Infografik

Epidemie-Lage in Deutschland Alle Daten, alle Fakten zum Coronavirus

129622648.jpg

Belastungsprobe für das Gesundheitssystem: Wie gut kann Deutschland mit dem Coronavirus-Ausbruch umgehen?

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Fallzahlen schwächen sich ab, die Sorge in Deutschland vor neuen Ansteckungswellen durch Varianten des Coronavirus' bleibt groß. In Berlin wird ein erster größerer Ausbruch registriert, international gibt es warnende Beispiele. Die aktuelle Lage im Überblick.

Seit vergangenem Herbst läuft in Deutschland die zweite Ansteckungswelle des Coronavirus, Ende November gerieten die Zahlen scheinbar außer Kontrolle: Nun kann Deutschland vorsichtige Fortschritte bei der Virus-Eindämmung verzeichnen. In der zurückliegenden Woche blieben die gemeldeten Tageszuwächse der neu erkannten Fälle deutlich unter den Größenordnungen der Vorwochen. Auch die Zahl der Regionen mit extremen 7-Tage-Inzidenz-Werten sinkt.

"Die Zahlen entwickeln sich in die richtige Richtung, aber sie sind noch auf einem zu hohen Niveau", fasste Bundesgesundheitsminister Jens Spahn seine Eindrücke nach inzwischen mehr als vier Wochen hartem Lockdown mit immer weiter verschärften Einschränkungen am Freitag zusammen. "Wir sehen einen leicht positiven Trend", bestätigte Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), bei dem gemeinsamen Pressetermin. Das bundesweite Fallaufkommen gehe zurück. "Und das ist der Erfolg dieser Maßnahmen." Jedoch seien die Fallzahlen "nach wie vor immer noch zu hoch", betonte Wieler. "Wir dürfen jetzt nicht nachlassen."

Der Präsident der Intensivmediziner-Vereinigung Divi schloss sich dieser Einschätzung an. "Wir sind noch weit weg von einer Situation, in der man von einer Entspannung sprechen kann", erklärte Divi-Chef Gernot Marx. "Wir müssen also die Infektionszahlen weiter drastisch reduzieren."

Hinweis: Karten und Infografiken werden laufend aktualisiert.

*Datenschutz

Wie aus den von ntv.de ausgewerteten Meldedaten der Bundesländer hervorgeht, ist die Gesamtzahl der seit Beginn der Coronavirus-Pandemie in Deutschland erfassten Infektionsfälle am Sonnabend auf insgesamt 2.130.514 laborbestätigte Ansteckungen gestiegen.

Das sind 13.972 neu gemeldete Infektionen mehr als am Vorabend. Im Lauf des Freitags hatten die Länder in der Summe 16.805 neue Fälle verzeichnet, am Donnerstag waren es 18.872 gewesen, am Mittwoch 18.008, am Dienstag 11.917 und zu Wochenbeginn war mit 7569 sogar der niedrigste Wert seit Mitte Oktober verzeichnet worden.

*Datenschutz

Der Anstieg der Fallzahlen im Wochenverlauf fällt damit nicht nur insgesamt flacher aus, er bleibt auch an den starken Meldedaten vor dem Wochenende deutlich hinter den Größenordnungen der Vorwochen zurück. Im mehrtägigen Mittel kommen derzeit pro Tag noch rund 14.300 neue Fälle hinzu: Dieser Durchschnittswert aus den vergangenen sieben Tagen bewegt sich damit auf einem Niveau wie zuletzt Ende Oktober.

Hat Deutschland damit die schlimmste Phase der Pandemie bereits hinter sich? "Es ist noch nicht vorbei, auch nach einem Jahr nicht, obwohl wir uns es wünschen", sagte Spahn in der Bundespressekonferenz. Die neuen Mutationen aus Großbritannien und Südamerika zwängen Deutschland, den Umgang mit dem Virus zu ändern. Sollte sich die mutierte Virusform weiter ausbreiten, würde dies zu einer "extremen Belastung der Intensivmedizin" führen, betonte Divi-Chef Marx.

