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Ex-Ami bietet viel Auto fürs Geld Lancia lockt mit Komfort-Thema

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Der bullige Chrysler-Grill ist beim Lancia Thema zwar verschwunden, die physische Präsenz der großen Limousine bleibt.

(Foto: Lancia)

Der eine oder andere Autotester hatte sich schon in Gedanken die Hände gerieben: "Thema verfehlt" als Schlagzeile über den Verriss der neuesten Lancia-Limousine zu setzen, schien doch zu verlockend. Doch daraus wurde nichts: Das Auto ist erstaunlich gelungen.

Die transatlantische Partnerschaft zwischen Fiat und Chrysler manifestiert sich in diesen Tagen auf den deutschen Automarkt in neuer Form. Seit im Juli mit dem Fiat Freemont ein ehemaliger Dodge zur europäischen Großraumlimousine umgelabelt wurde, treibt der Turiner Kleinwagenkonzern die Integration des ehemals insolventen Straßenkreuzer-Herstellers Chrysler weiter voran. Der neue Lancia Thema soll der altehrwürdigen Nobelmarke wieder zu nennenswerten Verkaufszahlen verhelfen. Und dass viel Deutsches in der amerikanisch-italienischen Co-Produktion steckt, tut dem Auto gar nicht schlecht.

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Die senkrecht gestellten Heckleuchten erinnern Lancia-Fans an ein Modell von 1963.

(Foto: Lancia)

Bekanntermaßen dient ein Chrysler 300 C als Ausgangsprodukt für den Thema, eine Limousine der oberen Mittelklasse, die durch physische Präsenz und markantes Design in den USA eine Zeitlang für Furore sorgte. Als technische Basis dient dem 300 C ein alter Bekannter aus Stuttgart, nämlich die vorige E-Klasse von Mercedes. Rund eine Milliarde Euro, so heißt es aus Fiat-Konzernkreisen, habe man sich den Umbau des Chryslers zum Lancia kosten lassen. 90 Prozent der Teile seien angefasst und überarbeitet worden. Das klingt umso bemerkenswerter, wenn man weiß, dass Fiat zur Zeit des Einstiegs bei Chrysler nicht gerade als wohlhabendes Unternehmen galt.

Nachfolger des glücklosen Thesis

Aber das Kalkül von Fiat-Lenker Sergio Marchionne scheint aufzugehen: Aus zwei Kranken kann ein Gesunder werden, wenn man nur die richtigen Organe transplantiert und Medizin gezielt verabreicht. Auf sechs Millionen Fahrzeuge pro Jahr weltweit will sich der neue Konzern aufschwingen, aus heute noch elf Fahrzeugplattformen sollen bis 2014 fünf werden. Fiat konzentriert sich weiterhin auf kleine und kompakte Fahrzeuge, Chrysler steuert außer Limousinen noch SUV (von Jeep), Mini-Vans und Pick-Ups bei. Bislang erklingt in diesem Konzern-Orchester nur eine schwache Stimme von Lancia, doch die bis Oktober in Deutschland abgesetzten rund 1500 Autos bedeuten einen Zuwachs im zweistelligen Prozentbereich. Der Thema folgt auf den glücklosen Thesis, ein extravagantes Designerstück, das zuletzt nicht einmal 100 Käufer pro Jahr in Deutschland haben wollten.

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Auf 20- Zoll-Rädern sieht der Thema besonders elegant aus, bei der Top-Ausstattung gibt es sie in Serie.

(Foto: Lancia)

Nicht jeder wird finden, dass der Ersatz des prachtvollen 300-C-Wabengrills durch sieben verchromte Lamellen ein Design-Fortschritt ist, aber in dem stärker akzentuierten Heck mit den senkrecht stehenden Leuchten können Lancia-Liebhaber ein Zitat des Modells Flaminia aus dem Jahr 1963 erkennen. Der fast 5,07 Meter lange Viertürer tritt in einem schwierigen Umfeld an: Die obere Mittelklasse, wo modellabhängig bis zu 80 Prozent der Autos als Dienstwagen oder in gewerblicher Zulassung laufen, wird dominiert von den deutschen Premiumherstellern. Einen Teil des Kundenpotenzials, denen Eleganz und Individualität vor Prestige geht, bindet seit Jahren der Jaguar XF. Das sieht nach wenig Platz aus für ein komfortables Dickschiff, das für die beiden wichtigsten von drei Motorvarianten nur mit einer Fünfgang-Automatik zu haben ist.

