

Ein unscheinbares Rundschreiben des Bundesfinanzministeriums vom 9. April 2026 hat die Edelmetallbranche in Deutschland kalt erwischt. Mit einer Anpassung des Umsatzsteuer-Anwendungserlasses zu § 4 Nr. 4b des Umsatzsteuergesetzes hat das Ministerium ein Modell faktisch beendet, das Privatanleger seit Jahren nutzten. Und zwar, um beim Kauf von Silber und anderen Metallen die Mehrwertsteuer von 19 Prozent legal zu umgehen.
Die Reaktionen fielen entsprechend heftig aus. Erste Händler stellten Transaktionen sofort ein, Branchenvertreter sprechen von einem fiskalischen Schnellschuss ohne Vorwarnung und ohne Einbindung der betroffenen Akteure.
Was nach einer technischen Fußnote im Steuerrecht klingt, trifft tatsächlich Hunderttausende Privatanleger – und hat eine industriepolitische Dimension, die über das Thema Silber weit hinausgeht.
Das Finanzministerium selbst betont, es handele sich nicht um eine Neuregelung, sondern lediglich um eine Klarstellung der bestehenden Gesetzeslage. Auswirkungen auf die Versorgung mit kritischen Rohstoffen seien nicht zu erwarten. In der Branche sieht man das anders.
Das Prinzip hinter den deutschen Zollfreilagern war rechtlich zulässig und über Jahre etabliert: Waren aus dem Ausland dürfen in Zollfreilagern zoll- und mehrwertsteuerfrei gelagert werden, solange sie nicht in den freien Warenverkehr der EU gelangen. Die Abgaben fallen erst an, wenn die Ware das Lager verlässt – etwa beim Verkauf ins Inland oder bei der physischen Lieferung an den Käufer.
Privatanleger machten sich das zunutze. Sie kauften Silber, Platin oder Technologiemetalle über Händler, die die Bestände bereits im Zollfreilager verwahrten. Die Ware wechselte den Eigentümer, blieb aber im Lager. Wer irgendwann verkaufte, tat das in der Regel an denselben Händler zurück. Eine physische Lieferung nach Hause, die die Mehrwertsteuer ausgelöst hätte, war nie vorgesehen. Das Modell ließ sich so über Jahre nutzen, ohne dass die 19-prozentige Steuer je anfiel.

Für Silber gelten neue Steuerregelungen (Foto: Shutterstock/ Seacalm)
Erste Händler reagierten unmittelbar. Anbieter GranValora berichtet, dass alle Käufe von Rohstoffen mit Ausnahme von Gold vorerst ausgesetzt wurden. Auch SEPA-Lastschriften für entsprechende Sparpläne wurden gestoppt. Bestehende Goldverträge laufen hingegen unverändert weiter. Das Unternehmen sprach von einem fiskalischen Schnellschuss, der am Ende sogar Steuereinnahmen kosten könnte, da Anleger auf andere Märkte oder Modelle ausweichen dürften.
Wolfgang Wrzesniok-Roßbach, Chef der Edelmetall-Beratungsfirma Fragold und der Konferenz Zukunftsforum Edelmetalle, formuliert sein Urteil deutlich: Er hält die Entscheidung der Finanzbehörden für bemerkenswert kurzsichtig. Seine Kritik geht dabei über den steuerlichen Effekt hinaus. Andere Staaten im Westen wie in Fernost investierten längst massiv mit Steuergeldern in eigene Rohstoffreserven. Deutschland hingegen demontiere ein funktionierendes Modell auf privater Ebene ohne erkennbaren strategischen Grund. Er fordert, zumindest kritische Metalle wie Platinmetalle und Silber von der Neuregelung auszunehmen. Silber werde zu mehr als 50 Prozent industriell genutzt und sei in den USA bereits als kritischer Rohstoff klassifiziert.
Dass die Änderung ohne jede Übergangszeit und ohne Konsultation der Branche in Kraft trat, verschärft die Kritik. Tatsächlich gehörte es zum Geschäftsmodell vieler Händler, ihren Kunden die Möglichkeit zur Lagerung von Weißmetallen im deutschen Zollfreilager anzubieten. Diese Händler stehen nun vor der Frage, wie sie ihre Modelle umstrukturieren.
Was viele in der Branche besonders ärgert, ist nicht nur der direkte steuerliche Effekt für Privatanleger. Die deutschen Zollfreilager erfüllten eine Funktion, die über privates Silbersparen weit hinausging. Anleger übernahmen die Lager- und Risikokosten für Rohstoffe, die auch für die Industrie strategisch relevant sind.
Dieses Modell bewährte sich zuletzt eindrücklich, als China 2025 Exportrestriktionen auf mehrere seltene Erden verhängte:
Rohstoffhändler Tradium lagert unter anderem seltene Erden in Frankfurt. Als China seine Exportrestriktionen einführte, konnte das Unternehmen auf Bestände zurückgreifen, die private Anleger dort deponiert hatten. Tradium blieb lieferfähig, weil es diesen Privatanlegern entsprechende Preise anbot und so an die Bestände kam. Tradium-Chef Matthias Rüth sagt, er könne die genauen Auswirkungen noch nicht vollständig einordnen. Sein Eindruck zeichnet sich aber bereits ab: Das Modell der Zollfreilagerung für Privatkunden werde es in Deutschland in der bisherigen Form voraussichtlich nicht mehr geben.