Der Charité-Virologe und Coronavirus-Forscher Christian Drosten, der sich in der Bundespressekonferenz ebenfalls den Fragen der Journalisten stellte, sieht die Entwicklung ähnlich. Die in England entdeckte mutierte Virus-Variante sei nach neuesten Studien deutlich ansteckender. In Deutschland habe sie sich bis jetzt zwar noch nicht flächendeckend verbreitet. "Es gibt aber erste Ausbrüche", sagte Drosten am Freitag - und wurde bereits am Samstag in seinen Warnungen bestätigt. Ein Berliner Großklinikum musste unter Quarantäne gestellt werden, weil dort die Mutante aus Großbritannien um sich greift.

Hinweis: Die Details der Beschlüsse vom aktuellen Bund-Länder-Gipfel finden Sie hier.

Deutschland stehen damit noch weitere schwere Wochen bevor. Auch wenn die Zahlen weiter sinken sollten, bleibt die überwiegende Mehrheit der Regionen noch weit von den angestrebten Zielmarken entfernt. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Ansteckungswelle werden daher laut Bund-Länder-Beschluss nicht nur verlängert, sondern auch noch einmal deutlich verschärft werden.

Begründet werden diese Schritte ausdrücklich mit der veränderten Ausgangslage: Die Sorgen vor einem dramatischen Wiederanstieg der Infektionswelle im Fall einer Ausbreitung der neuen Virus-Mutationen sind groß. Im Blickfeld steht dabei nicht nur die in Großbritannien entdeckte Coronavirus-Variante B.1.1.7, die sich bisherigen Erkenntnissen zufolge auch unter jüngeren Menschen leichter überträgt. Auch Sars-CoV-2-Mutationen aus Südafrika (B.1.351) und Brasilien (B.1.1.28) scheinen eine erhöhte Infektiosität aufzuweisen. "Alle drei Varianten wurden bereits in Deutschland nachgewiesen", heißt es im aktuellen Lagebericht des RKI.

Sollte eine der neuen Virus-Varianten auch in Deutschland Fuß fassen, lautet die Befürchtung, dann könnten die bisher geltenden Kontaktbeschränkungen womöglich schnell nicht mehr ausreichen. Wie schnell das Fallaufkommen unter diesen Bedingungen wieder anziehen kann, lässt sich derzeit in Portugal beobachten.

Das EU-Land im Westen Europas verzeichnete zuletzt dramatisch steigende Infektionszahlen und am Samstag einen erneuten Tages-Höchststand bei neu gemeldeten Fällen. Sorgen bereitet auch die brasilianische Stadt Manaus, wo sich die neue Mutante derzeit rapide ausbreitet - obwohl in der Stadt bereits Herdenimmunität vermutet wurde. Ebenfalls von neuen Virus-Varianten stark betroffene Staaten wie Großbritannien oder Irland konnten die extremen Zuwächse bei den Neuinfektionen bereits durch neuerliche harte Lockdown-Maßnahmen eindämmen.

In Deutschland wurden vor diesem Hintergrund bereits Vorkehrungen getroffen: Am vergangenen Dienstag, 19. Januar, einigten sich die Länder mit der Bundesregierung in zähen Verhandlungen auf eine zeitliche Ausdehnung der bisher geltenden Maßnahmen bis zunächst 14. Februar. Gastronomie, Freizeiteinrichtungen sowie der Einzelhandel bleiben damit weiter geschlossen.

Um die Kontakte auch im öffentlichen Nahverkehr zu verringern, sollen Unternehmen und Ämter die Heimarbeit ausweiten. Schulen und Kitas sollen frühestens am 15. Februar wieder öffnen. Zusätzlich kommt es zu weiteren Verschärfungen: Im öffentlichen Nahverkehr und beim Einkaufen gilt künftig eine generelle Verpflichtung zum Tragen medizinischer Mund-Nase-Bedeckungen, also sogenannte OP-Masken, FFP2-Masken oder N95-Masken.

