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Schwarzgeld-Paradies Spanien? Verdächtiger Rekord an 500ern

Der 500-Euro-Schein wird im Volksmund in Spanien "Bin Laden" genannt. Der Grund: Jeder hat schon mal von ihm gehört, persönlich bekommt ihn aber kaum jemand zu sehen. Viele Läden und die Tankstellen nehmen die großen Scheine wegen fehlenden Wechselgeldes oder aus Furcht vor Fälschungen erst gar nicht an. Die Anspielung auf den Chef des Terrornetzwerks El Kaida scheint nach kürzlich bekannt gewordenen Zahlen der Zentralbank in Madrid aber nur bedingt zu stimmen - zumindest statistisch. Demnach sind in Spanien nämlich rund 100 Millionen der lilafarbenen Scheine im Umlauf, was einem Viertel aller 500-Euro-Noten in der Euro-Zone entspricht. Bei Einführung der europäischen Währung vor vier Jahren waren es nur 13 Millionen.

Diese Zahlen haben das Finanzministerium auf den Plan gerufen. Es leitete eine Untersuchung ein, denn die Masse an "Fünfhundertern", die bereits 60 Prozent des gesamten Bargeldes in Spanien ausmachen, entspricht in keiner Weise der Wirtschaftskraft des Landes. Immerhin geht es um einen Nennwert von 50 Milliarden Euro. Dazu passt, dass die Schattenwirtschaft in Spanien Schätzungen zufolge inzwischen 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmacht.

Nach Erkenntnissen der Finanzfahnder ist die riesige Nachfrage der großen Scheine unter anderem auf Schwarzgeldgeschäfte zurückzuführen, vor allem in der seit Jahren boomenden Immobilien- und Baubranche. Um etwa beim Kauf oder Verkauf einer Wohnung weniger Steuern zu zahlen, ist es durchaus üblich, bei der Beurkundung des Vertrages einen weitaus niedrigeren Preis anzugeben. Die Differenz wird dann mit so genanntem B-Geld beglichen - am Fiskus vorbei.

Dies geschieht nicht nur in dunklen Hinterzimmern, sondern auch weniger diskret während der Unterzeichnung des Vertrages beim Notar, in Anwesenheit von Maklern und Bankenvertretern. In Spanien, wo seit jeher die Devise "kaufen statt mieten" gilt und die Spekulation blüht, wurden allein im vergangenen Jahr mehr als 800 000 Wohnungen gebaut - da könnten schon so einige "Fünfhunderter" zusammenkommen, meinen Experten.

Aber auch Geldwäsche spiele eine Rolle: Spanien ist zu einem Hauptumschlagplatz für Drogen geworden. Nirgendwo sonst in Europa wurde im vergangenen Jahr so viel Kokain beschlagnahmt (50 Tonnen), und bei Haschisch und Marihuana (650 Tonnen) liegt das Land gar weltweit an der Spitze. Die enormen Summen aus dem Rauschgifthandel müssten "gewaschen" werden und fließen zum Teil ebenfalls in den Immobiliensektor, wie es heißt.

Das Finanzministerium will die Kontrollen nun verschärfen und überlegt, von jeder Bank Angaben über die am Schalter ausgegebenen und angenommenen 500-Euro-Scheine anzufordern, wie die Zeitung "El Pas" berichtete. Schon jetzt sind die Geldinstitute im Kampf gegen die Geldwäsche verpflichtet, bei jeder Ein- oder Auszahlung von mehr als 3.000 Euro den Ausweis des Kunden zu verlangen und davon eine Fotokopie zu machen.

Von Jörg Vogelsänger, dpa

Quelle: ntv.de