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Ein Stück Stoff, Preise ... ... die Schweiz und Gottschalk

Von Sabine Oelmann-Abdallah

Es gibt auch gute Nachrichten: Mit Deutschland geht es wieder bergauf, also mit der deutschen Wirtschaft. Haben Sie noch gar nicht bemerkt? Naja, vielleicht sind Sie einfach nicht sensibel genug ... Jedenfalls war das letzte Woche eine der Nachrichten, die den Menschen hätte Freude machen können und weswegen Sie froh sein dürfen, in diesem Land zu leben.

Preise für alle!

Dann gibt es "Events" ohne Ende: Mal abgesehen von der Wirtschaft herrscht auch weiterhin Gerechtigkeit auf dieser Welt, man nehme bloß mal den Deutschen Fernsehpreis: Da bekommt einer, der eine Frisur wie ein Königspudel hat und auch noch Schröder heißt, einen Preis für die beste Comedy, da glaubt eine Jury, dass der Zuseher sich am besten unterhalten fühlt, wenn er jungen Menschen, die (noch) nicht singen können, bei der Ausbildung zusehen darf und ihrem Schinderhannes mit den miesen Sprüchen gleich dazu (zur Information für den intellektuellen Leser, der sich nie sowas angucken würde: Die Rede ist von "Deutschland sucht den Superstar", RTL), und eine Reporterin, die ausgezeichnete Reportagen liefert, schämt sich fast ein bisschen dafür, dass sie für ihre Reportagen aus dem Krieg ausgezeichnet wird, aber das ist nunmal ihr Job. Außerdem lernen wir, dass auch Spartensender wie dritte Programme für z.B. Informationssendungen ("Hart aber fair", WDR) prämiert werden und damit "Reklamestrecken" der privaten Sender, die sich als "Wissenssendungen" tarnen, die Show stehlen können.

Schweiz für alle!

Weiterhin: Das Wetter in diesem Sommer war nicht schlecht. Dies zusammengenommen mit dem angekündigten Wirtschaftswunder "light", das uns angeblich erwartet, stimmt es doch nachdenklich, dass unsere Leistungsträger das Land verlassen wie Ratten das sinkende Schiff: Boris Becker will in die Schweiz, zu Michael Schumacher, Phil Collins und - man höre und staune - auch der Müller-Milch-Mann Herr Müller geht ins Heidiland, denn er fühlt sich verjagt, wie man der Kolumne von Axel Hacke im sonntäglichen Tagesspiegel genüsslich entnehmen kann. Ach, könnte man doch auch so einfach gehen wohin man will. Können Sie doch, werden einige sagen, aber wer soll dann für den leichten Aufschwung in der Wirtschaft sorgen, wenn ich mir keine Schuhe mehr in Deutschland kaufe?

Thommy für alle - vor allem für die Jungs!

Egal, einen haben wir, der lebt zwar auch nicht mehr unter uns, schwebt aber immer ein, wenn Deutschland ihn am meisten braucht - und das ist immer am Samstagabend im Herbst und Winter. Dann fliegt er mit wehendem Haar über den großen Teich, mit einer Tüte Gummibärchen in der Hand und macht uns den Samstag-Abend-Kasper, damit wir, die wir nicht nach Kalifornien ausgewichen sind, die trübe Jahreszeit besser überstehen. Dann duzt er wieder die Stars, die in Malibu seine Nachbarn sind und die wir nur aus dem Kino kennen, trägt zu jugendliche Klamotten und vermittelt uns den Eindruck, dass jeder von uns auch ein Kalifornia-Dreamboy oder -girl sein könnte. Und dann müssen wir jedoch voller Entsetzen feststellen, dass er, der Thomas "Thommy" Gottschalk, auch nicht mehr als "role model", also als Vorbild für unsere Jugend in Frage kommt, denn in der "Bild am Sonntag" sagt er, der den Werteverfall anprangert und sich Sorgen um Deutschlands Jugend macht: "Ich bin froh, dass ich kein Lehrer mehr bin." Und das, obwohl wir in der selben Zeitung, bloß 34 Seiten vorher, gerade gelesen haben, dass Jugendliche, vor allem männliche Jugendliche, unbedingt männliche Lehrer dringend nötig hätten!

Lehrer für alle!