Die Zahl der von den Landesbehörden verzeichneten Pandemie-Toten stieg mit den im Lauf des 23. Januar veröffentlichten Daten um 617 Todesfälle (Vortag: 882) an. In Deutschland sind damit nach amtlicher Zählung bisher 51.907 Menschen im Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion gestorben.

"Das ist eine bedrückende, für mich schier unfassbare Zahl", gestand RKI-Chef Wieler ein. Gerade deshalb sehe er die derzeit sinkenden Zahlen positiv. Wenn die Infektionszahlen gering gehalten werden könnten, dann ließen sich schwere Verläufe und auch weitere Todesfälle leichter verhindern.

Bekannt ist, dass die Zahl der Sterbefälle der Entwicklung bei den Neuinfektionen in der Regel mit einer Verzögerung von zwei bis drei Wochen folgt. In den kommenden Tagen könnten die Werte daher mit den Bewegungen der Fallzahlen nach Weihnachten und um Neujahr herum schwanken, insgesamt aber noch über Wochen hoch bleiben. Möglich wäre aber auch, dass noch zahlreiche Nachmeldungen ausstehen.

Besonders bitter: Die Mehrheit der Todesfälle ereignete sich hierzulande nicht in der ersten, sondern in der zweiten Welle. Deutschland ist es im Herbst und Winter - trotz der Erfahrungen aus dem Frühjahr - offensichtlich nicht gelungen, die besonders gefährdeten Risikogruppen effektiv zu schützen.

Zum Vergleich: Am 30. November 2020 lag die Zahl der Pandemie-Toten in Deutschland noch bei 16.482 - seitdem hat sich Zahl mehr als verdreifacht. Ein Grund: Je mehr Menschen sich anstecken, desto weiter kann das Virus auch in die älteren Bevölkerungsschichten vordringen. Solange nur ein Bruchteil der Menschen im Land geimpft ist, bleibt die effektive Absenkung der Fallzahlen der wirksamste Schutz vor einer weiteren Ausbreitung des Virus.

Die neu beschlossenen Maßnahmen sollen die Fallzahlen so schnell wie möglich verringern - auch, um die Vorgaben möglichst bald wieder lockern zu können. Das ursprünglich für den 25. Januar geplante Bund-Länder-Treffen wurde aus Sorge vor der Ausbreitungsgeschwindigkeit der neuen Virus-Mutationen kurzfristig vorgezogen.

Viele Stellschrauben bleiben der Politik nicht mehr: Die Menschen im Land und auch die Wirtschaft leidet schon jetzt massiv unter der schwersten Krise der Gegenwart. Es gehe darum, "noch mehr" zu tun, um die Infektionszahlen zu senken, hatte Regierungssprecher Steffen Seibert im Vorfeld des jüngsten Corona-Gipfels erklärt. Zur weiterhin zu hohen Zahl an Neuinfektionen komme das neue Risiko einer Virus-Mutation, die in Irland und Großbritannien zu einem extremen Anstieg der Fälle geführt habe. Nötig sei, noch mehr zu tun, um Kontakte zu reduzieren.

Die Lage scheint tatsächlich heikel: Die deutsche Pandemie-Abwehr ist auf die Zustimmung und den Rückhalt der breiten Öffentlichkeit angewiesen. Zugleich gibt es Anzeichen, dass die Ratschläge und Vorgaben nicht mehr ganz so gewissenhaft befolgt werden wie etwa noch im Frühjahr. Das RKI verwies zuletzt auf eine Auswertung von anonymisierten Mobilitätsdaten, die auf eine nachlassende Bereitschaft der Bürger hindeuteten, die Ansteckungsrisiken im eigenen Umfeld so gut wie möglich zu reduzieren.

