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Konjunktur 2009 Was Unternehmen erwarten

Die deutsche Wirtschaft wird 2009 auf breiter Front von der Konjunkturkrise erfasst. Ein Ausblick auf die Erwartungen in einigen wichtigsten Branchen:

Die Krise in der deutschen Autoindustrie wird im nächsten Jahr wohl historische Dimensionen annehmen. Wegen der Finanzkrise, der schwachen Nachfrage und hausgemachten Problemen erwartet die Branche ein rabenschwarzes Jahr 2009. Im In- und Ausland läuft es derzeit schlecht. Der Export bricht weg und in Deutschland werden im nächsten Jahr wohl nur noch 2,9 Millionen Neuwagen verkauft werden - das wäre das schlechteste Ergebnis im wiedervereinigten Deutschland.

Schon rechnen Experten mit dem Abbau von tausenden Stellen in der deutschen Schlüsselindustrie, die 761 000 Mitarbeiter zählt. Die Klimaschutz- Auflagen der EU-Kommission verlangen den Firmen millionenschwere Investitionen zur Entwicklung schadstoffarmer Antriebe ab. Manche Firmen rufen bereits nach staatlicher Hilfe. So hat Opel eine staatliche Bürgschaft von mindestens einer Milliarde Euro beantragt.

Die Bankenbranche rechnet nicht mit einem schnellen Ende der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise. Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers Mitte September und der Absturz Deutschlands in die Rezession verschärften die Krise dramatisch. Doch eine Welle von Entlassungen in der Branche befürchtet etwa der scheidende Präsident des Privatbankenverbandes BdB, Klaus-Peter Müller von der Commerzbank, nicht. Bislang ist unter anderem bekannt, dass bei der Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank weltweit 9000 der insgesamt 67.000 Vollzeitstellen gestrichen werden, davon 6500 in Deutschland. Durch weiterhin fehlendes Vertrauen stockt der Kreditfluss weiter und verschärft so die Krise für viele Unternehmen, die angesichts der Krise dringend frisches Geld brauchen. Experten erwarten angesichts der schwierigen Lage neue Anläufe für Fusionen, etwa bei den Landesbanken.

Nach fünf fetten Wachstumsjahren in Folge ist der deutsche Maschinenbau für den weltweiten Nachfrageeinbruch gut gerüstet. Das Wort Krise will der Branchenverband VDMA nicht in den Mund nehmen, auch wenn die Aufträge aus dem Ausland empfindlich einbrechen. Die Orders reichen wegen der langen Produktionszeiten noch ein halbes Jahr.

Laut Prognose des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) soll die Produktion 2009 das Vorjahresniveau erreichen. Um auf die Konjunkturflaute zu reagieren, bauen Firmen Zeitarbeitsstellen ab. Die Stammbelegschaft mit 968.000 Mitarbeitern wollen sie aber erhalten, jedoch nicht mehr wie in den Vorjahren neue Jobs schaffen.

Die Baubranche blickt mit Skepsis auf 2009, wobei die Industrie optimistischer ist als das mittelständische Baugewerbe. Der Hauptverband der Bauindustrie erwartet zwar "ein schwieriges Jahr", die Unternehmen seien jedoch gut aufgestellt. 69 Prozent der Unternehmen hatten zuletzt noch eine bessere oder gleichbleibende Geschäftsentwicklung in den nächsten zwölf Monaten vorhergesagt. Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes rechnet für 2009 beim Umsatz mit "maximal Stagnation auf dem jetzt erreichten Niveau". Es sei zu hoffen, dass die öffentlichen Bauträger sich antizyklisch verhielten - ihre Ausgaben also in der Krise erhöhten.

Die Chemieindustrie geht mit vollen Lagern und leeren Auftragsbüchern in das Jahr 2009. Wichtige Abnehmerbranchen wie Auto und Bau schwächeln ebenso wie der private Konsum. Dennoch erwartet der Verband der Chemischen Industrie (VCI) auf sehr hohem Niveau einen vergleichsweise moderaten Produktionsrückgang von 1 Prozent. Die Stammbelegschaften der Werke sollen gehalten werden. Einziger Wachstumstreiber der deutschen Chemie ist derzeit die von der Konjunktur weitgehend unabhängige Pharma-Industrie, die immer stärker von der Alterung der Gesellschaft profitiert. Ihre Produktion soll auch 2009 um 2,5 Prozent wachsen.

Die deutschen Energieversorger halten der Finanzkrise noch wacker stand und bestätigen ihre Investitionsabsichten. Konzerne wie RWE und Eon profitieren von hohen Stromerlösen, ein Rückgang bei den Großhandelspreisen wird sich nach Einschätzung von Experten erst nach 2009 auswirken. Die Konzerne setzten auf ihre Auslandsaktivitäten und gehen weiter in Richtung Erneuerbare Energien. Die erschwerten Finanzierungsbedingungen bekommen sie jedoch auch zu spüren, geplante Investitionen werden stärker auf ihre Wirtschaftlichkeit hin überprüft. Auch die Politik beschäftigt die Branche weiter: Ab 2013 müssen gemäß den Klima-Beschlüssen des EU-Gipfels für Kohlekraftwerke Kohlendioxid(CO2)-Zertifikate komplett ersteigert werden.