Das ist nämlich so: "Lehrerinnen machen Schüler dumm!", so jault zumindest die "Bams" auf, und nennt auch Gründe dafür, denn sonst könnte man ja meinen, diese sei bloß eine manipulative Überschrift, aber mitnichten! Niedersachsens Schulminister Bernd Busemann (CDU) stellt fest: "Jungen haben es sehr viel schwerer als Mädchen, weil sich der Schulbetrieb feminisiert hat." Aha, als hätten wir Multi-Tasking-Frauen das nicht schon längst gewusst. Es gäbe überwiegend (Grundschul-)Lehrerinnen, und deswegen habe das junge Männchen von heute keine Möglichkeit mehr, sich an einem männlichen Rollenvorbild zu orientieren. Nur mal so ein unqualifizierter Einwurf meinerseits: Wenn ich an meine männlichen Lehrer denke, würde ich nicht wollen, dass sich mein Sohn an auch nur einem dieser alten Knochen orientiert. Aber zum Glück habe ich ja eine Tochter, und die kann sich dann ja an ihrer Lehrerin mit dem Kopftuch orientieren, aber dazu gleich noch mehr.

Quoten für alle!

Thomas Gottschalk, der sich übrigens gut vorstellen kann, Bundespräsidentin zu werden, würde den Jugendlichen doch aber ehrlich gesagt auch nur eines beibringen: Wie werde ich ein Star? Und das findet ja nun auf jedem Fernsehsender der Republik statt, dazu brauchen die jungen Menschen nun wirklich nicht in die Schule zu gehen ... Unterstützung findet Busemann übrigens bei seinen CDU-Kolleginnen Annette Schavan und Karin Wolff (beide auch noch nicht im Greisenalter), die den Ruf nach einer "Männerquote" nachvollziehen können.

Väter für alle!

Für mich hört sich das wieder mal so an, als seien die Frauen an allem Schuld: Erstens - warum kriegen sie auch immer Kinder. Und zweitens - müssen sich die armen Kleinen doch auch noch zu Hause mit der Mutter oder der Großmutter oder der Nanny rumschlagen, also auch da nichts mit männlichen Vorbildern. Aber da fehlt mir doch mal, ganz simpel und zickig betrachtet, die Frage: Wie kann es zu dieser Überfeminisierung kommen? Doch wohl bloß, weil Vatti sich aus dem Staub gemacht hat und es seiner Neuen nicht zumuten kann, die Kinder mit zu nehmen, oder sein Job einfach so stressig ist, dass sich auch hier wieder ein weibliches Wesen um die Nachkommenschaft kümmern würde - denn welcher Mann würde schon Nanny werden oder eben - Grundschullehrer?!

Alice Schwarzer der Männer, wo bist du? Wer könnte es sein? Der Herr Beckmann aus dem Ersten, weil er so ein sensibler Frager und Zuhörer ist? Oder doch lieber ein richtiger Haudegen wie der Michel Friedman (eh gerade arbeitslos), der weiß, wie man sein Gegenüber in die Zange nimmt? Naja, das müssen die Jungs unter sich ausmachen ...

Kopftücher für alle?

Nochmal zum Stoff, also nicht zum weißen, sondern zum Tuch: Auch das Kopftuchurteil zeigt uns in diesen Tagen wieder, wie aufregend es ist, in einer demokratischen Multi-Kulti-Gesellschaft zu leben und dazu möchte ich den Herrn Karasek zitieren, der im guten, alten und uns weiterhin erhaltenen "Tagesspiegel" schreibt: "Ein Kopftuch ist eben nicht nur ein Kopftuch." Wie Recht er damit hat, und er erläutert seine Ansicht auch: "Während das Christentum sich in Mitteleuropa nach schweren Kämpfen, Revolutionen und Evolutionen zu einer modernen Religion entwickelt hat, die den säkularen Anspruch des Staates akzeptiert, die Gleichberechtigung mit anderen Religionen, die Gleichstellung aller Menschen und die Gleichberechtigung von Mann und Frau, ist der Islam, aus welchen Gründen auch immer, zurück zu seinen radikal mittelalterlichen Wurzeln gewandert." Danke, Herr Karasek, das war schon mal eine kleine Hilfestellung, denn ich werde keine Antwort finden, wenn meine Tochter mich fragt, warum die Frau Lehrerin sich ein Tuch um ihre schönen Haare wickelt, sobald ein Mann das Klassenzimmer betritt, um sich nicht sexuell entblößt zu fühlen ...

Quelle: ntv.de

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