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Wiederauferstehung in Detroit Amerika is back

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Es glänzt in Detroit: Chrysler zeigt sich grundsaniert und mit neuen Modellen. Ebenso wie Ford und General Motors.

(Foto: REUTERS)

Was war das für ein Auftritt in Detroit? Die US-Autokonzerne haben auf der North American Auto Show die Muskeln spielen lassen wie in ihren besten Zeiten. Die "Big Three" sind wieder da. Getrommelt wird immer, gerade auf einer Automobilmesse. Aber wie viel Substanz hat der Aufschwung?

Es ist wie ein Befreiungsschlag, den die US-amerikanische Autoindustrie in Detroit erlebt. Traditionell ist die Messe in Motor City der Auftakt des Autojahres. Und dieses Mal dürfte es nur wenige Unzufriedene geben. Dass es aber welche gibt, haben Arbeiter der Autoindustrie schon vor Beginn der Show auf der Straße gezeigt. Sie demonstrierten vor den Hallen gegen Gehaltskürzungen von 50 Prozent und mehr, einen massiven Jobabbau sowie schmerzliche Einschnitte bei der Krankenversicherung. Das alles musste die einst so mächtige Autobauergewerkschaft UAW im Krisenjahr 2009 schlucken. Vielen Arbeitern stinkt das natürlich. Mit ihren Protesten sind sie so etwas wie das Haar in der Suppe der Potenzshow von Detroit. Sie zeigen deutlich, dass die Krise noch nicht für alle vorbei ist.

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GM-Produktchef Thomas Stephens lässt sich nach der Übergabe des "car of the year"-Awards für den Chevrolet Volt feiern.

(Foto: REUTERS)

Zudem ist unklar, wie gut die Arbeitnehmer der großen Autokonzerne eigentlich noch vertreten werden. Die Gewerkschaft UAW hat einen brutalen Mitgliederschwund hinter sich. In den siebziger Jahren war sie noch mit mehr als eineinhalb Millionen Mitgliedern eine Macht im sonst so gewerkschaftsfeindlichen Staat. Mittlerweile sind es nur noch 350.000, Tendenz fallend. Vor allem, weil die Autokonzerne verstärkt in den südlichen Staaten der USA produzieren. Und dort ist der Grad der gewerkschaftlichen Organisierung sehr gering. Die Insolvenz von Chrysler und General Motors hat der UAW außerdem einen heiklen Interessenskonflikt beschert. Seitdem ist sie Teilhaber und Großaktionär bei beiden Autobauern. Die Gewerkschaft müsste quasi gegen ihre eigenes Management demonstrieren. Daher gibt es keine Großkundgebungen gegen Stellenabbau oder Lohnkürzungen. Viele Mitglieder würden zwar lieber ihrem Unmut Luft machen, nur scheint der Kurs derzeit alternativlos.

Pickups sind in

Drinnen sind solche Widerstände eher Randnotizen. Um elf Prozent ist der Automarkt der USA im vergangenen Jahr gewachsen. 11,6 Millionen Autos wurden zwischen LA und New York verkauft. Das sind zwar deutlich weniger als die 16 Millionen Einheiten, die in den Hochzeiten abgesetzt wurden. Aber es reicht für eine ordentliche Portion Optimismus. GM und Ford feiern sich. Und auch bei Chrysler wandelt ein zufriedener Sergio Marchionne, seines Zeichens Fiat- und Chrysler-Chef, durch die Hallen.

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Gewerkschafter bei einer Demonstration: Der einst mächtigen UAW sind durch die Krise die Zähne gezogen worden.

