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Nicht jeder Zweikampf in der Formel 1 geht so aus wie der zwischen Jarno Trulli im Toyota und Takuma Sato im BAR Honda im Jahr 2005.
Nicht jeder Zweikampf in der Formel 1 geht so aus wie der zwischen Jarno Trulli im Toyota und Takuma Sato im BAR Honda im Jahr 2005.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)
Sonntag, 16. März 2014

"Rivalen der Rennstrecke": Die größten Duelle der Formel 1

Von Holger Preiss

Die Formel 1 ist nicht mehr das, was sie mal war. Ein Mann dominiert, der Rest fährt hinterher. Früher war das anders. Das glaubt man auf jeden Fall, wenn man das Buch "Rivalen der Rennstrecke" liest: Männerfeindschaften, hauchdünne Siege und Duelle bis zum Totalschaden.

Niki Lauda und James Hunt lieferten sich legendäre Zweikämpfe auf der Rennstrecke.
Niki Lauda und James Hunt lieferten sich legendäre Zweikämpfe auf der Rennstrecke.(Foto: Bildagentur Kräling)

Seit vier Jahren dominiert Sebastian Vettel die Formel 1. Scheinbar unbesiegbar zieht er seine Runden und garniert all seine Siege immer noch mit dem Zusatz "jüngster". Was am Anfang beim Publikum schiere Begeisterung auslöst, weicht später dem Gefühl von langer Weile. Die Dominanz von bis zu 30 Sekunden Vorsprung beim Zieleinlauf hat solche Wucht, dass selbst Teams wie Ferrari, McLaren oder Mercedes nur noch als Statisten unterwegs sind. Aber noch etwas anderes fehlt der Formel 1, seitdem Red Bull mit ihrem jüngsten Dominator unterwegs ist: echte Duelle. Eben solche, die aus Männerfeindschaften erwachsen. So könnte man jedenfalls glauben, wenn man das Buch "Rivalen der Rennstrecke" von Elmar Brümmer und Ferdi Kräling zur Hand nimmt. Mit viel Detailwissen und Hunderten zeitgenössischen Fotos, gibt das Buch einen fantastischen Einblick in über 60 Jahre Renngeschichte.

Popstars und tödliche Unfälle

Das erste legendäre Duell in der Formel 1 liefern sich Giuseppe Farina und Juan Manuel Fangio. Keiner der beiden kann und will nachlassen. Am Ende gewinnt im Jahr 1950, dem ersten Jahr der Königsklasse, Farina vom Team Alfa Romeo vor Fangio. Zu jener Zeit sind die Duelle noch Kämpfe zwischen den Männern und ihren Maschinen. Im Laufe der Geschichte nimmt die Härte der Auseinandersetzungen aber zu. So duellieren sich Jim Clark und Graham Hill in den 60er Jahren bis aufs Messer. Doch nicht nur der Kampf auf der Rennstrecke macht die Spannung der Formel 1 aus. Während Clark der talentierte Youngster war, brilliert Hill in der Rolle des aristokratischen Rundenrechners. In der Saison 1963 gewinnt Hill mit einem hauchdünnen Vorsprung vor Clark. Spannender kann die Königsklasse nicht sein.

Jochen Rindt hätte der Popstar unter den Formel-1-Piloten werden können.
Jochen Rindt hätte der Popstar unter den Formel-1-Piloten werden können.(Foto: Bildagentur Kräling)

Oder doch? Natürlich! Durch ihre Unvorhersehbarkeiten, die da Unfälle heißen und im schlimmsten Fall tödlich sind. So berichtet das Buch auch von Jochen Rindt. Eben jenem Deutschen, der in Österreich aufwuchs und sich mit Jacky Ickx filmreife Schlachten liefert. Gestoppt wird diese Beziehung nur durch den tragischen Tod von Rindt. Aus Angst, er könne im Fall eines Crashs nicht rechtzeitig aus seinem Wagen geholt werden, verzichtet Rindt darauf, sich in seinem Boliden anzuschnallen. Ein folgenschwerer Irrtum. Als es 1970 in Monza bei einem Trainingsrennen tatsächlich zu einem Unfall kommt, rutscht der Deutsche unter seinen Gurten hindurch, wobei ihm das Schloss die Luftröhre zerschneidet. Rindt ist sofort tot. Die Ehre des Weltmeisters erlebt er nicht mehr. Der Titel wird ihm posthum verliehen. Die Rolle des Popstars übernimmt fürderhin sein Rivale und Freund Jackie Stewart.

Feind und Freund

Lauda und Hunt waren nicht nur Rivalen. Abseits der Rennbahn pflegten sie eine echte Freundschaft.
Lauda und Hunt waren nicht nur Rivalen. Abseits der Rennbahn pflegten sie eine echte Freundschaft.(Foto: Bildagentur Kräling)

Aber der Formel-1-Zirkus wäre nicht er selbst, wenn er nicht schon seine nächsten Kontrahenten gehabt hätte. Anfang der 70er Jahre entspinnt sich ein Kampf, der es sogar nach Hollywood und im Jahr 2013 in Form von "Rush" auf die Kinoleinwand schafft. Der Österreicher Niki Lauda und der Brite James Hunt werden zum Sinnbild der Rivalität in der Formel 1. Zum einen können die Charaktere nicht unterschiedlicher sein. Hunt ist der Lebemann, der Frauenheld und das ungestüme Talent. Seine häufigen Unfälle bringen ihm den Spitznamen "Hunt the Shunt" ("Hunt der Verschrotter") ein. Lauda ist ein Pedant, ein Tüftler, ein Kopffahrer. In der Saison 1976 ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Am Ende gewinnt Hunt mit 69 Punkten vor Lauda mit 68 Punkten. Natürlich wird auch der legendäre Unfall auf dem Nürburgring thematisiert, der sich im Duell mit Hunt ereignet und fast dazu führt, dass Lauda in seinem Wagen verbrennt. Allerdings ist die Rivalität zwischen den beiden auch durch eine tiefe Freundschaft abseits der Rennstrecke gekennzeichnet. Und während Lauda seine Karriere auch nach seiner Nahtoderfahrug konsequent fortsetzt, bleibt Hunt eine Art One-Hit-Wonder.