Als positives Signal werten Fachleute, dass sich die Situation in den Krankenhäusern im neuen Jahr zumindest nicht weiter verschärft hat. Die Anzahl der Covid-19-Patienten in den Intensivstationen entwickelt sich ab 4. Januar sogar rückläufig. Auch das Fallaufkommen in Deutschland gibt nach Angaben des RKI in allen Altersgruppen wieder leicht nach.

Immerhin häufen sich die ermutigende Signale: Wissenschaftler berichten von Anzeichen, die darauf hindeuten, dass die Corona-Immunität länger halten könnte als gedacht. Zudem gibt es seit dem Weihnachtswochenende weiteren Anlass für begründete Hoffnungen auf Besserung: Deutschland kann der Pandemie dank des Start der Corona-Schutzimpfung am letzten Wochenende des Jahres 2020 mehr entgegensetzen als nur Abstand, Masken, Lüften und Hygieneregeln.

Am Tag nach dem offiziellen Impfstart begann das RKI damit, einen täglichen Zwischenstand zu den Fortschritten bei der geplanten Massenimpfung zu veröffentlichen. Gemäß der vorbereiteten Impfstrategie erhielten demnach bereits mehr als 100.000 Menschen eine vollständige Corona-Schutzimpfung, die sie vor der potenziell tödlichen Covid-19-Erkrankung schützen soll.

Die Aussicht auf einen bald für alle zur Verfügung stehenden Impfschutz könnte die Öffentlichkeit jedoch zugleich zu Nachlässigkeiten im Umgang mit den vorerst weiterhin bestehenden Infektionsrisiken verleiten. An den unmittelbaren Infektionsrisiken werden auch die Fortschritte bei der anlaufenden Impfkampagne zunächst wenig ändern. Da zunächst nicht genügend Impfstoff zur Verfügung steht, wird es Wochen oder gar Monate dauern, bis der Impfschutz in der Bevölkerung bei der Eindämmung des Virus zum Tragen kommt.

"Meilenstein in der Pandemiebekämpfung"

Inmitten der düsteren Gesamtlage gibt es dennoch eine Gewissheit: Die Ausbreitung des Virus lässt sich beeinflussen. Das Verhalten der Öffentlichkeit entscheidet, wie viele Gelegenheiten sich dem Coronavirus bieten. Der Erreger ist auf den Kontakt zwischen Menschen angewiesen.

Mit der Freigabe für den Impfstoff BNT162b2 des deutsch-amerikanischen Pharmabündnisses Biontech-Pfizer bekam Europa zudem dringend benötigte Verstärkung. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sprach von einem "Meilenstein in der Pandemiebekämpfung", denn: "Impfen ebnet uns den Weg aus der Krise. Und wir tun alles dafür, diesen Weg so schnell wie möglich zu gehen."

Der erfolgte Impfstart weckte zunächst große Hoffnungen, die zäh anlaufende Massenimpfung rückt die Einkaufsstrategie und die Planung des Bundes und der Länder zunehmend ins Zentrum der Kritik. Noch immer steht viel zu wenig Impfstoff zur Verfügung, um Menschen aus den besonders gefährdeten Risikogruppen und das medizinische Personal in direktem Kontakt zu Infizierten zügig impfen zu können. So oder so dürfte es noch Monate dauern, bis ausreichende Anteile der Bevölkerung über einen Immunschutz verfügen.

Die Verteilung der Impftermine orientiert sich dabei an der vorbereiten Impfreihenfolge, die eine Immunisierung der besonders gefährdeten Menschen vorsieht. Zuerst geimpft werden also etwa Pflegebedürftige, Hochbetagte und Personen aus den sogenannten Risikogruppen, bei denen etwa gravierende Vorerkrankungen vorliegen. In den Tagen bis zum Jahreswechsel würden "über 1,3 Millionen Impfdosen an die Bundesländer ausgeliefert und von diesen an die Impfteams verteilt", hatte Spahn angekündigt.

