

Die US-Regierung unter Donald Trump setzt nicht nur China mit einer sehr aggressiven Wirtschaftspolitik unter Druck. Washington setzt die Axt am globalen Welthandel an. Gleichzeitig werden im Inland Maßnahmen verabschiedet, die die Uhren beim Thema Diversität zurückdrehen. Durch eine ganze Reihe von Entscheidungen setzt die US-Regierung auch den Tech-Sektor unter Druck. Ist das Ganze vielleicht sogar zum Nutzen der europäischen KI-Branche?

➡️ Trump hilft der europäischen KI auf die Sprünge/ Shutterstock/ Anggalih Prasetya
Künstliche Intelligenz (KI) ist seit der Veröffentlichung der ersten öffentlich verfügbaren Modelle (wie ChatGPT, Perplexity oder Claude) zu einem strategischen Schlüsselbereich geworden. Die USA geben besonders im Zusammenhang mit den generativen Modellen den Ton an, während Europa hinterherhinkt. Die Entwicklung hierzulande kommt sehr viel langsamer voran und ruft EU-Staaten auf den Plan, die nationale und länderübergreifende Initiativen etablieren.
Deutschland, Frankreich und Schweden investieren in KI-Strategien und Forschungsprogramme, um den Anschluss nicht komplett zu verlieren. Mit hohen Investitionen im Rahmen der verschiedenen Förderprogramme fließen Milliarden Euro in KI-basierte Forschung. Dabei steht in Europa der schnelle Fortschritt einer strengen Regulierung, hohen Anforderungen in der Datensicherheit und einer klar definierten ethischen Grundlage gegenüber.
Europa bleibt vielleicht bei generativer KI deutlich hinter den USA zurück, hat dafür jedoch in Bereichen wie Industrieanwendungen, Sprachmodellen für Nischensprachen und datenschutzorientierter KI-Technologie eigene Stärken. Viele kommerzielle KI-Plattformen von OpenAI, Google oder Meta stammen aus den USA. Lassen sich die Innovations- und Skalierungsherausforderungen möglicherweise durch die Zoll- und Migrationspolitik der USA lösen?
US-Präsident Trump hat am 2. April 2025 mit dem „Liberation Day“ ein neues, nach eigener Aussage, goldenes Zeitalter für die Vereinigten Staaten ausgerufen. 10 Prozent Basiszoll auf Importe und dazu sogenannte “reziproke Zölle” die eine ganze Reihe Länder betreffen – die aktuelle Wirtschaftspolitik hat viele Analysten und Ökonomen verblüfft.
Allerdings teilen sie nicht den Enthusiasmus und Optimismus der Trump-Administration. Der 2. April wird deshalb von den Gegnern Trumps auch als „Inflation Day“ bezeichnet. Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass die Zölle zu spürbaren Preissteigerungen für US-Verbraucher führen werden– auf breiter Front.
An den Märkten und unter Analysten ist noch immer nicht klar, welche Auswirkungen die Zölle konkret haben werden. Ein Grund: Wie stark die Lieferketten im Einzelnen für Unternehmen verflochten sind, lässt sich von außen oft so gut wie gar nicht abschätzen. Eines scheint aber klar: Dass die Zollpolitik nicht nur den Import in die USA trifft, sondern auch auf den US-Bürger (und deren Portemonnaie) zielt.
Bisher geplante Zollsätze auf verschiedene Halbleiterprodukte:
Was erreicht Washington damit? Importe für den Aufbau von Rechenzentren in den USA werden deutlich teurer. Und dies betrifft nicht nur die Hardware. OpenAI, Oracle und Softbank haben gemeinsam mit der US-Regierung den Aufbau eines Großprojekt (Stargate) vor einigen Wochen verkündet.
Hohe Zölle auf Stahl, Aluminium oder Holz aus Kanada und die Verteuerung der High-Tech-Hardware werden einen erheblichen Teil der Investitionskosten aufzehren – ohne, dass diese in die KI-Entwicklung fließen.
Hinsichtlich der Entwicklung von KI-Know-how kann dieses „Hindernis“ eine positive Wirkung entfalten – durch günstige Rahmenbedingungen. Förderungen und das Wegfallen von Zöllen bieten wirtschaftliche Vorteile. Schließlich hat die EU mit verschiedenen Ländern aus dem asiatischen Raum (wie Vietnam) Freihandelsabkommen abgeschlossen.
Und Donald Trump scheint auch bei der Halbleiterindustrie weiter an der Zollschraube drehen zu wollen. Schon Ende Januar war im Gespräch, bei Halbleiterprodukten auf 100 Prozent bei den Zöllen zu gehen. Wenn die US-Administration wirklich die eigene KI-Industrie stützen und die Chipproduktion zurückholen will, schneidet sie sich mit der Störung der Lieferketten ins eigene Fleisch.

