

Jerome Powell hat die Fed nach acht Jahren verlassen. Der Abgang war jedoch alles andere als geräuschlos. Strafrechtliche Ermittlungen, Entlassungsversuche gegen Gouverneurin Lisa Cook, öffentlicher Druck auf Zinsentscheidungen: Die Trump-Regierung hat in Powells letzten Amtsmonaten systematisch an der institutionellen Hülle der Notenbank gekratzt. Nun sitzt Kevin Warsh im Vorsitz. Und seine ersten Personalentscheidungen zeigen, wohin die Reise gehen wird.
Daniel Heil und Paul Winfree. Das sind die beiden Berater, die Warsh sich zu Beginn seiner vierjährigen Amtszeit an die Seite geholt hat. Beide kommen aus dem Umfeld konservativer Denkfabriken, der Hoover Institution, bei der auch Warsh selbst tätig war, und der Heritage Foundation.
Winfree ist die politisch aufgeladenere Figur. Er schrieb das Kapitel über die Notenbank in „Project 2025″, jenem umstrittenen Reformpapier, das eine vollständige Neuausrichtung der amerikanischen Exekutive skizziert. Sein Kernargument: Das Doppelmandat der Fed, das Preisstabilität und Vollbeschäftigung gleichwertig nebeneinanderstellt, gehört abgeschafft. Die Notenbank solle sich ausschließlich auf die Eindämmung der Inflation konzentrieren. Vollbeschäftigung ist in diesem Modell nicht mehr Ziel, sondern bestenfalls Nebeneffekt.
Warsh hat bislang keine Entscheidung über dauerhafte Rollen der beiden getroffen. Befristet tätig, heißt es offiziell. Aber Übergangsberater formen Institutionen. Das ist der älteste Trick in der Washingtoner Personalpolitik.
Das Argument lautete: Zu viel Transparenz schade der Effektivität. Die Notenbank solle weniger ankündigen und mehr handeln. Das klingt nach geldpolitischem Pragmatismus. Tatsächlich würde es die externe Kontrolle der Fed durch Märkte und Öffentlichkeit erheblich erschweren. Ob Warsh diesen Pfad einschlägt, ist offen. Aber Ideen, die einmal im Raum sind, verschwinden selten spurlos.

Kevin Warsh startet seinen ersten Schachzug (Foto: Shutterstock/ Rawpixel.com)
In einem Schreiben an die mehr als 20.000 Mitarbeiter der Notenbank formulierte Warsh zum Start: „Wir werden nicht an bisherigen Praktiken festhalten, wenn wir bessere Alternativen finden.“ Bereits im Vorfeld hatte er einen „Regimewechsel“ angekündigt. Klingt wie Reformrhetorik. Dahinter steckt ein fundamentaler Bruch mit dem Ansatz seines Vorgängers.
Ob diese Produktivitätsgewinne dauerhaft tragen, wenn KI in der Breite der Wirtschaft ankommt, ist die entscheidende offene Frage seines Modells. Wer in der Vergangenheit technologische Produktivitätsschübe als dauerhaft antizipiert hat, etwa nach der Dotcom-Welle, lag damit nicht immer richtig.
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Powells Amtszeit als Fed-Vorsitzender endete am 15. Mai. Warsh wurde am 22. Mai vereidigt. Powell ist nicht weg.
Er entschied sich, seinen Sitz im Gouverneursrat zu behalten, ein Recht, das ihm bis Ende Januar 2028 zusteht. Jeder Platz, den Powell hält, ist ein Platz, den das Weiße Haus nicht neu besetzen kann. Damit wird sein Verbleib im Gouverneursrat zu einem institutionellen Schutzmechanismus.
In seiner ersten öffentlichen Rede nach dem Amtsende sprach Powell beim „John F. Kennedy Profile in Courage“-Preis. Er äußerte sich nicht zur aktuellen Geldpolitik. Stattdessen sagte er, demokratische Institutionen wie die Notenbank, Gerichte und Universitäten seien derzeit einem Stresstest ausgesetzt. Wenn eine Regierung einen Weg fände, Fed-Vertreter wegen politischer Differenzen zu entlassen, würden künftige Regierungen dies ebenfalls tun. Die Öffentlichkeit würde dann das Vertrauen verlieren, dass die Notenbank ihre Entscheidungen ausschließlich im Interesse aller Bürger trifft.
Powells Aussage zielte erkennbar auf die jüngsten Angriffe aus dem Trump-Lager. Der Präsident hatte versucht, Fed-Gouverneurin Lisa Cook zu entlassen. Ob er dazu rechtlich befugt ist, steht noch aus. Gegen Powell selbst leitete die Regierung strafrechtliche Ermittlungen ein, offiziell wegen Renovierungskosten am Fed-Gebäude, von vielen Marktteilnehmern als politisch motiviertes Druckmittel gewertet.
Was Powell in dieser Rede nicht sagte, ist fast genauso aufschlussreich wie das, was er sagte. Kein Wort zur Geldpolitik. Kein Wort zu Warsh. Keine Retourkutsche. Das war kein Versehen. Ein Mann, der acht Jahre lang gelernt hat, jedes Wort zu wiegen, schweigt an bestimmten Stellen mit Absicht.

