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Mitmischen bei den Jungs Willkommen in Hillaryland!

Mit "Hillaryland" meldeten sich einst die Mitarbeiter von Hillary Rodham Clintons Stab im Weißen Haus - und der Stab der First Lady war bekannt dafür, effektiver zu arbeiten als der Stab des Präsidenten. Das Erscheinen von Hillary Clintons Autobiografie, für die sie das Honorar von 8 Mio. US-Dollar kassierte, wirft nun die Frage auf, ob das "Hillaryland" nicht bald wieder im Weißen Haus zu finden sein wird. Denn die ehemalige First Lady und Ehefrau von Ex-Präsident Bill Clinton ist die beliebteste Politikerin der Demokraten in den USA und an Popularität nicht zu schlagen.

Das war nicht immer so. Die beiden Amtsperioden Bill Clintons waren gezeichnet von Negativ-Kampagnen der Republikaner gegen die demokratische Regierung und die Familie Clinton. Und Hillary Clinton war alles andere als ein Liebling der Medien - dies schlägt sich in vielerlei Hinsicht auch in ihrer Autobiografie nieder.

Von der Republikanerin zur Bürgerrechtsaktivistin

Die 1947 geborene, in einem Vorort von Chicago aufgewachsene Hillary war und ist eine Ausnahmefrau. Während der wohlbehüteten Kindheit versuchte sie, den hohen Ansprüchen ihrer Eltern gerecht zu werden. Sie übernimmt die politische Überzeugung des Vaters, eines konservativen Republikaners, und die Träume der liberalen Mutter. "Feiglinge", lernt Hillary von der Mutter, "werden in diesem Haus nicht geduldet" - und so schickt sie Klein Hillary auf die Straße, um sich mit den Nachbarjungs zu prügeln. Hillary ist erfolgreich und kann fortan "auch mit Jungs spielen". Seitdem hat sie nicht mehr aufgehört, bei den Jungs mitzumischen.

Schon zu High-School-Zeiten beginnt Hillary, sich politisch zu engagieren, zuerst auf der Seite der Republikaner. Sie unterstützt Wahlkampfarbeiten und beteiligt sich an der Überprüfung der Wählerlisten von Chicago, die John F. Kennedy zum Sieg führten. Wütend wird sie zur Frauenrechtlerin, als die NASA ihre Bewerbung zur Astronautin ablehnt, weil sie eine Frau ist.

Vietnam-Krieg und Bürgerrechtsbewegungen veranlassen die College-Studentin zu einem Seitenwechsel. Zu Beginn ihres Studiums der Rechtswissenschaften in Yale begegnet sie dem charismatischen Bill Clinton. Schon bald sind die beiden unzertrennlich und bleiben es, im wahrsten Sinne des Wortes, bis heute.

Bill, Hillary und die Politik

Während Bill sich in seiner Heimatstadt Arkansas um immer neue politische Ämter bewirbt, bestreitet Hillary als Staranwältin den größten Teil des Lebensunterhalt. 1992, nach 13-monatigem Wahlkampf, folgt der Einzug der Clintons ins weiße Haus. Da hat Hillary bereits einige Erfahrungen mit den Schmutzkampagnen der Republikaner gemacht, die Stimmung gegen die "radikale Feministin" machen. Mit dem scherzhaft gemeinten Ausspruch "Ihr zahlt einen und bekommt zwei" schürt Bill Clinton die Sorge, dass Hilary mehr als nur eine repräsentative Aufgabe übernehmen wird.

Bill überträgt ihr schließlich die Leitung der Projektgruppe "Gesundheitsreform ". Damit ist Hillary die erste First Lady, die eine Rede vor dem Kongress hält. Die Angst, dass die Clintons zu mächtig werden, lässt die Republikaner zu drastischen Mittel greifen. Unter dem Deckmantel der Whitewater-Affäre, einem missglückten Immobiliengeschäft, leitet der Sonderermittler Kenneth Starr schließlich ein Amtsenthebungsverfahren ein und verhört den Präsidenten der Vereinigten Staaten - allerdings hauptsächlich zu seinen Aktivitäten mit einer Ex-Praktikantin namens Monika Lewinsky.

Kein Seelenstrip

Diese mit Spannung erwartete Episode von Bill Clinton und der Ex- Praktikantin war für viele der Hauptanreiz zum Kauf der Autobiografie. Diejenigen werden wohl enttäuscht sein. Auch wenn Hillary oder zumindest ihre Verleger wissen, was sie ihren Lesern schuldig sind, bleibt die Beschreibung ihrer Zeit als gehörnte Ehefrau eher oberflächlich. Ausführlich wird sie auf den über 600 Seiten dann, wenn es um ihre Ansichten zu Kinder- und Frauenrechten geht.

Über Hillary Rodham Clinton erfährt der Leser aber wenig Neues. Lieber erzählt sie detailliert über Auslandsreisen und Frauenrechtskonferenzen, ihre wirkliche Bedeutung als politische Beraterin des Präsidenten lässt sie unerwähnt. Von den Affären Bill Clintons, von denen mindestens eine weitere von ihm bestätigt ist, ist nicht die Rede. Die unschönen Szenen der Clinton-Ehe, von denen Mitarbeiter des Weißen Hauses immer wieder zu berichten wussten, werden ausgeklammert.

Emotional wird Hillary nur, wenn es um Negativ-Kampagnen der politischen Gegner und der Medien oder um ihre Tochter Chelsea geht. Hillary Rodham Clinton stellt sich als eine Frau mit Kanten dar - aber dennoch bleibt ein seltsam ausgehöhltes Bild zurück. Denn ihre "Kanten" sind neben der "lebenslangen Suche nach der richtigen Frisur" vor allem Kinder- und Frauenrechte und die übertrieben fürsorgliche Liebe zu ihrem Mann und ihrer Tochter.

Hillary for President?

Eines ist klar - diese Frau möchte nicht anecken, denn sie hat noch viel vor. Der Leser kann sich aber mit der Suche nach einer Antwort auf die eine Frage hinwegtrösten: Tut sie’s oder tut sie’s nicht?

Denn hier geht es nicht darum, die Privatsphäre der Familie Clinton zu schützen - man will eher keine Angriffspunkte in Hinblick auf einen zukünftigen Wahlkampf liefern. Denn Hillary könnte viel erzählen, wenn sie denn wollte, gehört sie doch eindeutig zu den interessantesten Frauen der Zeitgeschichte.

So, wie sie sich aber schon für die Bekanntgabe ihrer Kandidatur für das Senatorenamt Zeit bis zur letzten Sekunde ließ, wird sie es auch mit einer eventuellen Präsidentschaftskandidatur handhaben - denn die schmutzige Wahlkampfphase dauert lange genug - das weiß Hillary Rodham Clinton genau.

Tut sie’s oder tut’s nicht - eine mögliche Antwort findet sich auf Seite 313: "Eines Tages werden wir das System reparieren."

Judith Denkmayr

Hillary Rodham Clinton, "Gelebte Geschichte", München: Econ Verlag, 2003, 670 Seiten, 24 Euro.

Quelle: n-tv.de