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Merkels "Mein Weg" Zwischen Frisur und Kohl

Die Frisur-Frage ist für Angela Merkel abgeschlossen, weil unwichtig. Alt-Kanzler Helmut Kohl ist - Spendenaffäre hin, Spendenaffäre her - ein von ihr hoch geschätzter Politiker, der deutsche und europäische Geschichte geschrieben hat. Diese Einsichten Merkels, ihre Visionen und ihr Blick auf die Welt sind jetzt zusammengefasst in einem "Gesprächsbuch" mit dem Titel "Angela Merkel - Mein Weg", das sie am Montag in Berlin vorstellte.

Nach neun Begegnungen und 20 Interviewstunden hat der Journalist und Ex-Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Hugo Müller-Vogg, das Ergebnis dieser Gesprächsrunden auf 265 Seiten niedergeschrieben (Verlag Hoffmann und Campe). Merkel erläutert in der Diskussion mit Müller-Vogg persönliche Einschätzungen und kann durchaus verstehen, dass andere Probleme mit ihrer Sicht der Dinge haben.

So bestreitet sie, dass ihr Aufsehen erregender Aufsatz in der FAZ im Dezember 1999 - auf dem Höhepunkt der CDU-Spendenaffäre – eine Loslösung vom "Übervater Kohl" gewesen sei. Vielmehr sei der Beitrag, in dem Merkel zu diesem Zeitpunkt am deutlichsten von allen CDU-Politikern eine Zäsur verlangte, Standortbestimmung der Union in einer damals existenziellen Krise gewesen. Mit Kohl habe sie heute keine Probleme. Der Ex-Kanzler, der maßgeblichen Einfluss auf ihre politische Karriere nahm, sei im Gegensatz zum damaligen SPD-Chef Oskar Lafontaine ein Mann gewesen, der die Ostdeutschen wollte.

Die DDR habe sie als überaus bedrückend empfunden, berichtet Merkel. Vermisst hat sie, dass man nicht frei arbeiten und nicht offen mit Menschen reden konnte. Nur zur Selbsterhaltung habe sie in ihrem Beruf als Physikerin gut gearbeitet. Besseres habe das "System DDR" nicht zugelassen.

Bei der Buchpräsentation in der eleganten Lobby einer deutschen Großbank in der Nähe des Brandenburger Tors hat Merkel sichtlich Mühe, über sich selbst zu sprechen. Heute gehe sie aber lockerer mit Vergleichen und Vorurteilen um.

Das Selbstbewusstsein der CDU-Vorsitzenden kommt in dem Buch deutlich zur Geltung. Wenn sie nicht da wäre, würde der CDU jemand fehlen, der 35 Jahre seines Lebens in einem System ohne Freiheit gelebt habe und deshalb diesen "einzigartigen Wert" in den Mittelpunkt politischer Entscheidungen stelle. Sie ist irritiert, wenn sie als kühl bezeichnet wird, nur weil es ihr schwer falle, ihre Gefühle auch zu zeigen. Die Frage einer Kanzlerkandidatur hat sie jedenfalls für sich entschieden: "Ja, denn wenn ich es mir von vornherein nicht zutrauen würde, hätte ich nicht Parteivorsitzende der CDU werden dürfen."

Bücher in Interviewform kommen in Mode. Naturgemäß sind diese Gespräche dann ausführlicher als die Wiedergabe eines Dialogs in Magazinen oder Zeitungen. Ob die Buchform ein besserer Weg ist, liegt beim Betrachter. Wo Merkel nichts sagen will - zum Beispiel in der Präsidentenfrage -, hat sie es auch in ihrem Buch nicht getan.

(von Gerd Reuter, dpa)

Quelle: n-tv.de