✅ Die europäische KI könnte von den hohen Zöllen profitieren/ DC Studio
Die aggressive Wirtschaftspolitik Trumps hat an den Aktienmärkten für Entsetzen und einen massiven Abverkauf gesorgt. Besonders die Breite und Höhe der Zölle sehen Ökonomen als echtes Problem für das globale Wirtschaftswachstum. China hat bereits angekündigt, gegenüber Washington nicht einzuknicken.
Seitens der EU wird anscheinend versucht, zuerst etwas zurückhaltender aufzutreten. Aber auch hier liegen Pläne in der Schublade. Teil der Gegenmaßnahmen kann eine Beschneidung der US-Dienstleistungsexporte sein. Die Ideen reichen hier von Gebühren bis zu Zugangsbeschränkungen.
Umsätze großer Tech-Unternehmen aus den USA:
Damit zielt Brüssel auf Unternehmen wie Meta oder Google. Allerdings besteht durchaus eine reale Chance, dass auch US-KI-Unternehmen ins Kreuzfeuer der politischen Spannungen zwischen den USA und Europa geraten. Ein mögliches Ergebnis: KI-Dienste aus den USA werden für europäische Nutzer teurer (oder sogar eingeschränkt). In diese Lücke auf dem europäischen Markt könnten heimische Anbieter vorstoßen.
In Kombination mit höheren Standards beim Datenschutz und Compliance, die auch ohne Zölle von Anwendern als Wettbewerbsvorteil gesehen werden, würde eine Verteuerung der US-Dienste – in Kombination mit einer konkurrenzfähigen Alternative – den Abschied von amerikanischen KI-Unternehmen leichter machen.
Die EU hinkt bei der KI-Entwicklung immer noch hinterher. Auch, weil sich Know-how in den letzten Jahren stark in Richtung USA orientiert hat. Allerdings scheint der US-Regierung das Auftreten als „starker Mann“ nach innen (oder vielmehr gegenüber eingefleischten MAGA-Fans) wichtiger als das Profil als Wissenschaftsstandort zu sein.

✅ Deutschland möchte seine Wettbewerbsposition auf dem KI Markt deutlich verbessern/ Shutterstock/ Who is Danny
Die Wirtschaftspolitik der USA sorgt darüber hinaus für Unmut und politischen Widerstand in Europa. In der Bevölkerung steigt in verschiedenen Ländern – auch in Deutschland – das Interesse, Produkte und Dienstleistungen aus den USA bewusst zu meiden. Auch wenn Verbraucher laut Umfragen ein wachsendes Unbehagen gegenüber US-Produkten äußern, bleibt offen, inwieweit sich dies in tatsächlichem Konsumverzicht niederschlägt.
Solche Boykotte könnten auch den Dienstleistungssektor treffen – ein Bereich, in dem US-Unternehmen traditionell stark vertreten sind. Etabliert sich ein solches Verbraucherverhalten tatsächlich, wären positive Impulse für die europäische KI-Branche denkbar.
Die Politik der US-Administration bietet europäischen KI-Unternehmen möglicherweise Rahmenbedingungen, um die eigene Position zu verbessern. Auf der anderen Seite muss die Entwicklung realistisch betrachtet werden: Europas KI-Branche ist trotz aller positiven Perspektiven noch nicht ausreichend breit aufgestellt, um kurzfristig große Marktlücken vollständig auszufüllen. Neben regulatorischen Hürden und komplexen Entscheidungsprozessen steht dem einfach entgegen, dass US-Unternehmen wie OpenAI einfach einen deutlichen Vorsprung haben. Die Branche sollte allerdings sich bietende Chancen nutzen, um diesen Abstand nach Möglichkeit zu verkürzen.
Hinzu kommt, dass die USA unter Trumps Nachfolgern möglicherweise wieder zu einer liberaleren Politik zurückkehren könnten. Ein Szenario, das kurzfristige Wettbewerbsvorteile nivelliert. Europäische KI-Unternehmen dürfen sich nicht auf die politischen Rahmenbedingungen verlassen, es braucht forcierte strategische und technologische Fortschritte, um mit den USA auf diesem Gebiet gleichzuziehen.

➡️ Die europäische KI muss einen deutlichen Vorsprung der US-Unternehmen aufholen/ Shutterstock/ DC Studio
Während die Aktienmärkte und Industrie fragend nach Washington blicken und sich Herausforderungen und Unsicherheit gegenübersieht, kann sich die Politik des Weißen Hauses für die europäische KI-Branche möglicherweise als positiver Impuls erweisen. Trumps Zoll-, Wirtschafts- und Migrationspolitik machen Hardware in den USA teurer und lösen eine Abwanderungswelle bei Wissenschaftlern aus. Zudem schaffen die wirtschaftspolitischen Spannungen neue Marktsegmente, in welche KI-Unternehmen vorstoßen.
Damit die Effekte nachhaltig wirken, muss Europa aber auch hausgemachte Herausforderungen konsequent angehen. Dazu gehören eine intensive Innovationsförderung und die Verbesserung der regulatorischen Rahmenbedingungen. Es braucht die richtigen Impulse, um zügig skalierbare Geschäftsmodelle aufzubauen. Wenn diese Faktoren ineinandergreifen, könnten Trumps protektionistische Maßnahmen am Ende ein unerwarteter Motor für Europas Künstliche Intelligenz werden.


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