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Der Niedergang einer Idee Warenhäuser im Wandel

Der Niedergang begann vor fast 40 Jahren. Seinen Ursprung nahm er am Stadtrand. Denn dort wuchs ein Monster heran. Zunächst wurde es unterschätzt. Doch schnell wurde es gefürchtet. Inzwischen ist es unter uns - und könnte den Tod einer genialen Idee bedeuten.

Die Idee stammt aus dem 19. Jahrhundert. Damals entdeckten die Einzelhändler des Landes den stationären Handel. Plötzlich gab es in angenehm gestalteten Verkaufsräumen Waren zum Anfassen. Die Preise wurden festgelegt, nicht wie zuvor ausgehandelt. Das war vor 150 Jahren alles neu. Das Warenhaus war geboren. So entstanden Kaufhof, Karstadt oder auch Hertie.

Glanz der Vergangenheit

100 Jahre lang war diese Idee ungefährdet. Der Expansion waren kaum Grenzen gesetzt. Die Gründer bauten große Betonklötze in die Innenstädte und schaufelten den Kunden das Geld aus dem Portemonnaie. "Alles unter einem Dach", dieses Motto stand für ein neues Einkaufsgefühl.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die großen Warenhäuser ein wichtiger Teil des deutschen Wirtschaftswunders. Deutschland wurde wieder aufgebaut, und mit ihm wuchsen die Generalisten. In den 50er Jahren beschwerten sich kleine Händler, die Kunden würden ihnen ob der Warenhäuser davonlaufen. Tante Emma bekam es mit der Angst zu tun.

Nach dem Wunder ist vor der Krise

Doch die Idee war nur so lange brillant, bis es eine bessere gab. Und so beginnt der Niedergang am Ende der 60er Jahre. Da kamen findige Händler auf die Idee, Fachmärkte und Einkaufszentren mit riesigen Parkmöglichkeiten ins Grüne zu bauen. So lockte man die Leute bequem mit dem Auto an den Stadtrand und räuberte den unbeweglichen Warenhäusern die Kundschaft.

Ein Blick ins Archiv des "Spiegel": In einem Artikel aus dem Jahr 1969 finden sich erste Anzeichen dafür, dass das Stadtrand-Konzept aufging. Der Artikel hieß "Drang nach draußen" und begann wie folgt: "Mit geringschätzigem Lächeln taten Westdeutschlands Warenhaus-Manager noch vor Jahresfrist die neuen Verbrauchermärkte vor den Toren der Städte als 'miese Schuppen' ab. Das Lächeln ist ihnen vergangen."

In die Innenstädte geschlichen

Der Grund: In nur vier Jahren waren 625 solcher Einkaufszentren gebaut worden. Das Monster bekam ein Gesicht. Der Autor beschrieb weiter, dass von einem Jahr zum anderen die Umsatzsteigerung der Warenhaus-Ketten von 9,2 auf rund 4 Prozent sank. Währenddessen florierte der gesamte Einzelhandel konstant um die 9 Prozent.

Vor 20 Jahren dann drängten die Einkaufszentren langsam in die Innenstädte. Den Warenhäusern drohte Ungemach im eigenen Revier. Und sie waren nicht darauf vorbereitet. Das zeigt ein Interview aus dem Jahr 1986 mit dem Horten-Chef Heinz Garsoffky. Dieser sagte damals: "Die Innenstadt ist nicht das Revier der Verbrauchermärkte:" Das Konzept würde in der Stadt nicht ziehen, alleine schon, weil die Parkplätze fehlten, war er sich sicher.

Umsatzanteil sinkt rapide

Garsoffky sollte sich täuschen. Die Fußgängerzonen der Nation sind längst nicht mehr Warenhaus-Territorium. Wer geht schon in den Kaufhof, wenn nebenan der Edeka lockt? Wer kauft seine Jeans bei Hertie, wenn zwei Türen weiter Esprit auf ihn wartet? Wer schiebt sich durch die engen Schmuckgassen bei Karstadt, wenn er sich bei Christ edel beraten lassen kann? Und wer geht nicht in das schöne Einkaufscenter, wenn er dort all diese Geschäfte "unter einem Dach" vorfindet?

Der Umsatzanteil der Warenhäuser am gesamten Einzelhandelsumsatz beläuft sich aktuell auf 3,3 Prozent. Er war lange Zeit einmal zweistellig. Fachmärkte haben inzwischen 13,7 Prozent, Discounter 13,3 Prozent. Inzwischen gibt es mehr als 400 großflächige Einkaufszentren in den Innenstädten Deutschlands.

Pleiten der Gegenwart

Die Lage der Warenhäuser ist dramatisch. Hertie ging 2005 Pleite, wurde gerettet und hat dieses Jahr doch Insolvenz angemeldet. Der englische Investor Dawnay Day geht fast daran kaputt. Und Insolvenzverwalter Binar Bähr versucht neue Investoren für Hertie zu finden. Das ist wie Wiederbelebung beim zweiten Herzinfarkt.