Achtgang vorerst nur für Benziner

Der Dreiliter-Diesel wird mit 190 oder 239 PS angeboten, sie haben 440 bzw. 550 Newtonmeter Drehmoment und schieben entsprechend kernig an. Der zusätzliche 3,6-Liter großer Benziner (286 PS) dürfte auf dem deutschen Markt nur wenige Chancen haben. Allerdings verfügt der Benziner über einen Appetitanreger, der den Dieselkunden vorerst noch verwehrt bleibt: Die Achtgang-Automatik von ZF, der bereits BMW und Audi in vielen Modellen sowie Jaguar vertrauen. Sie bietet auch eine Start-Stopp-Funktion, die bei den Fünfgang-Dieseln noch verfügbar ist.

Zwar beschleunigt der große Diesel etwas spontaner, aber die Höchstgeschwindigkeit ist für beide Varianten mit 232 km/h angegeben. Gern nimmt man zur Kenntnis, wie genügsam das Zwei-Tonnen-Thema auf der ersten Testfahrt mit dem Sprit umgeht. Bei entspanntem Cruisen auf Landstraße und Autobahn, in angenehmer Ruhe hinter einer Akustik-Frontscheibe und mit geschmeidigen Gangwechseln, genehmigt sich der Thema laut Bordcomputer nur 7,8 Liter je 100 Kilometer. Das sind 0,6 Liter mehr als nach Prüfstandmessung, und die ultra-schicken 20-Zoll-Räder (bei Executive-Ausstattung Serie) haben dabei bestimmt nicht zur Verringerung des Dieselkonsums beigetragen.

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Der hochwertig gestaltete und großzügige Innenraum ist wie geschaffen für entspanntes Reisen.

(Foto: Lancia)

Aber auf geringen Spritverbrauch sind die Käufer des Lancia Thema gar nicht angewiesen, denn sie geben ja von vornherein gar nicht so viel Geld für die Anschaffung aus. Gut, nun sind mindestens 41.400 Euro nicht gerade ein Taschengeld, aber was dafür geboten wird, ist aller Ehren wert. Kleiner Auszug: Lederpolster, Multifunktions-Lederlenkrad (mit unsichtbaren Tasten an der Rückseite – spaßig!), Bi-Xenon- und Nebelscheinwerfer, CD/MP3-Entertainment-System mit Freisprechanlage, Rückfahrkamera, Tempomat, elektrisch verstell- und beheizbare Vordersitze, schlüsselloses Zugangs- und Startsystem sowie Alarmanlage. Wer 50.900 Euro ausgibt hat wirklich alles drin, bis hin zu elektrischer Pedalverstellung und den wahlweise kühl- oder beheizbaren Getränkehaltern, die auch noch farblich kundtun, in welchem Betriebszustand sie sich gerade befinden.

Vollausstattung im besten Sinne

Das verdient die Bezeichnung "Vollausstattung" und da ist es auch zu verschmerzen, dass die Sitzheizung keine außen liegenden Tasten hat, sondern in den Tiefen des Menüs am Touchscreen-Monitor verborgen ist, der natürlich ebenso wie das Navigationssystem inklusive ist. Wohlduftendes Leder, Sitze im Fernsehsessel-Ausbau (sie könnten etwas mehr Seitenhalt bieten) und eine Beinfreiheit hinten, die dank 3.02 Metern Radstand an die China-Langversionen deutscher Premium-Hersteller erinnert. Nur: Die kosten mit gleichem Komfortniveau gleich mal 15.000 oder 20.000 Euro mehr.

Noch Fragen? Selbstverständlich sind die Assistenz-Einrichtungen komplett vorhanden. Einschließlich Totwinkel-Ausleuchtung, adaptivem Abstandsradar, Auffahrwarnsystem und hinterer Bewegungserkennung. Sie meldet beispielsweise, wenn sich dem ausparkenden Fahrzeug im 90-Grad-Winkel ein Hindernis nähert.

Das kann nur eines bedeuten: Thema erfüllt! Dieser Ex-Ami ist eine bestens ausgestattete und bequeme Reiselimousine, die europäische Komfortansprüche erfüllt und es verdient hat, sich einen Platz in der oberen Mittelklasse zu erobern.

Quelle: ntv.de

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