Auto
Montag, 20. Juli 2009

DocStop hilft: Erkrankte Fernfahrer auf Achse

Die pochenden Schläfen versucht er mit Schmerzmitteln zu betäuben, den gebeutelten Rücken nimmt er kaum noch wahr, nur die Nase will nicht aufhören zu laufen.

Irgendwo zwischen dem Entladen der Fracht in Spanien und der münsterländischen Heimat hat ihm die Klimaanlage im Lastwagen den Rest gegeben: Erkältung. Sebastian Rohde (29), Berufskraftfahrer einer Spedition in Ladbergen, beschreibt die Malaise seiner jüngsten Tour quer durch Europa. Aber anstatt einen Arzt aufzusuchen, "redet man sich ein, es wird schon gehen". Für eine bessere Unterwegsversorgung auf Europas Schnellstraßen sorgt das Projekt DocStop - fast wöchentlich kommen neue Stationen und Ärzte dazu.

Initiator des Projektes ist Rainer Bernickel, 62 Jahre alt, pensionierter Beamter der Autobahnpolizei Münster und Vorstandsmitglied im Verein "DocStop für Europäer". Jahrelang hat er die Berufskraftfahrer, ihre Sorgen und Wehwehchen kennengelernt: "Bei einem Fernfahrerstammtisch kam das Gespräch auf die mangelnde medizinische Versorgung, wenn die Fahrer mal wieder viele Tage fern der Heimat auf Tour sind", erinnert sich Bernickel. Meist sind es Rückenschmerzen durch langes Sitzen, anstrengendes Be- und Entladen der Fracht, Kopfschmerzen und Schlafmangel.

"Irgendwie ist man gezwungen weiter zu fahren. Mal eben einen Tag krankschreiben, das geht nicht", weiß Fernfahrer Rohde. Genau dieses Problem hat Bernickel auf die Docstop-Idee gebracht, denn mit einem schlechten Gesundheitszustand steige auch das Unfallrisiko. Für den Fahrer eines 40-Tonners ist es fast unmöglich, in einer fremden Stadt einen Arzt zu finden - und einen Parkplatz dazu. Auch die gesetzlich festgelegten Lenk- und Ruhezeiten sowie der Termindruck setzen enge Grenzen. Nach den Worten Rohdes bleibt dann oft nur der Griff in die selbst angelegte "Lkw-Apotheke". Schmerzmittel, Arzneien gegen Magen-Darm-Infekte: "Man denkt immer, das halte ich noch aus und dann wirft man eine Pille ein", erzählt der 29-Jährige.

Diese Gewohnheit der Selbsttherapie sehen Ärzte und Polizei gleichermaßen kritisch. "Die Nebenwirkungen der Medikamente werden meist nicht beachtet", erklärt DocStop-Arzt Uwe Freitag. Hinzu komme die oft eher schlechte Ernährung auf den langen Strecken. Die Gefahr bei dieser Berufsgruppe sei besonders hoch, aus Übergewicht und hohem Blutdruck resultierende Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verschleppen.

800.000 täglich unterwegs

Für den spontanen Arztbesuch unterwegs kooperiert DocStop mittlerweile mit knapp 300 Ärzten und Krankenhäuser entlang der Autobahnen. Der Bedarf ist groß: Bundesweit sind laut Bernickel täglich ca. 1,6 Millionen Nutzfahrzeuge auf 12.400 Autobahnkilometern unterwegs, darunter fast 800.000 Berufskraftfahrer. Über eine Hotline können diese nun den nächst gelegenen Allgemeinmediziner oder Facharzt auf ihrer Route erfragen. "Einmal auf dem Rasthof sind alle Praxen in weniger als vier Kilometer erreichbar, und die Mediziner verpflichten sich, die Fahrer vor anderen Patienten dranzunehmen", erklärt Bernickel.

Zu den Fördermitgliedern von DocStop gehören viele Speditionen, denn auch sie profitieren von der medizinischen Versorgung ihrer Fahrer. Speditionschef Joachim Fehrenkötter lobt zwar seine "pflichtbewussten" Fahrer, den Kunden in Sachen Termindruck entgegen zu kommen, aber "das oft gehörte 'es geht schon', ist im Straßenverkehr einfach gefährlich". Er merke häufig erst, wie schlecht es einem Fahrer gehe, wenn dieser zurück ist.

Der Erfolg von DocStop lässt sich bereits in Zahlen ablesen. Nach ersten Umfragen nutzen monatlich rund 100 Fernfahrer das Angebot. Auch Sebastian Rohde will sich künftig bei der nächsten ernsteren Erkrankung gleich an einen Arzt auf seiner Route wenden. Und Initiator Rainer Bernickel sucht weitere Mediziner für sein Projekt, das auf Dauer auch europaweit und möglichst lückenlos den mobilen Arztbesuch möglich macht.

Quelle: n-tv.de