(Foto: Reuters)

Was aber in den USA verkauft wird, sind genau die gleichen Modelle wie vor der Krise. Pickups und leichte Trucks haben auf dem US-Markt wieder einen höheren Anteil als normale Pkw. Da sprang GMC gleich mal in die Bresche und stellte ein monströses Konzept auf die Messe. Der Sierra All Terrain ist sechs Meter lang, mehr als zwei Meter hoch, sein V8-Diesel leistet stolze 403 PS und er schiebt mit mehr als 1000 Newtonmetern nach vorne. Realer Verbrauch unter 20 Litern unwahrscheinlich. Zukunftsträchtig ist was anderes, aber das Modell entspricht nun mal dem, was in den Staaten gekauft wird.

Technik-Import aus Europa

Daher wäre es auch verfehlt, die US-Autobauer anzuklagen. Sie machen nichts anderes als das, was jeder gute Hersteller machen würde: Sie folgen dem Geschmack der Kunden. Bei Ford schafft man aber einen Spagat, der sinnvoller erscheint. Einerseits zeigte der Autobauer seine Elektroflotte, die in den nächsten Monaten auf die Straßen kommen soll. Ein Transit, ein Focus und der C-Max als Elektro- und Hybridauto. Die meistverkaufte Baureihe von Ford in den USA ist aber die F-Serie, die ausschließlich aus großen Pickups besteht. Aber der Konzern verfügt über Zukunftstechnik und scheint für die nächste Krise am besten gerüstet. Deshalb vielleicht musste er als einziger der großen Drei aus Detroit nicht in die Insolvenz gehen.

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Die Beschäftigten mussten teils heftige Einschnitte hinnehmen. Ihnen bleibt nur, darauf zu hoffen, dass es auch was nützt und sie ihren Job behalten.

(Foto: Reuters)

Ford ist auch ein gutes Beispiel für einen anderen Trend, der sich in Detroit zeigt. Ford und GM besinnen sich ihrer europäischen Töchter. Denn die Elektroautos sind allesamt Entwicklungen aus "good old Europe". Auch General Motors zeigt mit dem Buick Verano und dem Regal Autos, die auf Plattformen von Opel fahren. Der Verano ist ein aufgewerteter Astra und der Regal basiert auf dem Opel Insignia. Bei Chrysler hat man durch die Ehe mit Fiat jetzt auch einen 500 und einen Lancia Delta auf dem US-Markt. Dafür wird der Chrysler 300 europäischer und das neue Kompaktmodell 200 zeigt schon bei seiner Premiere europäische Gene.

Unterschiedliches Qualitätsniveau

Dieser Trend könnte ein heilsamer für die US-Autogiganten sein. Denn abseits des US-Marktes ticken die Uhren in der Autobranche eben ein bisschen anders. Und eher nach dem Takt der Europäer, wie die Erfolge von VW, Mercedes und Co. in China zeigen. Auf dem europäischen Markt herrscht ein deutlich höheres Qualitätsniveau als auf dem US-Automarkt. Gerade die Mittel- und Oberschicht der aufstrebenden Schwellenländer steht auf Hightech und Qualität. Das ist aber genau das, woran es den US-Modellen immer noch mangelt. Die bestehen großteils aus einfacher Technik, die relativ billig verbaut wird.

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Auf dem Stand von Ford findet sich viel Technik aus Europa. Der Focus und der Kuga-Nachfolger stehen im Mittelpunkt.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Das Jahr 2011 wird einen wichtigen Fingerzeig geben, wie nachhaltig die Renaissance der US-Riesen ist. Denn wirtschaftlich sind die USA noch lange nicht über dem Berg. Wenn der US-Automarkt wieder einbricht oder auch nur stagniert, dann könnte die Krise schneller zurück sein als gedacht. Denn GM, Chrysler und Ford sind noch weitaus mehr vom Heimamtmarkt abhängig, als ihnen lieb sein kann. Abwarten also, ob auch 2012 in Detroit die Sektkorken knallen. Die Demonstranten vor den Toren der Messe dürften wir jedenfalls auch im nächsten Jahr wiedersehen. Denn deren Situation wird sich sicher kaum verbessern. Da werden sich nächsten Januar wohl eher noch einige hinzugesellen.

Quelle: ntv.de

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