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Dienstag, 12. Februar 2008

Rating nicht mehr glaubwürdig: "AAA" reicht nicht mehr

Die Rating-Agenturen sind angeschlagen. Mit den Milliardeneinbußen von Banken und Anlegern infolge der Finanzmarktkrise schwand das blinde Vertrauen in die Höchstnote mit den drei Buchstaben "AAA" (englisch: "Triple A"). Zwar gelobte so manche der großen Rating-Agenturen wie Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch Besserung und erste Änderungen sind vollzogen. Doch nach Ansicht von Kritikern gibt es vor allem eine Konsequenz aus den Turbulenzen: Banken und Anleger müssen künftig wieder selber genauer hinschauen, wem sie ihr Geld anvertrauen. So dürften denn auch einige der Analysten bei Banken unterkommen, die infolge der Krise ihren Job bei Rating-Agenturen verloren haben. Indes geht die Debatte über mehr Kontrolle der Agenturen weiter: Für diesen Mittwoch (13.2.) bestellte der Bundestags-Finanzausschuss die großen Rating-Agenturen nach Berlin.
 
Ende der Arbeitsteilung
 
"Viele Banken werden infolge der Krise wieder selbst genauer hinschauen: Die traditionelle Kreditanalyse wird wieder einen größeren Stellenwert bekommen", sagt der Chef des Sparkassen-Fondsdienstleisters DekaBank, Franz Waas. "Was es nicht mehr geben wird, ist das blinde Kaufen nur auf Rat der Rating-Agenturen." Ihnen wird vorgeworfen, den US-Hypothekenmarkt zu lange als sichere Geldanlage gepriesen zu haben und sogar komplizierte Finanzkonstrukte mit zweitklassigen Krediten (subprime) positiv eingeschätzt zu haben.
 
"Man kriegt derzeit ja für jedes noch so seltsame Produkt irgendeinen Stempel - das kann es nicht sein", schimpft Rating-Fachmann Ottmar Schneck. Manche Rating-Agenturen hätten aus Gier ihr Geschäft auch auf die Bewertung riskanter Produkte ausgeweitet und so das "eigentliche Ratinggeschäft verwässert", meint der Reutlinger Professor. Schneck, der selbst Rating-Ausbilder ist, mahnt: "Rating-Agenturen sollten sich auf das besinnen, was sie können: Unternehmen zu bewerten."
 
Stellenabbau im schwierigen Marktumfeld
 
Die Ratingagentur Fitch überarbeitet als Konsequenz aus der Krise ihre Bewertungs-Kriterien. Der Markt verlange mehr Transparenz bei der Kreditanalyse, heißt es zur Begründung. Kritischer beäugt werden im Markt vor allem Produkte, bei denen kaum abgesicherte Kredite zu neuen Päckchen gebündelt und als Wertpapiere verkauft werden. "Das Marktumfeld ist schwieriger geworden", sagte ein Fitch-Sprecher. Auch Stellenstreichungen schließt die Agentur "in der derzeitigen Phase nicht mehr aus". Fitch hat weltweit 2400 Mitarbeiter und davon gut 40 am Standort Frankfurt. Die kanadische Agentur DBRS beendete ihr erst im Aufbau befindliches Engagement in Europa gleich ganz, Moody's verkündete die Streichung von 275 Stellen.

Standard & Poor's spürt nach Angaben ihres Deutschland-Chefs Torsten Hinrichs zwar noch keinen Rückgang des Geschäftsvolumens außerhalb des Marktes für strukturierte Finanzprodukte. Allerdings müsse generell das "Vertrauen der Marktteilnehmer in Ratings wieder etabliert" werden. "Neuartige Produkte werden wir künftig genauer betrachten", versicherte Hinrichs. Dafür soll ein internes Expertengremium, ein sogenanntes Risikokomitee, gebildet werden. Auch die von Banken gelieferten Daten will die Agentur künftig stärker auf Verlässlichkeit prüfen. "Wir raten ohnehin jedem, sich seine eigene Meinung zur Bonität zu bilden", sagte Hinrichs.

"Neue Diktatur unserer Zeit"

Unbestritten beeinflussen Rating-Agenturen mit ihren Bewertungen der Kreditwürdigkeit von Firmen und Finanzprodukten so manche Anlageentscheidung. Vor allem die Bestnote AAA lockt. Schon Ende 2004 nannte der heutige SPD-Bundesvorsitzende Kurt Beck die Agenturen "eine neue Diktatur unserer Zeit". Oft bleibt unklar, wie die Bonitätseinstufungen (Ratings) zustande kommen, was Mathematik und was Meinung ist. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mahnte während der Turbulenzen 2007, es dürfe "keine schwarze Box sein, wo etwas herauskommt, das keiner nachvollziehen kann". Auch die Bundesbank forderte Rating-Agenturen auf, mehr Informationen zu geben.

Dass die vielbeschworene Transparenz bei den Bonitätsprüfern nun einkehrt, wird aber auch bezweifelt. "Solange Rating-Agenturen von denen bezahlt werden, die die Papiere verkaufen, wird sich nichts wirklich ändern", sagt der Würzburger Wirtschaftswissenschaftler Ekkehard Wenger, der die Arbeit der Agenturen für "generell überschätzt" hält. Insgesamt gehen viele Branchenexperten davon aus, dass die größere Vorsicht bei der Auswahl von Produkten und dem Eingehen von Geschäften höchstens fünf bis sieben Jahre anhalten wird: Dann werde bei Banken und Anlegern wieder mehr Risikobereitschaft Einzug halten.

Von Jörn Bender, dpa

Quelle: n-tv.de