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Hintergrund Was ist Antisemitismus?

Bis ins 19. Jahrhundert war Judenhass religiös, nicht rassistisch motiviert. Den Juden wurde vorgeworfen, "Christusmörder" zu sein. Vor allem während der Kreuzzüge kam es zu Pogromen und Massenmorden. In Städten wie Metz, Speyer und Mainz wurden ganze Gemeinden ermordet und vertrieben. Als wehrlose Minderheit mussten die Juden nicht selten als Sündenböcke herhalten.

Es war ein Deutscher, der den Begriff "Antisemitismus" ins politische Vokabular einführte. 1879 veröffentlichte der Publizist Wilhelm Marr sein Buch "Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum". Darin sorgt Marr sich um das "Ende Germaniens"; entsprechend lauten die letzten Worte seines Pamphlets "Finis Germaniae!"

Marr gründete die "Antisemitenliga", die die Ausweisung aller Juden nach Palästina forderte. Der Mann war kein Einzelkämpfer: Sein Buch von 1879 wurde noch im Erscheinungsjahr in zwölf Auflagen gedruckt.

Neu an der antisemitischen Propaganda vom Schlage Marrs war ihr vorwiegend nichtreligiöser Hintergrund. Die Juden wurden nicht länger wegen ihres Glaubens gehasst, sondern wegen ihrer "Rasse". Aus dem "jüdischen Volkscharakter" wurde ein "Rassencharakter"; die alten judenfeindlichen Stereotypen wurden dabei übernommen, sofern sie keinen allzu religiösen Gehalt hatten.

Als Marr seine Schrift veröffentlichte, war es erst wenige Jahre her, dass die deutschen Juden alle staatsbürgerlichen Rechte bekommen hatten. Erst die Reichsverfassung von 1871 hatte sie in allen Ländern zu gleichberechtigten Bürgern gemacht. Der Judenhass war damit natürlich nicht beseitigt. Nach dem großen Börsenkrach von 1873 wurden wieder einmal die Juden zu Schuldigen gemacht. Zwischen 1873 und 1890 erschienen über 500 Schriften zur "Judenfrage". 1880/1881 unterzeichneten mehr als 250.000 Bürger eine "Antisemiten-Petition" gegen die rechtliche und soziale Gleichstellung der Juden.

Im Kaiserreich wurden zahlreiche antisemitische Parteien gegründet. Bei den Reichstagswahlen von 1893 erhielten sie zusammen 2,9 Prozent der Stimmen und damit 16 Mandate. Antisemitisches Gedankengut war jedoch sehr viel weiter verbreitet, als diese Zahlen nahe legen. Getragen wurde der Antisemitismus vor allem von den so genannten Kleinbürgern, von Handwerkern, Kleinhändlern und Bauern, sowie von Offizieren, Burschenschaftlern und anderen Angehörigen der Führungsschicht.

1899 erklärten die Vereinigten Antisemitenparteien ganz unverhohlen in einem "Hamburger Programm", die "Judenfrage" werde sich im 20. Jahrhundert zur "Weltfrage" entwickeln; sie könne nur "durch völlige Absonderung" und "schließliche Vernichtung des Judenvolkes gelöst werden".

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden die Juden zunächst diffamiert, entrechtet und enteignet, später verfolgt und massenhaft ermordet. Am Ende des Zweiten Weltkrieges waren etwa sechs Millionen europäischer Juden in den Vernichtungslagern der Nazis ums Leben gekommen: erschossen, vergast, verhungert oder zu Tode gearbeitet.

Mit dem Ende des "Dritten Reiches" endete zwar auch der Holocaust. Der Antisemitismus verschwand jedoch keineswegs aus Deutschland. Immerhin wurde Judenfeindschaft so stark tabuisiert, dass heute kaum ein Antisemit zugeben würde, Antisemit zu sein. In den zahlreichen antisemitischen Skandalen, die die Bundesrepublik seit 1945 erlebte, stritten die Protagonisten dies denn auch stets vehement ab. Zuletzt wehrte der Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann sich gegen entsprechende Vorwürfe. Das rhetorische Muster ist meist dasselbe: "Ich habe nichts gegen Juden, aber man wird doch noch sagen dürfen..."

Einer aktuellen Umfrage in zehn westeuropäischen Staaten zufolge haben 36 Prozent der Menschen in Deutschland antisemitische Ansichten. Damit steht Deutschland an erster Stelle in Europa, gefolgt von Belgien (35 Prozent) und Frankreich (25 Prozent).

Quelle: n-tv.de, Hubertus Volmer