Archiv

Investoren begeistert Vietnam kommt an

von Christiane Oelrich, dpa

Sie haben richtig Feuer, die jungen Leute in Vietnam. "Ich bin ehrgeizig und will Karriere machen", sagt Quynh Tran (21) selbstbewusst. Die junge Frau studiert in Ho-Chi-Minh-Stadt Deutsch. Danach will sie zur Managementschule. Vu Dinh Cuong ist 29 und hat sieben Jahre in München Bauingenieur studiert. Jetzt brennt er darauf, seine Tiefbaufirma voranzubringen. "Geld machen" geben drei junge Studentinnen in Hanoi lachend als wichtigstes Ziel an. Das kommunistische Vietnam ist plötzlich ein Land mit unbegrenzten Möglichkeiten, vor allem mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO). Mehr Demokratie steht bei kaum jemand ganz oben auf der Wunschliste.

"Ob Kommunisten oder nicht: Wenn die Regierung das Land entwickelt, dann lass sie machen", sagt Nguyen Van Nhiem (51), Direktor eines Filmstudios in Hanoi. "Gewisse Schranken sind gut, sofort die ganze Freiheit, das funktioniert sowieso nicht", sagt er und verweist auf die desolate Lage im Irak.

Den Investoren aus dem demokratischen Westen bietet das kommunistische Vietnam Stabilität: keine Regierung, die sich mit der Opposition reiben muss, keine langwierigen Debatten oder lauter Dissenz; all dies wird Interessenten als großes Plus verkauft. "Bisher gab es keinen Anlass, mit der Regierung unzufrieden zu sein", sagt der Vertreter der deutschen Industrie in Vietnam, Jan Noether.

In Südostasien aktive Unternehmer verweisen auf Thailand, die Philippinen und Indonesien, wo Demokratieexperimente sehr gemischte Ergebnisse bringen, vor allem eben ein Element der Unberechenbarkeit. "Die Kommunisten bringen einen hohen Stabilitätsfaktor", sagt der deutsche Unternehmer Holger Benthien, der in Vietnam seit 14 Jahren eine Keramikfabrik hat. "Es sind ja keine Steinzeitkommunisten."

"Wir dürfen hier nicht mit europäischem Demokratieverständnis anrauschen", meint Benthien. Nach der Devise verfahren auch die deutschen Stiftungen zur politischen Bildung in Vietnam. "Die Kommunistische Partei ist der Motor der Reformen, und sie geht in die richtige Richtung", sagt der Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Hanoi, Willibold Frehner. "Demokratie ist nicht das Ziel, aber der Effekt von Reformen." Er bietet der Regierung deutsche Experten, die etwa über Umweltgesetze referieren. Manches davon findet dann später Eingang in vietnamesische Bestimmungen.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung arbeitet mit der Kaderschmiede der kommunistischen Partei zusammen. "Wir gehen den Weg, Reformkräfte von innen zu stärken", sagt ihr Leiter in Hanoi, Felix Schmidt. Sie bietet dort etwa ein Seminar über "soziale Demokratie" an. Mehr Druck zur politischen Öffnung sehen Schmidt und Frehner fehl am Platz.

Ende vergangenen Jahres streikten Arbeiter in mehreren ausländischen Firmen in Vietnam plötzlich wegen schlechter Löhne. "Da hat die Partei gemerkt, dass Gewerkschaften nicht nur gut sind, um Ideologie nach unten zu geben", sagt Schmidt. "Die Regierung will keine Proteste von unten und merkt, dass Mitbestimmung ein Ventil ist", sagt Frehner.

Viele Vietnamesen blicken neidisch auf das Wirtschaftswunder in Singapur. Dort regiert die Partei von Staatsgründer Lee Kuan Yew seit der Unabhängigkeit 1963 mit harter Hand. Dessen Sohn, Premierminister Lee Hsien Loong, sagt klar, dass liberale Demokratiekonzepte aus dem Westen in Asien nicht unbedingt erstrebenswert sind. "Das ist keine Zauberformel für den Erfolg", sagte er unlängst bei einer Veranstaltung der Adenauer-Stiftung in Singapur. "Institutionen aus anderen Ländern in unser politisches System zu kopieren kann mehr Schaden anrichten als helfen."

Quelle: ntv.de