeigten, wie er zusammen mit dem späteren Opec-Terroristen Hans Joachim Klein einen Polizisten verprügelt. Kaum waren die Bilder in "Stern" und "Bild" erschienen, haben einige Medien behauptet, ich hätte die Bilder als "traumatisierte, fanatische Terroristentochter und Verschwörungstheoretikern" veröffentlicht. Und dies ohne, dass die Journalisten, die über mich schrieben, meine Person kannten, mich befragten oder sonst zu Wort kommen ließen. Diese Verleumdungen wurden dann ebenfalls unüberprüft von den Agenturen verbreitet und standen damit in allen Medien bis ins Ausland hinein. So entstand schnell das Zerrbild einer Phantomtochter, die mit meiner Person nichts zu tun hat. Offenbar empfanden viele die Fotos als so brisant, dass man in einer Art Übersprungshandlung nicht die Vergangenheit des prügelnden Außenministers hinterfragte, sondern die Überbringerin der schlechten Botschaft "köpfte".

Auf ihrer Homepage kritisieren Sie die so genannte 68er-Generation des Öfteren. Gibt es auch etwas, dass sie positiv an ihr finden?

Das hört sich so an, als würde ich die 68er insgesamt verdammen, was nicht der Fall ist. Die 68er haben altersbedingt heute in der Gesellschaft, den Amtsstuben und Schulen das Sagen. Das ist Fakt. Die 68er sind Regierung und müssen nicht nur von der Opposition, sondern auch von Journalisten kontrolliert werden. Ich kritisiere keine Generation, sondern die Ideologie und zu ihrer Frage ...

... ob es auch etwas Positives bei den 68ern gab?

Also, eine Generation macht nicht nur Positives oder Negatives. Zu der damaligen Zeit gab’s in Deutschland einigermaßen Wohlstand. Es kam die Pille und der Pop. Das alles war aber kein Verdienst der 68er - sondern von deren Eltern. Was die 68er dann an Ideologie frei nach Mao reproduzierten, - sie wollten den Staat zerstören und Zustände wie heute in Nordkorea - daran kann ich nichts Positives entdecken. Man darf den aufbrechenden, feiernden Zeitgeist der sechziger und siebziger Jahre, von dem die ganze Gesellschaft profitiert hat, nicht mit der 68er Ideologie in einen Topf werfen. Wir sind alle Nutznießer des positiven Schwungs, der teils mit den 68ern verbunden ist, der sich teilweise aber auch entgegen der 68er-Irrungen entfaltete. Diese Generation lebt in dem Selbstirrtum, dass sie das Positive bewirkt hätte, in das sie hineingeboren wurde.

Sie haben sich an Artikeln gestört, in denen über Ihr Verhältnis zu Ihrer Mutter, Ulrike Meinhof, berichtet wurde, ohne dass Sie überhaupt befragt wurden. Wie war denn ihr Verhältnis?

Mein persönliches Verhältnis zu meiner Mutter würde ich als normal bezeichnen. Ich fürchte aber, dass meine Mutter kein normales Verhältnis zu ihren Kindern hatte. Näher ins Detail möchte ich da allerdings nicht gehen. Ich bin sehr privilegiert in einer großbürgerlichen Umgebung aufgewachsen. Das Thema Meinhof hat für mich in der Schule, später in der Uni und auch selbst im Journalismus keine Rolle gespielt.

(Das Interview führte Jan Hildebrand)

Quelle: ntv.de