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Sunny State? Vor dem SAP-Forum "Sapphire" in Florida

von Manuel Vaid

Systeme, Anwendungen, Programme - das Firmenkürzel soll eine klare Botschaft vermitteln. „Offenheit, Integrationsfähigkeit und ein umfassendes Lösungsportfolio“ - so sieht es Hasso Plattner, der dem Vorstand des Softwarekonzerns gemeinsam mit Henning Kagermann vorsteht. Allein die Börse will diese Einschätzung nicht so ganz teilen; seit März (rund 180 ) befindet sich der Kurs des Dax-Unternehmens auf Talfahrt (aktuell unter 110 ). Ob zu Recht oder zu Unrecht, wird Plattner heute beim SAP-Analystenforum „Sapphire“ in Orlando, Florida, erläutern dürfen.

Noch zu Beginn des Jahres hatte SAP den Kapitalmarkt gleich mit zwei positiven Überraschungen verblüfft. Am 9. Januar hatte der Konzern frühzeitig bekannt gegeben, den Umsatz in 2001 um mehr als 15 Prozent gesteigert zu haben. Zwei Wochen später bestätigte SAP (Umsatz: 7,34 Mrd. EUR, +17 %) nicht nur, sondern begeisterte mit einem Ausblick auf 2002, der deutlich weniger konservativ ausfiel, als alle - einschließlich des Unternehmens - bis dahin für möglich gehalten hätten.

So sprach man in Walldorf von einem Umsatzwachstum in 2002 von weiteren 15 Prozent und einer Erhöhung der operativen Marge, die um mindestens einen Prozentpunkt über dem Vorjahreswert von plus 20 Prozent liegen werde. Leider lässt das erste Quartal des laufenden Geschäftsjahres noch keine Schlüsse darauf zu, wie sehr sich SAP der eigenen Zielvorgabe genähert hat. Unter Einbeziehung von Akquisitionsaufwendungen (u.a. die anteilige Konsolidierung von Commerce One) ging das Ergebnis der Aktie zwar von 0,35 Euro auf 0,21 Euro zurück. Doch der Vergleichszeitraum 2001 sei wegen der außergewöhnlich hohen Umsätze als Maßstab kaum geeignet, so Carmen Weber, Fondsmanagerin bei Metzler Investment. Unbenommen aller Kapitalmarkt-immanenten Bewertungsrisiken hält Weber im Konsens mit der Analystengemeinde das zweite Halbjahr für die Schlüsselgröße 2002.

Fundamentale Größen wie etwa die US-Konjunkturdaten verhießen schon eine Trendwende, so Weber - doch was nützte dies, wenn es der Kapitalmarkt nicht, wie bislang gewohnt, antizipierte. Eine fundamentale Größe sei nach wie vor auch das Produktportfolio des Weltmarktführers für Unternehmenssoftware. Von dem strategischen Vorteil der SAP-Palette etwa gegenüber dem US-Spezialsoftwareanbieter Siebel Systems ist Carmen Weber weiterhin überzeugt. "Integrierte Softwarelösungen werden für die Unternehmen immer wichtiger. Optimierungsprozesse in verschiedenen Bereichen eines Unternehmens greifen heute immer mehr ineinander über". In Verbindung mit der Internetplattform mySAP.com verfüge SAP auch hier über ein sehr leistungsstarkes Produkt. Die meisten Firmen wünschten sich bei neuen Anforderungen an ihre IT-Struktur Programme, die die bestehenden optimal ergänzten. "Zwar kann man Erweiterungsprogramme auch woanders beziehen - bei auftretenden Problemen mit der Programmkompatibilität wird die Verantwortung aber häufig von einem Anbieter auf den anderen geschoben".

