Migration

1x1 der Charttechnik, Folge 3 Psychologie der Börse

Ein wesentlicher Vorteil der Charttechnik liegt in der Tatsache, dass diese Ihnen als Anleger ein Gerüst an die Hand gibt, nach welchem Sie Ihre Investitionen steuern können. Sie analysieren aus den Charts Einstiegskurse, Stopppunkte und Kursziele - eben alles, was der Mensch zum Investieren braucht.
Aber nur wenn Sie diese Signale auch konsequent umsetzen, können Sie langfristig erfolgreich sein. Und konsequent heißt: Lassen Sie sich nicht von Ihren Emotionen leiten. Laufen Sie nicht in die gefürchteten Psychofallen des Tradens. Deshalb werde ich in diesem Kapitel meiner Serie auf die psychologischen Fallstricke eingehen, denen Sie ausweichen müssen.

Die Technische Chartanalyse aus dem Blickwinkel der Behavioral Finance.

Schauen Sie sch die folgende Graphik einmal genau an. Sie gibt in anschaulicher Weise das Verhalten der Anleger in den verschiedenen Marktphasen wider.

Anleger werden mittlerweile aufgrund der zunehmenden Medienvielfalt durch eine Flut von Informationen überschwemmt. Dies führt zu meist unbewusst ablaufenden gedanklichen (kognitiven) Mechanismen. Diese benötigen wir, um diese Flut zu kanalisieren und für den Einsatz in der Praxis der Handelsentscheidungen nutzbar zu machen. Diese Kognitionen werden aber nicht von der Ratio gesteuert, sondern von psychischen Einflussfaktoren, denen wiederum jeder Mensch in ähnlicher Weise unterliegt.

Die verhaltensorientierte Kapitalmarktanalyse (Behavioral Finance, BF) untersucht diese allgemeingültigen Verhaltenskonzepte und zeigt, dass es im Entscheidungsverhalten der Investoren zu systematischen Urteilsverzerrungen kommt.

Das irrationale Anlegerverhalten zeigt sich dann folgerichtig in den Kursverläufen der Aktien. Damit kann es aber auch mit den Methoden der Technischen Analyse analysiert werden. Die BF kann damit als das theoretisch-psychologische Fundament der Technischen Analyse betrachtet werden.

Die empirisch, also durch Versuche und Untersuchungen, gewonnenen Erkenntnisse der BF werden also durch die Charttechnik untermauert. Charts zeigen also emotionale Muster. Und diese sind nichts anderes als der Ausdruck der systematischen Urteilsverzerrung von uns allen. Daher ist die Technische Analyse das ideale Instrument, um die Erkenntnisse der Behavioral Finance in Handelsentscheidungen um zu setzen. Mit anderen Worten: Emotionen werden handelbar.

Das lernen Sie aus der Behavioral Finance

- Die Prämisse der BF heißt: Der Mensch verhält sich nur begrenzt rational Dies steht dem Begriff des „Homo Oeconomicus, also des Idealbilds des uneingeschränkt rational (also nach der klassischen Erwartungsnutzentheorie) handelnden Menschen, entgegen.

- Der Mensch verwendet gedanklich vereinfachte Darstellungen von komplexen Sachverhalten (Heuristiken), also eine Art Aussortierung des Überflüssigen. Menschen selektieren zum Beispiel nach Auffälligkeit der Präsentation der Information, nach Verfügbarkeit oder nach Häufigkeit der Wiederholung (selektive Wahrnehmung). Sie erinnern sich bestimmt noch daran, als zur "Blütezeit" des Neuen Marktes Ad-hoc-Meldungen, Fernsehauftritte von Vorständen und die so genannten "Anlegermagazine" zur "Kurspflege" eingesetzt wurden.

- Der häufigste Anlegerfehler: Verluste laufen lassen, Gewinne begrenzen


Ebenso zeigen sich Anleger in Verlustphasen risikobereiter (Nachkaufen) als in der Gewinnzone. Sie "verbilligen" immer wieder und erhöhen dadurch immer weiter ihr emotionales Engagement in diese Aktie.

Aus dem, was ich eben dargelegt habe, folgt, dass wir alle nur sehr ungern mit Verlust verkaufen, aber zu früh Gewinne mitnehmen. Ich erlebe dies selbst immer wieder, wenn ich als Portfoliomanager Kunden manchmal nachdrücklich empfehlen muss, den von mir gesetzten Stopp zu beachten. "Ich verkaufe doch nicht mit Verlust", heißt es oft, und "Das wird schon wieder". Glauben Sie mir, das wird es eben oft nicht, besonders wenn der Chart eindeutige Verkaufssignale gibt!

Denken Sie bitte an eine wichtige Börsenregel: Die ersten Verluste sind immer die geringsten. Will heißen: konsequent aus dem Markt gehen, wenn es dafür eindeutige Anzeichen gibt.

- Werden Sie nicht übermütig


Auch über diese Psychofalle sollten sich Anleger im Klaren sein, denn viele kleine (zu früh) realisierte Gewinne führen häufig zu dem bekannten Phänomen der Kontrollillusion. Daraus entwickelt sich aber häufig erst der Verlust der Kontrolle. So führen dann Überheblichkeit (Overconfidence), zu häufiges Handeln (Overtrading), zu hohe Einsätze und zu hohe Risikobereitschaft zu einem richtig großen Verlust.

Mein Fazit:

Nur wenn Sie Ihre Emotionen verstehen, können Sie diese kontrollieren. Die Grundlagen der Sozialpsychologie gaben den Unterbau zu einer neuen Forschungsrichtung, der Behavioral Finance, der verhaltensorientierten Kapitalmarktanalyse. Diese erklärt die irrationalen Verhaltensweisen, die Emotionen, denen wir alle unterliegen. Ein bekanntes „Fehlverhalten an der Börse äußert sich zum Beispiel darin, Verluste laufen zu lassen und Gewinne zu begrenzen. Ebenso unterliegen wir bestimmten gedanklichen (kognitiven) Einflüssen, die irrationales Verhalten in bestimmten Situationen begünstigen, so zum Beispiel die selektive Wahrnehmung oder die Angst vor Verlusten, die Angst, Gewinne wieder abgeben zu müssen.

Charts machen diese Emotionen sichtbar. Durch die Interpretation der Charts können Sie daher wichtige Rückschlüsse auf das Verhalten der Anleger und damit auch auf die künftige Kursentwicklung ziehen.

Durch die Kenntnis Ihrer eigenen, oft unbewusst ablaufenden Verhaltensweisen, können Sie Ihr Handeln zudem „ent-emotionalisieren und in Kombination mit dem Instrumentarium der Charttechnik sind Sie dann auf dem besten Weg zu einem erfolgreichen Investor.

Dr. Gregor Bauer erklärt bei Telebörse.de alle 14 Tage die Grundlagen und Tricks der technischen Analyse. Er ist Vorstandsvorsitzender der Vereinigung Technischer Analysten Deutschlands (www.vtad.de) und Mitglied im Vorstand des Weltverbands der technischen Analysten (www.ifta.org).

Quelle: ntv.de