Alain Prost war ein Getriebener. Bis zu seinem Tod saß ihm Ayrton Senna im Nacken.
Alain Prost war ein Getriebener. Bis zu seinem Tod saß ihm Ayrton Senna im Nacken.(Foto: Bildagentur Kräling)

Das Duell, das zum "Synonym für Unbarmherzigkeit unter Teamkollegen" wird, entspinnt sich 1989 zwischen Alain Prost und Ayrton Senna. Niemals zuvor war Rivalität von einer so tiefen Feindschaft geprägt gewesen wie die des Franzosen und des Brasilianers. Über Jahre liefern sich die Streithähne von McLaren Kämpfe bis aufs Messer. Als Prost von Senna beim Großen Preis von San Marino überholt wird, wittert er eine Verletzung der materiellen Gleichbehandlung. Auch nachdem sich die Konstellationen von Fahrer und Fahrzeug geändert hat, werden die Streitereien der zwei weiter auf der Piste ausgetragen. Und hätte eine sich lösende Strebe der Radaufhängung Senna 1994 nicht bei einem Unfall erschlagen, wäre es im Bereich des Möglichen gewesen, das einer der beiden in den wahnsinnig anmutenden Zweikämpfen ums Leben kommt.

Duelle der Superhirne

Aber nicht nur im Fahrerlager gibt es in der Formel 1 Rivalitäten bis aufs Blut. Auch hinter den Kulissen wird mit harten Bandagen gekämpft, wissen Brümmer und Kräling zu berichten. "Das größte Duell, das die Formel 1 mal beseelte und mal vergiftete, ist das zwischen Ron Dennis und Jean Todt, zwischen McLaren und Ferrari." Die Heftigkeit dieser Auseinandersetzung lässt manches Gerangel auf der Rennbahn wie Streitereien "in einem Kindergarten" aussehen. Beide Köpfe ihrer Teams sind nicht nur ehrgeizig, was die Siege in der Königsklasse betrifft, sie wollen mehr, sie wollen Macht. Doch abseits aller Nicklichkeiten leisten sie Großes für den Rennsport. Dennis führt McLaren seit den 80er Jahren dauerhaft an die Spitze der Formel 1 zurück; Todt beendet die längste titellose Zeit von Ferrari in der Geschichte und schlägt mit Michael Schumacher ein neues Kapitel des Dauererfolges auf.

Aber was wäre der achtfache Weltmeister ohne ein Superhirn wie Ross Brawn gewesen? Oder was ein Sebastian Vettel ohne Adrian Newey? Nichts! Denn das richtige Tempo wird immer von der richtigen Taktik bestimmt. Insofern erinnern die Autoren natürlich auch an den legendären Großen Preis von Frankreich. Brawn beordert Schumacher viermal in die Boxengasse, um am Ende doch den Sieg einzufahren. Der studierte Atomphysiker hatte nämlich errechnet, dass der Weg kurz genug war, um am Ende zu gewinnen. Newey gibt sich in anderer Hinsicht genial. Keiner schafft es in der Formel-1-Geschichte, so wie er, die Aerodynamik der Rennwagen zu bändigen und in pure Rundenzeiten umzusetzen.

Die tragischen Figuren

Allerdings erzählt das Buch auch die Geschichten der tragischen Helden. Nicht derer, die ihr Leben auf der Piste ließen, sondern jener, die ganz knapp am Ruhm des Weltmeistertitels vorbeischrammten. Wie zum Beispiel Felipe Massa. Der Brasilianer ist beim Regenrennen in Sao Paulo nur einen Wimpernschlag vom Titel entfernt. Was für ein Ruhm wäre das, nicht nur vor heimischer Kulisse, sondern auch in einem Ferrari zu siegen. Doch am Ende fährt ein anderer dank der besseren Punkte an Massa vorbei: Lewis Hamilton. Und damit hat der Brite bereits in seinem zweiten Jahr in der Formel 1 sein Ziel erreicht.

Doch noch eine andere traurige Figur gibt es in der jüngeren Renngeschichte: Mark Webber. Der exzellente Australier wird bei Red Bull immer an die zweite Stelle hinter Sebastian Vettel gesetzt. Und der? Für ihn zählen nur Siege. Teamgeist hin oder her. Die Mechaniker lobend, lässt er seinen Kollegen gerne auch mal kurz vor der Zielgeraden in den eigenen Diffusor gucken. Webber wird so etwas wie das ungeliebte Kind, das gerne die Punkte für die Konstrukteurswertung einfahren darf. Auf dem Siegertreppchen soll dann aber doch lieber Everybody's Darling stehen.

Aber ist der augenblickliche Dauerweltmeister noch aller Liebling? Eine Frage, die sich leicht beantworten lässt: nein! Denn das beweist das Buch, das deutlich mehr zu bieten hat, als hier beschrieben werden kann: Die Lieblinge der Formel 1 und ihrer Fans sind die, die sich Zweikämpfe liefern. Die den Wettstreit Kopf an Kopf suchen. Nicht die, die jenseits aller anderen dominieren. Sei es nun dem Umstand geschuldet, dass sie Ausnahmepiloten sind, oder die mit Abstand beste Technik aufgrund des profundesten finanziellen Backgrounds haben.

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Quelle: n-tv.de