Die Steueränderung für Silber ärgert nicht nur Privatanleger (Foto: Shutterstock/ Stock 4you)
Für Privatanleger, die bisher in Silber oder andere umsatzsteuerpflichtige Metalle über deutsche Zollfreilager investiert haben, stellen sich jetzt drei sehr konkrete Fragen:
Betroffen sind ausschließlich Konstruktionen über deutsche Zollfreilager. Investments über Schweizer Zollfreilager fallen unter Schweizer Recht und sind von der deutschen Regelung nicht direkt betroffen – allerdings müssen Anleger beim späteren Verkauf auf ihre deutschen Steuervorschriften achten.
Sparpläne, Sachwertdepots und Modelle mit häufigen Eigentümerwechseln sind besonders anfällig, wenn der Steuervorteil der zentrale Baustein im Sparmodell war.
Käufe vor dem 9. April 2026 bleiben nach aktuellem Stand steuerfrei. Kein unmittelbarer Handlungsbedarf für Bestandskunden, aber die Lage sollte beobachtet werden.
Gold bleibt von der Änderung vollständig unberührt, da darauf in Deutschland ohnehin keine Umsatzsteuer anfällt. Wer in physisches Silber neu investieren möchte, muss die 19 Prozent Mehrwertsteuer nun vollständig einkalkulieren. Das macht Silber im direkten Vergleich zu Gold als Anlage spürbar teurer und verändert die Renditeerwartung von Grund auf.
Echte Zollfreilager in der Schweiz sind nur dem Schweizer Zoll unterstellt. Für deutsche Eigentümer, die dort Metalle lagern, gilt nach aktuellem Stand keine Steuerpflicht in Deutschland – solange das Metall im Lager bleibt. Die in der Schweiz bereits seit Jahrzehnten etablierten Zollfreilager dürften sich nach dem Aus in Deutschland einer regen Nachfrage erfreuen. Damit wandern wichtige Kompetenzen sowie dringend benötigte Rohstoff-Ressourcen direkt ins Ausland.
Allerdings eignet sich diese Option nicht für jeden. Für kleinere Mengen lohnt sich die Lösung in vielen Fällen nicht, da die laufenden Lagerkosten langfristig die aufgeschobene Mehrwertsteuerersparnis übersteigen können. Bei größeren Positionen ab mehreren Tausend Euro kann das Zollfreilager jedoch ein sinnvolles Instrument sein. Lagerkosten liegen je nach Anbieter zwischen 0,95 und 1,60 Prozent des Lagerwertes pro Jahr. Hinzu kommen An- und Verkaufsaufschläge. Wer für einen Schweizer Zollfreilager-Zugang anfällt, sollte also kalkulieren, ob die Steuerersparnis die laufenden Kosten über die geplante Haltedauer tatsächlich übertrifft.
Wer weiterhin an der Preisentwicklung von Silber partizipieren möchte, ohne die Mehrwertsteuerpflicht physischer Bestände oder die Lagerkosten eines Zollfreilagers tragen zu müssen, hat börslich zwei Wege:
Silber-ETCs sind die naheliegendste Option für langfristig orientierte Anleger. In Deutschland gibt es aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen durch die UCITS-Richtlinien keine Silber-ETFs. Diese erlauben es nicht, Indexfonds mit nur einem einzigen Rohstoff als Bestandteil aufzulegen. Stattdessen gibt es physisch besicherte Silber-ETCs, also börsengehandelte Inhaberschuldverschreibungen, die mit realem Silber in Hochsicherheitstresoren hinterlegt sind.
Physisch besicherte Silber-ETCs gelten in Deutschland als Sachwerte. Nach einer Haltedauer von mehr als einem Jahr sind Kursgewinne steuerfrei. Das ist ein echter steuerlicher Vorteil gegenüber dem direkten Silberkauf mit Mehrwertsteuer.
Wichtig: Ein ETC ist eine Schuldverschreibung und trägt damit ein Emittentenrisiko, das physisches Silber im eigenen Besitz nicht hat. Wer auf physisch besicherte Produkte setzt und auf Anbieter mit solider Bonität achtet, kann dieses Risiko jedoch begrenzen.