Im Januar sollten dann jede Woche mindestens 670.000 weitere Impfdosen ausgeliefert werden. Bisher hinkt der Impffortschritt diesen Zahlen noch hinterher. Zusätzlich könnte aber bald auch ein weiterer Impfstoff zur Verfügung stehen. Am 6. Januar wurde von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA zudem eine vorläufige EU-Zulassung für den Impfstoff des US-Herstellers Moderna erteilt. Das Vakzin wird in den USA bereits verimpft, in Europa soll der Impfstart in Kürze erfolgen. Die EU-Zulassung für einen weiteren Impfstoff (Uni Oxford, Astrazeneca) könnte bald schon erfolgen.

Die neue Virus-Variante aus Großbritannien habe dem bisherigen Erkenntnisstand zufolge "keine Auswirkungen auf die Impfung", hieß es aus Spahns Ministerium. Auch das RKI behält die Entwicklung genau im Blick, äußert sich bislang aber noch vorsichtig: "Zumindest für den mRNA-Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer konnte in ersten Untersuchungen eine Wirksamkeit gegen B.1.1.7 gezeigt werden." Die in Südafrika entdeckte Sars-CoV-2-Variante scheint ersten Erkenntnissen dort auch eine dominante Rolle im Infektionsgeschehen spielen. Die Mutation habe andere Varianten verdrängt, heißt es, eine erhöhte Übertragbarkeit sei damit "denkbar". Auch für diese Variante werde die Wirksamkeit von Impfstoffen aktuell geprüft.

Die Zahlen aus Südafrika, Großbritannien, Irland und aktuell Portugal scheinen jedoch die befürchtete höhere Infektiosität zu belegen, in den genannten Ländern erreichten die neu registrierten Infektionen binnen kurzem neue Höchststände, die Virus-Mutation scheint andere Varianten durch eine höhere Ausbreitungsgeschwindigkeit zu verdrängen. Der Lockdown-Effekt in Irland, mit dem die Sieben-Tage-Inzidenz bis unter 40 gedrückt werden konnte, war schnell verpufft. Mittlerweile musste die Politik auch dort wieder nachsteuern.

In Großbritannien wurde zu Beginn der vergangenen Woche ein neuer harter Lockdown bis Mitte Februar verhängt. Selbst mit einem dritten Impfstoff in Reichweite, den ersten verteilten Zweitimpfungen und einer insgesamt langsam Fahrt aufnehmenden Impfkampagne wird es auch in Deutschland keine baldige Atempause geben - weder für Familien, noch für Alleinstehende, noch für all jene Fachkräfte in den Kliniken, die um das Leben schwer erkrankter Covid-19-Patienten kämpfen.

Noch immer sind die Fallzahlen nahezu überall im Land viel zu hoch. Gelingt es, die drohende Überlastung im Gesundheitssystem allein durch Kontaktbeschränkungen, Hygieneregeln, Mund-Nase-Schutz und regelmäßiges Lüften noch einmal abzuwenden? Der Plan von Bund und Ländern, die Zahl der täglich gemeldeten Fälle mit einer Wellenbrecher-Strategie im November rechtzeitig vor den Feiertagen auf ein beherrschbares Maß zu drücken, ist auf breiter Front gescheitert.

Seit dem 16. Dezember des Jahres sollte daher ein "harter Lockdown" die sich abzeichnende Katastrophe verhindern und die exponentielle Ausbreitung der Covid-19-Erkrankungen aufhalten. Im Eiltempo hatten sich Bund und Länder am 13. Dezember auf drastisch verschärfte Corona-Auflagen geeinigt.

Das Ergebnis: Deutschland verbrachte die Weihnachtsfeiertage 2020 im pandemiebedingten Ausnahmezustand. Die bisherigen Maßnahmen hätten "nicht gereicht", erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es bestehe "dringender Handlungsbedarf" im Kampf gegen die sich aufbauende Ansteckungswelle.