Die Branche der Anbieter Erneuerbarer Energien - bis vor kurzem vom Erfolg verwöhnt - bekommt die Auswirkungen der Finanzkrise zu spüren. Die Auftragslage der Unternehmen hat sich verschlechtert und ist schwer zu prognostizieren. So musste das Solar-Schwergewicht Q- Cells zuletzt die Prognose senken. Kunden konnten aus Finanzierungsnot nicht mehr so viele Solarzellen abnehmen wie vereinbart. Ins Stocken gerät auch der Bau von Windrädern auf hoher See (Offshore). Die Banken geben nur zögerlich Kredite und fordern von Investoren hohe Eigenkapitalanteile. Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat der Branche Hilfe zugesichert und dazu die staatliche Förderbank KfW mit ins Boot geholt. Sie erhöht die Obergrenzen und Laufzeiten für die Förderung.

Im weltweiten Luftverkehr wird kommendes Jahr erstmals seit 2001 ein Rückgang der Fluggäste erwartet. "2009 wird ein weiteres hartes Jahr für alle", sagte kürzlich der Chef des Weltluftfahrtverbandes, Giovanni Bisignani. Die Branche werde 2009 Verluste von 2,5 Milliarden Dollar verbuchen. Das ist allerdings nur noch halb so viel, wie für das Jahr 2008 erwartet wird. Hintergrund ist, dass die Ölpreise seit ihrem Höhepunkt im Sommer um rund zwei Drittel gefallen sind. Schließlich ist der Treibstoff einer der größten Kostenfaktoren für Fluggesellschaften. In Deutschland wird kommendes Jahr mit Spannung erwartet, wie die mit Abstand größte deutsche Fluggesellschaft Lufthansa ihren Expansionskurs fortsetzt. Lufthansa- Chef Wolfgang Mayrhuber hat nach mehreren Zukäufen schon angekündigt, im Kampf gegen immer größere Wettbewerber aus den USA und der Golf- Region ein eigenes europäisches Airlinesystem aufbauen zu wollen.

Auch die Tourismus-Branche dürfte 2009 keine Sonnenschein-Branche sein. Nach einem Umsatzplus der Veranstalter von 3,5 Prozent auf 21 Milliarden Euro im Jahr 2008 erwartet der Deutsche ReiseVerband (DRV) aber immerhin noch ein kleines Plus im kommenden Jahr. Viele in der Branche gehen davon aus, dass die Deutschen als «Reiseweltmeister» bei einer Konjunkturflaute an vielen Dingen sparen, aber nicht auf den gewohnten Jahresurlaub verzichten werden. Schwieriger dürfte das Geschäft mit Kurzreisen werden - das Geld, mit einem Billigflieger ein verlängertes Wochenende am Meer zu verbringen, dürften viele Verbrauchern nicht mehr so locker aufbringen wollen.

Auch die Stahl-Branche bereitet sich auf ein schweres Jahr 2009 vor. Nach Jahren des Booms ist die Nachfrage - nicht zuletzt wegen der Absatzkrise in der Autoindustrie - innerhalb von nur wenigen Wochen massiv eingebrochen. Die Stahlpreise, die Mitte des Jahres noch auf Rekordniveau waren, stürzten ins Bodenlose. "Die Wucht des Einbruchs kam schon überraschend", sagte Thomas Ludwig, Chef des Stahlhändlers Klöckner und Co. Wie andere Branchen auch reagieren die Stahlkocher mit Produktionskürzungen, Kurzarbeit und milliardenschweren Sparprogrammen. ArcelorMittal als Branchenführer will tausende Stellen streichen. Dass auch Schwellenländer wie Russland und China so stark von der Krise getroffen sind, erhöht die Unsicherheit der Branche über die künftige Entwicklung zusätzlich.

Der erfolgsverwöhnten IT-Branche steht in Deutschland eine Durststrecke bevor. Der Branchenverband BITKOM rechnet für 2009 nur noch mit einem stagnierenden Geschäft - statt wie noch vor kurzem mit 1,5 Prozent Umsatzplus. In diesem Jahr erwartet der BITKOM noch ein Wachstum von 1,2 Prozent. Nach der Prognose bauen 2009 zwar Telefongesellschaften weiter Stellen ab, Neueinstellungen in der IT- Industrie gleichen das aber aus. Bei den Telekom-Anbietern dürften die Umsätze indes zurückgehen - nach der Prognose um 1,2 Prozent auf 65,4 Milliarden Euro. Noch stärker abwärts geht es nach Einschätzung des Verbands bei der Unterhaltungselektronik (minus 2,5 Prozent).

Quelle: ntv.de