Wie geht es dem Rest der Branche? Wehmeyer und SinnLeffers, zwei traditionelle Kaufhausmarken, ehemalig unter der Regie von Karstadt-Quelle insolvent, zum Sommerschlussverkauf bereitgestellt. Karstadt selbst eine ständige Baustelle miserabler Geschäftszahlen. Und Kaufhof ein ungeliebter Geschäftszweig, den die Metro Group anscheinend lieber heute als morgen loswerden würde. Immerhin schreibt der Kaufhof noch schwarze Zahlen.

Rote Zahlen, halbe Stellen

Karstadt hingegen hat im dritten Quartal 2008 ein operatives Ergebnis von minus 42,5 Millionen Euro eingefahren. Damit beläuft sich das Gesamtminus des Jahres auf 50,9 Millionen Euro. Um die Kosten zu senken hat das Essener Unternehmen nun angekündigt, in der Geschäftszentrale 450 der 2000 Stellen abzubauen. In den 50er Jahren hatte Karstadt noch 60.000 Mitarbeiter. Heute ist es die Hälfte.

Lange haben sich die Warenhaus-Manager eingeredet, ihre Gewinneinbrüche lägen an dem gesunkenen Konsum der Kunden. Dass während andere Einzelhandels-Unternehmen wie Peek&Cloppenburg ihre Gewinne nach oben schraubten, verkannten die Oberen. Sie haben das Monster zu spät erkannt.

Chancen der Zukunft

Aber so ganz stimmt die Mär vom Ende einer Ära dann doch nicht. Es ist wichtig, hier zu unterscheiden. Den Premiumhäusern wie dem KaDeWe in Berlin oder dem Oberpollinger in München geht es unverändert gut. "Diese Häuser sind hervorragend aufgestellt und profitabel", sagt Karsten Burbach, Head of Retail bei CB Richard Ellis gegenüber n-tv.de. "Diesen Premium-Konzepten sind auch langfristig sehr gute Prognosen zuzusprechen."

Probleme haben die Warenhäuser mit mauem Einzugsgebiet. "Je nach Konkurrenzsituation lohnen sich Warenhäuser meist erst ab 100.000 bis 200.000 Einwohner", sagt Burbach. Die Konzerne würden sich von einigen kleineren Standorten gerne trennen. Doch keiner will die Immobilien haben. "Es könnte ein Ausweg sein, diese Häuser abzureißen und im Shopping-Center-Stil wieder aufzubauen", sagt Burbach.

Shop-in-Shop mit Premium-Marken

Potential haben vor allem die mittelgroßen Warenhäuser. Äußerlich versuchen die Konzerne deshalb diesen Filialen neuen Glanz zu verleihen. Sie investieren in die teils maroden Bauten und geben ihnen glanzvollere Namen. Kaufhöfe heißen längst Galeria Kaufhof. Kaufhof-Chef Lovro Mandac nennt sie "Warenhäuser mit Fachgeschäftcharakter und Lifestyle-Kompetenz". Karstadt hat seine Häuser in "Boulevard-Plus-Filialen" umgewandelt. Das klingt gut - viel wichtiger ist aber, was innerhalb der Häuser passiert.

Die Kunden wollen Individualität. Sie wollen entweder luxuriös oder billig. Kaufhof werkelt inzwischen daran, mit Premium-Marken die Kundschaft zu ködern. Shop-in-Shop nennen das die Planer und integrieren zum Beispiel Esprit oder Tom Tailor im Warenhaus. Das Problem: Die Premium-Marken wollen nicht im Warenhaus verscherbelt werden. Boss beispielsweise weigert sich rigoros zu liefern, so geht es auch anderen Marken.

Granitstein und Parkett

Trotzdem sehen Experten in diesen Fortschritten eine Chance. "Das Konzept 'Alles unter einem Dach' hat sich keineswegs überlebt", sagt Marco Atzberger, Mitglied der Geschäftsleitung beim Handelsforschungsinstitut EHI, und verweist gegenüber n-tv.de auf den Boom der Shoppingcenter. "Anbieter, die in der Mitte stehen, wie bisher viele Warenhäuser, müssen sich jedoch neu orientieren."

Die Warenhäuser haben sich für den Premium-Weg entschieden. "Internationale Marken zu Preisen der Kategorie Mitte bis obere Mitte", verspricht Kaufhof-Chef Mandac. Karstadt baut Filialen um, pflastert sie mit Granitstein und Parkett, gestaltet großzügigere Wege durch die Verkaufsräume. Shop-in-Shop, Markenorientierung, Granitstein, breite Wege, das alles kennt der Kunde schon aus den Premium-Warenhäusern. "Ich denke, langfristig wird es eine Entwicklung hin zu weniger Standorten und weniger Umsatz geben, dafür aber qualitativ bessere Häuser mit hoher Rentabilität", glaubt Burbach. Die Idee lebt weiter - nur eben anders.

Quelle: ntv.de