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Donnerstag, 02. Juni 2005

Kein Schnee von gestern: Wilhelm Wieben wird 70

Trubel um seine Person hat der ehemalige "Tagesschau"-Sprecher Wilhelm Wieben noch nie gemocht. "Das war's, danke", lautete sein knapper Monolog, nachdem er 1998 - nach 26 Jahren - zum letzten Mal Deutschlands bekannteste Nachrichtensendung gesprochen hatte; denn nur Wieben selbst wusste damals von seinem Rücktritt.

Und schmerzlos war der Weggang auch: "Ich habe die Arbeit keinen einzigen Tag vermisst und bin danach nicht in ein schwarzes Loch gefallen", erzählt der Hamburger, der am Donnerstag (2. Juni) seinen 70. Geburtstag feiert -wieder ohne rauschende Party, nur im engsten Freundeskreis.

"Dinge, die mir wichtig sind, will ich für mich allein haben", sagt er bestimmt. Auch heute achtet der erfahrene TV-Mann genau darauf, nicht zu viel preiszugeben - weder über sich selbst noch darüber, wie er die Entwicklung der "Tagesschau" und seiner Nachfolger sieht. "Die Sendung ist nach wie vor qualitativ sehr hoch. Über manches lässt sich streiten, aber dazu will ich mich nicht äußern", lautet sein knapper Kommentar. Noch wortkarger wird Wieben, wenn man ihn auf die Schlagzeilen mancher Ex-Kollegen in der Boulevardpresse anspricht. "Ich beurteile niemanden", sagt er höflich.

Wieben selbst, der allein in einer Wohnung an der Außenalster lebt, hatte einst keine andere Wahl. Seine Freundin, Schauspielerin Inge Meysel, hatte in einem "Stern"- Interview ganz nebenbei Deutschland darüber informiert, dass ihr enger Freund Wilhelm homosexuell ist. "Eigentlich habe ich nur schwule Freunde. Ich verreise zum Beispiel gerne mit Wilhelm Wieben", verriet Meysel. Der Geoutete nahm es gelassen: "So war sie halt. Wir haben darüber auch später nie ein Wort geredet." Die Reaktionen danach seien einhellig positiv gewesen. "Inzwischen habe ich eigentlich kein Verständnis dafür, wenn jemand aus seiner Homosexualität ein Geheimnis macht."

25 Jahre lang waren Meysel und der gebürtige Dithmarscher, der selbst an der Max-Reinhardt-Schule in Berlin Schauspiel studiert und später in der Hamburgischen Staatsoper und im Schmidt's Tivoli auf der Bühne stand, befreundet. Er denkt noch oft an die im vergangenen Jahr gestorbene Künstlerin. "Sie war ein Teil meines Lebens. Ich habe sie ja nie als Schauspielerin kennen gelernt, sondern immer als private Person." Das Wort "Freund" ist Wieben ohnehin sehr "kostbar". "Ich habe viele Bekannte, aber sicherlich nur ganz wenige enge Freunde", sagt der Mann, den immer noch viele Menschen erkennen. "Ich hatte gedacht, in unserer medienüberfluteten Zeit ist man schnell Schnee von gestern."

Das Interesse der Menschen ist ihm nicht lästig. "Im Gegenteil, ich finde das sehr angenehm." Vor allem bei seinen Reisen nach Ostdeutschland, die Wieben als "große Bereicherung meines Lebens" empfindet, kommt er häufig mit seinen ehemaligen Zuschauern ins Gespräch. Wenn er über diese Erlebnisse spricht, gerät der sonst kühl und distanziert wirkende Hamburger regelrecht ins Schwärmen. "Man hört da so unglaubliche Geschichten über das Leben in der DDR und lernt so bewegende Einzelschicksale kennen", berichtet er. Schon jetzt freut er sich auf eine Orgelstunde im Gewandhaus in Leipzig, in der er im Juni Texte lesen wird.

Den Osten Europas will der einstige Kreuzfahrten-Liebhaber ("Ich habe mehr als 40 gemacht") auch weiterhin bereisen. Ansonsten ist er sehr froh, "wenn ich in den Tag hinein leben kann - ohne Termindruck". Er genießt es, ganz spontan eine Ausstellung zu besuchen, ins Theater oder Kino gehen zu können. Seit seiner Pensionierung ist Wieben gelegentlich im TV zu erleben, tritt mit Lesungen auf. Auch seine Zukunft sieht er ganz entspannt: "Wenn interessante Angebote kommen, dann mache ich es. Wenn ich keine Lust habe, dann eben nicht." Noch nie sei er jemand gewesen, der sich Ziele gesteckt habe. "Ich bin immer meinem Instinkt gefolgt, und der hat mich nie getäuscht

Von Dorit Koch, dpa

Quelle: n-tv.de