Am 5. Januar wurde die erwartete Verlängerung und die von Experten geforderte Verschärfung des Lockdowns beschlossen, wenn auch nicht im von der Wissenschaft geforderten Umfang. Nach massivem Druck von Verbänden, Ministerpräsidenten und auch aus der Bundespolitik hatten die Schul- und Bildungsminister der Länder schließlich eingelenkt und ihren Widerstand gegen eine befristete Verlängerung der Schulschließungen bereits kurz vor dem für den 5. Januar angesetzten Bund/Länder-Termin aufgegeben. Damit dürfte der schulische Ausnahmezustand mit Digitalunterricht noch weitere Wochen andauern.

Noch vollkommen unklar ist, wann die Schulen in Deutschland wieder zum Regelbetrieb zurückkehren können. Werden die bisher getroffenen Maßnahmen diesmal ausreichen, die Fallzahlen auf ein beherrschbares Maß zu drücken? Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sieht Deutschland vor den bislang schwierigsten Wochen der Pandemie - und rechnet mit einer dritten Welle im Januar.

"Die Lage ist so ernst, wie sie es noch nie war in dieser Pandemie", hatte RKI-Präsident Lothar Wieler bereits Mitte Dezember auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Spahn erklärt. "Wir sehen derzeit das Ergebnis der Sorglosigkeit einiger Menschen, für die andere Menschen einen sehr hohen Preis zahlen müssen."

Die Zahl der gemeldeten Covid-19-Patienten sowie die von den Behörden erfassten Todesfälle erreichen schon seit Wochen alarmierend hohe Werte. Die Lage in den Kliniken und Pflegeheimen ist vielerorts längst kritisch. Problematisch ist, dass beide Kennzahlen - Patienten und Todesfälle - der Entwicklung bei den Neuinfektionen erst mit einem mehrwöchigen Verzug folgen. Ein großer Teil der Dezember-Welle ist also noch gar nicht in den Krankenhäusern angekommen.

Trotz des seit dem 16. Dezember geltenden Lockdowns steht zu befürchten, dass das Virus über den Jahreswechsel neue Gelegenheiten zur Ausbreitung gefunden haben könnte. Diese Befürchtungen wurden auch durch Bilder aus heillos überfüllt Wintersportgebieten befeuert. Bisher allerdings sind in den Zahlen noch keine Hinweise auf ein neu befeuertes Infektionsgeschehen zu erkennen.

Der anhaltend hohe Infektionsdruck stellt das deutsche Gesundheitssystem vor eine physisch und psychisch brutale Belastungsprobe. In vielen Regionen arbeiten einzelne Kliniken schon nahe oder gar jenseits der regulären Kapazitätsgrenzen. Und die Aussichten für die kommenden Tage sind düster: Da die Zahl der Klinikeinweisungen den Neuinfektionen im Schnitt mit einem mehrtägigen Verzug folgt, dürften die Belastungsspitzen in den Kliniken noch lange nicht erreicht sein.

Weiterhin verzeichnet kein einziges der 16 Bundesländer nur annähernd ein Fallaufkommen unter 50, obwohl das unverändert die Zielmarke bleibt - weil die Gesundheitsämter dann die wichtige Kontaktverfolgung leisten können.

Um die Nachverfolgung der Fälle steht es denkbar schlecht. Die Ausbrüche und Ansteckungen treten ohne erkennbare Muster auf. In zahlreichen Regionen sei eine "zunehmend diffusen Ausbreitung von Sars-CoV-2-Infektionen in die Bevölkerung" zu beobachten, wie das RKI seit Herbst betont. Die Infektionsketten seien in vielen Fällen gar nicht mehr eindeutig nachvollziehbar. Das "genaue Infektionsumfeld", räumte das RKI ein, lasse sich "häufig nicht ermitteln".