Powell behält einen Sitz im Gouverneursrat (Foto: Shutterstock/ FotoField)
Reinhard Pfingsten, Chief Investment Officer der Deutschen Apotheker und Ärztebank, warnt vor voreiligen Schlüssen. Der Offenmarktausschuss besteht aus zwölf Mitgliedern: sieben Fed-Gouverneure inklusive Chair, ein Vertreter der New Yorker Fed und vier weitere regionale Vertreter. Aus dem bisherigen Abstimmungsverhalten lasse sich keine politische Aushöhlung ableiten.
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Neben seinem geldpolitischen Programm verfolgt Warsh ein zweites institutionelles Vorhaben: ein neues Treasury-Fed-Abkommen nach dem Vorbild von 1951. Damals beendete ein solches Abkommen eine Phase, in der die Fed verpflichtet war, Staatsanleihen zu fixen Preisen zu kaufen, um Kriegsschulden günstig zu halten. Das Abkommen stellte die Unabhängigkeit der Notenbank wieder her.
Was Warsh vorschwebt, würde die Emissionsstruktur des Finanzministeriums verändern: weniger Neuemissionen am langen Ende, mehr am kurzen. Für Anleiheinvestoren mit langen Laufzeiten wäre das strukturell positiv, sinkende Angebotsmenge trifft auf gleichbleibende institutionelle Nachfrage. Die Rechnung hat eine Bedingung: Der Markt muss Warshs Inflationsmodell tatsächlich abnehmen. Tut er das nicht, kippt die gesamte These.
Für Edelmetallinvestoren ist der Führungswechsel strukturell positiv. Niedrigere Zinsen reduzieren die Opportunitätskosten des Haltens von Gold, ein schwächerer Dollar befeuert die globale Nachfrage zusätzlich. Wichtiger als diese bekannte Marktlogik aber ist der längere Zusammenhang: Zentralbanken weltweit kaufen seit Jahren kontinuierlich Gold, weil es einer der wenigen Reservewerte ist, der nicht gleichzeitig die Verbindlichkeit eines anderen Staates ist. Pfingsten bringt es direkt auf den Punkt: Strukturelle Nachfrage trifft auf ein mehr oder weniger gleichbleibendes Angebot, die Konsequenz sind steigende Preise, solange der Dollar seinen Status als unangefochtene Leitwährung nicht zurückgewinnt.
Silber reagiert auf dieses Szenario stärker als Gold, nach oben wie nach unten. Es ist monetäres Schutzinstrument und Industriemetall zugleich, gefragt in Photovoltaik, KI-Hardware und Elektromobilität. Norbert Hagen, Vorstandsvorsitzender der ICM Investmentbank, bremst bei kurzfristiger Euphorie: Einige Zentralbanken hätten die jüngste Kursexplosion bereits zur Gewinnmitnahme genutzt. Neue Höchststände seien vorerst nicht zu erwarten. Wer das vergisst, wird von den Rücksetzern kalt erwischt.

Anleger die in Edelmetalle investieren sehen den Fed Führungswechsel positiv (Foto: Shutterstock/ Seacalm)
Es gibt eine Asymmetrie in Warshs Programm, die bisher zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Er verlangt vom Markt etwas, das Notenbanker selten offen einfordern: Vertrauen in ein neues Inflationsmodell, bevor es sich bewährt hat.
Powell konnte sich auf Jahrzehnte geldpolitischer Erfahrung stützen, auf ein Framework, das der Markt kannte und einpreisen konnte. Warsh bricht damit. Er sagt im Wesentlichen: Inflation ist kein Nachfrageproblem, sondern ein Geldmengenproblem. KI macht Produktion billiger. Deshalb können wir die Zinsen senken, ohne die Inflation zu riskieren.
Diese Aussage ist erst einmal eine starke Behauptung und keinesfalls eine gesicherte Erkenntnis. Wenn der Markt dieser These nicht glaubt, wenn also die Inflationserwartungen bei Zinssenkungen beginnen zu steigen, anstatt zu fallen, verliert Warsh seinen wichtigsten Hebel. Die Fed kann viele Dinge steuern, aber die Erwartungen der Marktteilnehmer gehören nur bedingt dazu.
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Die erste Zinssitzung unter Warsh findet am 16. und 17. Juni statt. Erwartet wird, dass die Fed die Zinsen unverändert lässt. Entscheidend werden die neuen Wirtschaftsprognosen sein: Sie zeigen, wie Warsh den hartnäckigen Inflationsdruck einschätzt und ob er bereit ist, ein Signal zu setzen, das unabhängig von den Präferenzen des Weißen Hauses gelesen werden kann.
Manche Analysten rechnen bereits mit drei Zinssenkungen im laufenden Jahr anstatt der ursprünglich erwarteten zwei. Das wäre eine Überraschung in eine Richtung, die dem Präsidenten gefallen dürfte. Warsh hat versprochen, dass das nicht seine Richtschnur ist.

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