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Ein Albtraum wird wahr Worldcom toppt Enron

Schon seit klar wurde, das Enron kein Einzelfall ist, ging die Angst an den New Yorker Börsen um: Was passiert, wenn einer der Börsenschwergewichte in den USA die Enron-Pleite übertrifft? Mit Worldcom ist der Super-Gau nun eingetreten.

Der US-Telekomkonzern WorldCom hat Fehlbuchungen in Höhe von 3,8 Mrd. Dollar eingestanden - eine Summe, die die Bilanzfälschung bei Enron wie einen Griff in die Portokasse erscheinen lässt. Schließlich hatte der Energiekonzern seinen Gewinn "nur" um rund 580 Mio. Dollar nach oben geschwindelt und das über einen Zeitraum von vier Jahren.

Der durch Enron ausgelöste "größte Skandal der US-Unternehmensgeschichte" dürfte damit Schnee von gestern sein, denn Worldcom hat neue Maßstäbe gesetzt. Die US-Börsenaufsicht SEC spricht von einem Fall von "beispiellosem Ausmaß" und hat einen eidesstaatlichen und detaillierten Bericht über die aufgedeckten Vorgänge bei der Bilanzierung angefordert.

Besonders pikant: Die Bilanzen von Worldcom wurden von der Prüfungsgesellschaft Andersen testiert - die Wirtschaftsprüfer, die derzeit wegen Vernichtung von belastenden Enron-Unterlagen vor Gericht stehen. In einer Erklärung wies Andersen alle Schuld von sich. Worldcoms-Finanzchef Scott Sullivan habe ihren Prüfern vorsätzlich Informationen vorenthalten.

Drama mit Ankündigung

Auch wenn sich niemand das Ausmaß vorstellen konnte, kursierten schon seit längerem Gerüchte über Bilanztricks bei Worldcom. Erst Anfang Mai war der ehemalige Branchenstar und Worldcom-Chef Bernard Ebbers von seinem Posten zurückgetreten.

Ebbers war wegen der immensen Kursverluste und persönlicher Kredite bei Worldcom in die Kritik geraten. Insgesamt soll sich der ehemalige Konzernchef zinsgünstige Mittel in Höhe von 366 Mio. Dollar bei Worldcom genehmigt habe - ob er die jemals zurückzahlen kann, ist mehr als fraglich. Auch hier wird die Parallele zu Enron noch um einige Dimensionen ausgebaut, denn bei Enron-Chef Kenneth Lay lagen die Kredite im niedrigen zweistelligen Bereich. Als der Energiekonzern zusammenbrach, besaßen die Lays Immobilien im Wert von 25 Mio. Dollar und Lay selbst hatte seine Kredite bei Enron kurz zuvor auf 7,5 Mio. Dollar angehoben.

Nach dem Rücktritt Ebbers wollte der neue Worldcom-Chef John Sidgmore den Konzern wieder auf Kurs bringen. Angesichts der jüngsten Entwicklungen blieb ihm bislang nur noch übrig zu erklären, dass die Unternehmensführung durch die Enthüllungen geschockt sei.

Wer ist gefährdet?

Doch was bringt Unternehmen dazu, sich auf solche Vabanquespiele einzulassen? Analysten zufolge ist es nicht nur die Gier der Konzernherren. Oftmals veranlasse der Druck von den Kapitalmärkten, die Unternehmen nach Bilanzschlupflöchern zu suchen, heißt es. Die Märkte würden immer bessere Gewinne und immer höhere Umsätze erwarten - werde eine Prognose verfehlt, werde das betroffene Unternehmen mit einem Kurseinbruch bestraft.

In einer solchen Situation sind die Firmen natürlich eher bereit, die Zahlen in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Neue Markt-Unternehmen gingen teilweise dazu über, neue Begriffe wie das EBITDASO ( Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen, Amortisation und Mitarbeiterbeteiligungen) ins Leben zu rufen, mit denen die schlechte finanzielle Lage verschleiert werden sollte.

Zudem können besonders Firmen, die aggressiv durch Zukäufe expandieren, hoch verschuldet sind und in vielen Geschäftsbereichen agieren, sich hinreißen lassen, ein wenig Bilanzkosmetik zu betreiben. Denn deren Bilanzen sind komplizierter, als die von Unternehmen, die aus eigener Kraft wachsen und nur in einem Segment tätig sind.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie Firmen wie IBM oder Tyco von der Enronitis angesteckt wurden. (siehe Link)

Quelle: ntv.de

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