Covid-19-Ansteckungen werden demnach in privaten Haushalten ebenso wie in Alten- und Pflegeheimen gemeldet, dazu kommen die Ausbrüche in Betrieben, Büros und sonstigen Arbeitsstätten sowie in Schulen und Kitas. Die Ansteckungsrate fiel nach Weihnachten deutlich unter die kritischen Marke von 1,0. "Da die Zahl der infizierten Personen derzeit in Deutschland sehr hoch ist, bedeutet dies weiterhin eine hohe Zahl von täglichen Neuerkrankungen", fasst das RKI die Lage zusammen.

Seit dem 2. November sind in Deutschland Restaurants, Bars, Sportstätten und Kultureinrichtungen geschlossen. Erklärtes Ziel der sogenannten Wellenbrecher-Strategie im November war es, die Zahl der Ansteckungen durch eine drastische Reduzierung der Kontakte in der Bevölkerung zu senken.

Auf diese Weise sollte das Infektionsgeschehen so weit eingedämmt werden, dass es nicht zum befürchteten Versorgungskollaps in den Krankenhäusern kommt. Im Fall deutlich sinkender Fallzahlen könnten die Gesundheitsämter, so der Plan, auch wieder zur effektiven Kontaktnachverfolgung der Ansteckungsfälle zurückkehren.

Das Problem: In Deutschland kam es offenbar bereits im Herbst zu genau jenem Effekt, vor dem Experten seit Monaten gewarnt hatten: Der Erreger drang tiefer in die Bevölkerung vor und erreichte dabei zunehmend auch die besonders gefährdeten höheren Altersgruppen. Die Zahl der Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen hat in der vergangenen Wochen erheblich zugenommen.

Corona-Tests: Der Anteil positiver Befunde

Die Pandemie wird die Öffentlichkeit damit womöglich noch über das Frühjahr hinaus belasten. Jüngste Labordaten deuten darauf hin, dass das Virus deutlich stärker in der Bevölkerung zirkuliert als noch im vergangenen Herbst. Die aktuellen Testzahlen zeigen für die zweite Kalenderwoche des neuen Jahres (KW 02 / 20218), also die sieben Tage bis Sonntag, 17. Januar, einen weiteren Rückgang der Positivenquote (aktuell: 10,50 Prozent, Vorwoche 12,76). Neue Daten dazu veröffentlicht das RKI jeweils zur Wochenmitte.

Die Gesamtzahl der in der zurückliegenden Woche durchgeführten PCR-Tests ging von 1,214 Millionen auf 1,147 Millionen leicht zurück. Das RKI weist darauf hin, dass Einflüsse der im Herbst eingeführten neuen Testkriterien weiterhin berücksichtigt werden müssen. Die Daten, insbesondere zur Positivenquote, seien daher "nicht direkt" mit den Angaben aus der Zeit bis Herbst vergleichbar.

Aber: Je höher die Positivquote bei gleichzeitig hoher Fallzahl sei, heißt es beim RKI, desto höher wird die Anzahl unentdeckter Infektionen geschätzt. Im Klartext: Die Dunkelziffer dürfte kurz vor, an und nach Weihnachten erheblich angestiegen sein. Der aktuelle Rückgang der Positivenquote auf das Niveau vor Weihnachten legt die Vermutung nahe, dass sich das Infektionsgeschehen in seiner Intensität abgeschwächt hat.

Seit dem 3. November sind die neuen RKI-Empfehlungen in Kraft, nach denen nur noch klare Verdachtsfälle und Personen mit Kontakt zu Risikogruppen getestet werden sollen. Ziel dieser Empfehlungen ist es, die Labore vor dem erwartbaren Ansturm von testwilligen Menschen mit den saisonüblichen Erkältungskrankheiten zu bewahren.

Getestet werden seitdem nur noch Fälle, bei denen klare Hinweise auf eine mögliche Covid-19-Erkrankung vorliegen oder die mit Menschen aus gefährdeten Bevölkerungsgruppen in Kontakt stehen. Da seitdem insgesamt weniger Menschen getestet werden, müsste die Trefferquote bei den Tests eigentlich steigen, falls das Virus weiterhin unverändert in der Bevölkerung kursieren würde.