Bei XTB kann man CFDs auf Silber handeln (Foto: xtb.com)
CFDs ermöglichen es, an der Kursentwicklung von Silber teilzunehmen, ohne das Metall physisch zu halten – und das mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz, da der Handel gehebelt möglich ist.
Anbieter wie XTB bieten Silber-CFDs mit engen Spreads an und gehören in Deutschland zu den bekanntesten Adressen für den CFD-Handel. Der Unterschied zum ETC ist fundamental: CFDs sind kurzfristige Hebelprodukte, keine langfristige Anlage in Wertpapiere. Wer also mit einem CFD auf steigende Silberpreise setzt, sollte sich über folgende Punkte im Klaren sein:
Wer also bisher auf das Zollfreilager-Modell gesetzt hat, weil er Silber als langfristigen Sachwert im Portfolio halten wollte, ist mit einem physisch besicherten Silber-ETC deutlich besser bedient als mit CFDs. Wer jedoch kurzfristig auf Silberpreisbewegungen spekulieren möchte, findet in CFDs ein flexibles, aber risikoreiches Instrument. Beides ersetzt physisches Silber nicht vollständig – ETCs und CFDs sind Finanzinstrumente, kein Metall im Tresor.
Die Neuregelung trifft eine Nische, die in der breiteren Öffentlichkeit kaum Aufmerksamkeit genoss, aber industriepolitisch durchaus relevant war. Das Bundesministerium spricht von einer bloßen Klarstellung. Die betroffene Branche sieht das als Eingriff ohne Übergangszeit und ohne erkennbare strategische Abwägung.
Damit wandern wichtige Kompetenzen sowie dringend benötigte Rohstoff-Ressourcen direkt ins Ausland – und natürlich auch das Kapital der Anleger. Ob das im Sinne einer Volkswirtschaft ist, die sich gleichzeitig um strategische Rohstoffunabhängigkeit bemüht, darf zumindest bezweifelt werden.
Für Privatanleger bedeutet das: Wer bisher über ein deutsches Zollfreilager in Silber oder Technologiemetalle investiert hat, sollte die eigene Situation jetzt prüfen. Bestehende Positionen sind vorerst geschützt. Für neue Investments führt kein Weg daran vorbei, die Steuer einzukalkulieren oder auf börsliche Alternativen auszuweichen. Letztere haben bergen aber eigene Chancen und Risiken.

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Finanzielle Differenzgeschäfte (sog. contracts for difference oder auch CFDs) sind komplexe Instrumente und gehen wegen der Hebelwirkung mit dem hohen Risiko einher, schnell Geld zu verlieren. Der überwiegende Anteil der Privatkundenkonten verliert Geld beim CFD-Handel. Sie sollten überlegen, ob Sie verstehen, wie CFD funktionieren, und ob Sie es sich leisten können, das hohe Risiko einzugehen, Ihr Geld zu verlieren.