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Das Airbus-Prüfprogramm Testen bis es kracht

Als die A380-Tragfläche beim Belastungstest einreißt, stürzt in der vergangenen Woche nur der EADS-Aktienkurs ab. Bruchversuche wie das Experiment in Toulouse gehören zum umfangreichen Sicherheitsprogramm, das jeder neue Jet vor dem ersten Passagierflug durchläuft. Ingenieure und Piloten gehen beim Erproben weit über Grenzen normalen Flugbetriebes hinaus. Am Samstag landete ein A380-Versuchflugzeug wie geplant in Singapur. Dort wird der Jet bei der Luftfahrtmesse Asian Aerospace vorgestellt.

Bei dem Bruchversuch in einer Halle in Toulouse wurde die Tragfläche der Höchstbelastung, dem so genannten "ultimate load", ausgesetzt. Dieser Wert liegt beim 1,5-fachen des Standardwerts, des so genannten "limit load". Dieser wiederum deckt die Belastungen ab, denen ein Flugzeug bei einem normalen Flugbetrieb ausgesetzt ist. Bei dem Test sei jetzt das 1,45-fache des "limit load" erreicht worden, berichtete Airbus.

Testprogramme für neue Jets bestehen hauptsächlich aus drei Teilen: Beim Statikversuch wie in Toulouse wird das Flugzeug extrem verbogen und gestreckt. Dazu kommen 2.500 Stunden Testflug. Dann steuern Piloten und Ingenieure Manöver, die weit über Betriebslimits normaler Reiseflüge hinausgehen. Drittes Element ist ein Dauertest, den der A380 bei einer Spezialfirma in Dresden absolviert. Dort wird ein Flugzeugleben wie im Zeitraffer simuliert, um Materialermüdung zu entdecken.

Bodentests wie der Bruchversuch bei Airbus sind Beispiel für den hohen Sicherheitsstandard im Flugzeugbau. Vor rund 50 Jahren, am Beginn des Jetzeitalters, zahlte die Branche in diesem Bereich noch tödliches Lehrgeld. Eines der ersten Düsenpassagierflugzeuge der Welt, die britische Comet, riss bei einer Absturzserie mehrere Dutzend Menschen in den Tod. Erst bei der Unfalluntersuchung stellte sich heraus, dass Materialermüdung Grund für die Katastrophe war. Um solche Fälle auszuschließen, verlassen sich Hersteller und Zulassungsbehörden nicht auf Computertests und Berechnungen, sondern absolvieren umfangreiche Testprogramme.

Für Flugversuche schickt Airbus vier A380 in die Luft. Seit dem ersten Start im April 2005 waren drei Jets insgesamt 900 Stunden unterwegs. Die vierte A380 steht vor dem Jungfernflug. Airbus-Chefpilot Claude Lelaie und sein Team beschleunigen die Giganten bis fast an die Schallmauer, prüfen das Verhalten im extremen Langsamflug oder den Ausfall von Systemen.

Bei Versuchsflügen greifen die Airbus-Tester bewusst noch nicht auf alle Sicherheitsreserven der elektronischen Flugsteuerung zurück. Im späteren Linienbetrieb soll die Flugregelung extreme Manöver korrigieren und so eine Überlastung des Jets verhindern. Im Testeinsatz fliegen die Airbus-Piloten zeitweise ohne diese Funktion, um das Verhalten des riesigen Jets in allen Flugzuständen auszuprobieren. "Derzeit machen wir mit jedem Flugzeug zwei Testflüge pro Tag. Mit den Flugleistungen sind wir bisher sehr zufrieden", sagte Lelaie.

Bei einer Versuchsreihe in Kanada prüften die Ingenieure außerdem, wie sich das Flugzeug bei extremer Kälte von minus 50 Grad am Boden verhält. An -und Abflüge an hoch gelegenen Flughäfen mit geringer Luftdichte probierte Airbus in Kolumbien aus.

Der Hersteller hatte am vergangenen Freitag erklärt, dass bei dem Belastungstest die Spitze einer Tragfläche um 7,4 Meter über das normale Maß hinaus gebogen worden war. Dabei habe es einen Riss zwischen den beiden Triebwerken gegeben. "Bei so extremen Belastungen ist so etwas nicht überraschend. Wir sind zuversichtlich, die Zulassungsanforderungen - eventuell mit einigen Optimierungen - zu erfüllen", hieß es bei dem Flugzeugbauer.

Auch wenn sich Airbus als Folge des Bruchtests entschließt, die Flugzeugstruktur zu modifizieren, bedeutet das keine Freigabe für alle Zeit. Passagierflugzeuge werden auch im Linienbetrieb intensiv überwacht. Treten Defekte auf oder werden Konstruktionsfehler nachträglich deutlich, handeln Hersteller und Behörden: Eine Reparaturanweisung informiert alle Betreiber und setzt je nach Art des Fehlers Fristen für die Modifikation.

Quelle: n-tv.de

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