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Schmutzige Tricks Untreue bei Parmalat

Im milliardenschweren Bilanzskandal beim insolventen italienischen Lebensmittelriesen Parmalat fördern die Ermittler immer mehr schmutzige Tricks zu Tage.

Der Schuldenberg des Konzerns habe Ende vergangenen Jahres wohl eine Milliarde Euro höher gelegen als in den Büchern angegeben, verlautete am Montag aus Justizkreisen. Zudem wurden neue Vorwürfe gegen den inhaftierten Firmengründer und Ex-Parmalat-Chef Calisto Tanzi bekannt, dessen Familienholding das Unternehmen weiter kontrolliert.

Justizkreisen zufolge steht Tanzi nun in Verdacht, neben dem Ausweis falscher Bilanzwerte in Milliardenhöhe auch Hunderte Millionen Euro bei Parmalat veruntreut zu haben.

Die ohnehin praktisch wertlosen Parmalat-Aktien werden nach einer Entscheidung der Mailänder Börse bis auf weiteres nicht mehr gehandelt.

Bei ihren bislang zehn Tage dauernden Untersuchungen hat die Staatsanwaltschaft nach eigenen Angaben ein ganzes Netz von Briefkastenfirmen enthüllt, die eigens dazu gedient hätten, Verluste des Konzerns zu verschleiern. Justizkreisen zufolge werden hochrangige Manager verdächtigt, in der Firmenzentrale Dokumente zerstört zu haben. Über beschlagnahmte Computer könnten die Behörden aber Informationen retten.

Unterdessen ergaben vom kürzlich eingesetzten neuen Konzernchef Enrico Bondi in Auftrag gegebene Untersuchungen, dass die Schulden im vergangenen Jahr deutlich höher waren als angegeben, wie es in Justizkreisen hieß. So hätten die Verbindlichkeiten bei der für den Geschäftsbetrieb zuständigen Parmalat Spa, die die Konzerntöchter in Italien und der ganzen Welt kontrollierte, Ende 2002 bei 8,2 Milliarden Euro gelegen, während sie in der Bilanz mit lediglich 7,2 Milliarden Euro beziffert worden waren. Im laufenden Jahr habe sich dieSchuldenlage bei Parmalat Spa noch erheblich verschlechtert.

FIRMENGRÜNDER DER VERUNTREUUNG VERDÄCHTIGT

Parmalat-Gründer Tanzi war am Samstag festgenommen worden. Justizkreisen zufolge wurde die Liste der Verdachtsmomente um die Punkte betrügerischer Bankrott, der im Höchstfall mit zehn Jahren Gefängnis bestraft wird, und Bildung einer kriminellen Vereinigung, verlängert. Tanzi, der bis zu sechs Monate in Untersuchungshaft gehalten werden kann, wird ferner der Marktmanipulation und der Bilanzfälschung verdächtigt.

Anklage wurde gegen ihn bislang nicht erhoben. Insgesamt ermitteln die Staatsanwälte gegen 20 Personen, darunter frühere und gegenwärtige Manager und externe Buchprüfer.

Zeitungsberichten zufolge werfen die Ermittler Tanzi nicht nur vor, die Zerstörung von Dokumenten angeordnet und falsche Vermögenswerte in den Büchern ausgewiesen zu haben, sondern auch unter anderem zu eigenen Gunsten Gelder in Höhe von 800 Millionen Euro beiseite geschafft zu haben. Tanzis Anwalt Michele Ributti hatte den Vorwurf der Unterschlagung bereits am Sonntag zurückgewiesen.

"Es ist kein Geld verschwunden, es geht um nicht existierende Vermögenswerte", sagte Ributti.

Im größten Unternehmensskandal in Italien seit mehr als zehn Jahren hatte ein Gericht das größte Lebensmittelunternehmen des Landes für insolvent erklärt. In den Bilanzen des Milchverarbeiters waren Löcher aufgetreten, die sich nach Schätzungen der Ermittler auf mehr als zehn Milliarden Euro belaufen könnten.

Die Insolvenz erlaubt der achtgrößten italienischen Industriegruppe, den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten und ihre weltweit 35.000 Beschäftigen sowie Milchbauern und Zulieferer zu bezahlen. Tausende Finanzgläubiger müssen aber weiterhin auf ihr Geld warten. Parmalat muss binnen eines halben Jahres einen Rettungsplan vorlegen.

Quelle: n-tv.de

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