So zukunftsträchtig die Geschäftsfelder CRM (Customer Relations Management) oder SCM (Supply Chain Management) sein mögen - im Moment fehlt es den Kunden von SAP an Kunden, deren Verwaltung es zu optimieren gälte. Hinzu kommt die Ankündigung des US-Softwaregiganten Microsoft, SAP hier anzugreifen. Nach einem kurzen Aufschrei hatte sich die Börse bald wieder über den bevorstehenden Einstieg von Microsoft beim dänischen Softwarehersteller Navision beruhigt. Ganz unbegründet wäre die Sorge über die auf 1,7 Mrd. Euro geschätzte Transaktion nicht; Navision versteht sich als Anbieter von integrierten und branchenorientierten Software-Lösungen für Unternehmen. Mit jeweils einzeln integrierbaren Tools soll dabei die gesamte Wertschöpfungskette des Unternehmens abgedeckt werden. Dies umfasst Enterprise Resource Planning (ERP), z.B. Software für die Finanzbuchhaltung oder das Personalwesen. Und die Produktions- planungs- und Steuerungssysteme (PPS), ebenso wie das erwähnte SCM bzw. CRM. Genau die Bereiche also, die SAP auch in Zukunft dominieren möchte.

Zugegeben, gemessen am Umsatzvolumen (im unteren dreistelligen Millionenbereich) oder der Mitarbeiterzahl (1.200 ggü. fast 30.000 bei SAP) ist Navision vergleichsweise klein. Doch nicht nur die hohen Wachstumsraten sind beachtlich. Als sich für Microsoft auch aus juristischen Gründen das Ende der Expansion für MS Windows abzeichnete, verfolgte der von Bill Gates gegründete Konzern ein geschickte Taktik: Man nutzt die breite Kundenbasis, um Zugang zu neuen Technologien zu bekommen. Im Privatkundenbereich hat Microsoft das nicht nur beim Internet, sondern bereits auch im Mobilfunk erfolgreich praktiziert, weiß Weber.

Die Aufmerksamkeit SAP-Führung dürfte jedoch zunächst weniger der möglichen Konkurrenz aus den USA gelten als vielmehr der Frage, wie sich die eigenen Produkte endlich auch erfolgreich bei kleinen und mittelständischen Unternehmen etablieren lassen. "Viele große Unternehmen fragen sich vor der Implementierung neuer Software: Gibt es den Anbieter in zwei Jahren noch?", sagt Carmen Weber. Für die Gruppe kleiner und mittelständischer Gruppen gilt dies offenbar nicht so sehr. Auch der Druck vieler SAP-Großkunden auf ihre Zulieferer, kompatible Systeme zu integrieren, beschert SAP nicht hinreichend Geschäft. So kaufte Plattner im März die israelische TopManage, die sich auf Software für kleine und mittelständische Unternehmen spezialisiert hat, die „aufgrund ihrer Struktur weniger auf individuelle Lösungen und branchenspezifische Funktionen angewiesen sind“. Was SAP nun unter dem Namen „Small and Medium Business“ (SMB) brandet, muss jedoch erst einmal vertrieben werden.

A Propos Vertrieb - vor knapp zwei Wochen kündigte SAP an, dass der bisherige Vertriebschef für die Region EMEA (Europa, Naher Osten und Afrika), Leo Apotheker, ab sofort die Gesamtverantwortung für den weltweiten Vertrieb übernehmen wird. In dieser Funktion löst er interimsweise auch den erst seit zwei Jahren amtierenden Nordamerika-Vertriebschef Wolfgang Kemna ab. Ob der US-Absatz nicht rund läuft ist eine Spekulation. Dass sich die Vertriebschefs "die Klinke in die Hand" gäben, sei aber schon auffällig, so Weber.

"In Anbetracht der Tatsache, dass andere Player von einem Nullwachstum in 2002 ausgehen, ist das schon bemerkenswert", erklärte Carmen Weber im Januar zur optimistischen Prognose von SAP. Folgerichtig hält sie heute die Frage nach der Einhaltung dieser Ziele für die drängendste. Das Analystenforum „Sapphire“ in Orlando sei erfahrungsgemäß ohnehin kein Ort, an dem Jahr für Jahr revolutionäre Produktinnovationen vorgestellt würden. Wahrscheinlicher sind da Wohl Äußerungen, die man in die Nähe einer Gewinnwarnung rücken könnte

Quelle: ntv.de

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