Archiv
Donnerstag, 08. November 2007

"Stromausfall forever": Warum Bleibtreu nur Kino macht

Der Schauspieler Moritz Bleibtreu spielt die Hauptrolle in dem medienkritischen Film "Free Rainer - dein Fernseher lügt". Der 36-Jährige mimt einen skrupellosen Fernsehmacher von Skandalsendungen, der nach Drogenkollaps und Autounfall sein Leben ändert und für ein besseres Fernsehen kämpft.

Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur sprach Bleibtreu über inflationäres Senderangebot, mangelnde Qualität und seine Vision von einem "Stromausfall forever".

Was stört Sie am Fernsehen?

Moritz Bleibtreu: Es gibt einfach zu viele Spartensender für jeden noch so abstrusen Geschmack, irgendwann hat ja sogar jeder Jeansfetischist seinen eigenen Jeanssender. Das kann es doch nicht sein. Man muss doch mal zurückdenken, wie Fernsehen einmal war. Als ich zwölf war, hat man "Wetten, dass...?" geguckt und am nächsten Tag hat die ganze Schulklasse darüber geredet. Das Fernsehen war ein verbindendes Medium und hat Menschen zusammengebracht. Heute isolieren die vielen Spartensender. Jede Art von intelligenter Unterhaltung ist doch nur dann gut, wenn ich sie danach teilen kann. Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude ist doppelte Freude.

Was werfen Sie denn konkret den Fernsehmachern vor?

Ich unterstelle den Fernsehmachern, dass sie den Respekt vor ihrem Publikum verloren haben. Wenn man im Leben etwas für Menschen macht, dann muss man Respekt ihnen gegenüber haben. Und das passiert im Fernsehen viel zu wenig. Bei einem Format wie "Deutschland sucht den Superstar" heißt es offiziell, "wir wollen unerkannten Talenten eine Chance geben", aber eigentlich geht es doch darum, dass man Kandidaten scheitern sieht. Und den Leuten wird dann auch noch vorgegaukelt, dass sie das Programm mitbestimmen durch 49 Cent teure Anrufe. Das ist psychologisch durchaus perfide. Die Leute sollen das existenzielle Gefühl bekommen, gebraucht zu werden, aber dabei wird ihnen nur das Geld aus der Tasche gezogen. (...) Das Fernsehen ist schon irgendwie ein Volksberuhiger. Vielleicht würden manche Leute ohne TV ihr Leben generell in Frage stellen.

Wie sähe denn deine Vorstellung von einer perfekten Welt aus - überhaupt kein Fernsehen?

Warum nicht? Das wäre meine Utopie. Mich würde interessieren, was passieren würde nach einem "Stromausfall forever". Dann wären die Leute nicht mehr gezwungen, sich der Gedankenwelt hinzugeben, die der Fernseher ihnen vorschreibt. Während ich einer Geschichte mit fertigen Bildern folge, kann ich mir schließlich keine Gedanken machen. Im Gegensatz zum Lesen, wo ich zwar auch von Buch und Geschichte gefangen werde, aber mein Kopf sich immer noch eigene Bilder macht. Das Fernsehen befriedigt beides und schließt eigenes Denken aus. Beim "Stromausfall forever" wäre es interessant zu sehen, auf was für Ideen Menschen kommen würden. (...) Ich habe mich vor neun Jahren entschieden, keine Fernsehfilme mehr zu machen, weil Kino eine aktive Form des Zuschauens ist, Fernsehen hingegen eine passive. Da sind Aufmerksamkeit und Wahrnehmung ganz anders.

Wie weit ist der Film denn von der Wirklichkeit entfernt?

Als ich von der Spermashow am Anfang des Films gelesen habe, dachte ich mir, das ist ganz klar eine Satire. In der Showsequenz darf der Gewinner wegen seines schnelleren Spermas ein Kind zeugen. So ein Fernsehformat würde nie in Deutschland gesendet werden, das würden ethische Kommissionen verhindern. Aber viele Probezuschauer haben das in Frage gestellt und gesagt, das sei eine normale Sendung. Viele haben gesagt, wenn das Satire sein soll, dann habt ihr euch nicht genug getraut, das wirkt echt! Kurz danach gab es diese Sendung in Holland, in der sich scheinbar kranke Kandidaten um eine Spenderniere bewarben. Daran siehst du, wie weit die Realität die Satire schon eingeholt hat. Das ist schon krass. Daran sieht man, wie gefügig Menschen schon gemacht wurden - wie bereit sie sind, so einen Käse hinzunehmen.

Quelle: n-tv.de