Tatsächlich entwickelt sich die Positivenquote jedoch nicht mehr rückläufig. Das RKI äußert sich dazu weiterhin noch sehr vorsichtig: "Eine eindeutige Bewertung über die Größe des Einflusses der geänderten Testkriterien (...) ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich." Die Experten sehen sich mit ihrer geänderten Teststrategie jedoch bestätigt. Denn noch immer häufen sich Berichte über kritische Engpässe bei den Labormaterialien.

"Verbrauchsmaterialen und Reagenzien werden in Laboren nur für kurze Zeiträume bevorratet (u. a. wegen begrenzter Haltbarkeit bestimmter Reagenzien)", beschreibt das RKI die Problematik. "Bei steigender Anzahl durchgeführter Tests und aufgrund von Lieferengpässen bei weltweit steigender Nachfrage können sich die freien Kapazitäten in den nächsten Wochen reduzieren."

Der von den Labors gemeldete Probenrückstau legte nach der vorübergehend verringerten Testzahl wieder leicht zu. In der zurückliegenden Woche waren dort 11.337 Corona-Tests noch nicht ausgewertet. In der Woche davor hatten sich noch 11.691 Tests angestaut.

Das RKI spricht in diesem Zusammenhang von "Laboren, die sich stark an den Grenzen ihrer Auslastung befinden bzw. durch den Rückstau an Proben bereits überlastet sind". Die ausstehenden Befunde konnten demnach vor allem aufgrund mangelnder Kapazitäten bei den Materialien und/oder beim Personal noch nicht bearbeitet werden - viele Corona-Testergebnisse kommen damit viel zu spät, um zur Eindämmung des Erregers beizutragen.

Die Lage in den Kliniken laut DIVI-Register

Daten des Deutschen Intensivregisters (DIVI) liefern verschiedene Anhaltspunkte zur Lage in den deutschen Krankenhäusern. In den Zahlen zeichnet sich ein leichter Anstieg bei den intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Patienten ab.

Ein freies Bett auf der Intensivstation garantiert dabei noch lange nicht die optimale Versorgung: Schon die Belegung mit wenigen Covid-19-Fällen kann ausreichen, das ohnehin bereits belastete Personal an die Kapazitätsgrenze zu bringen.

Allein aufgrund der erforderlichen Schutzmaßnahmen für Fachkräfte und die übrigen Patienten im Krankenhaus ist die Betreuung sehr viel aufwändiger als im Regelbetrieb. In den Krankenhäusern mussten sich die Planer und das medizinische Personal bereits im Herbst auf schwere Zeiten einstellen.

Bundesweit ist die Zahl der Corona-Fälle auf den Intensivstationen seit September deutlich angestiegen. Seit der ersten Januarwoche entwickeln sich die Zahlen rückläufig. Im Vergleich zur Lage im Frühjahr befinden sich mittlerweile deutlich mehr Covid-Patienten mit schweren Krankheitsverläufen in Behandlung. Damals waren phasenweise mehr als 2500 Intensivbetten mit Covid-Fällen belegt. Aktuell sind es bundesweit rund 4800, Tendenz fallend. Immerhin gilt auch hier: Das Wissen und die Erfahrung der Mediziner im Umgang mit Betroffen wächst weiterhin von Tag zu Tag.

Das Robert-Koch-Institut blickt bereits seit Herbstbeginn mit großer Sorge auf die Kennzahlen zur Pandemie-Entwicklung: Die Lage sei "sehr ernst", hatte RKI-Chef Lothar Wieler Mitte Oktober erklärt - und diese Einschätzung nun noch einmal verschärft. Die von Wieler im Oktober genannte Chance, die weitere Ausbreitung des Virus durch konsequentes Einhalten der AHA-plus-L-Regeln zu verlangsamen, wurde vertan.

Inzwischen warnt das RKI vor einer "zunehmenden Beschleunigung der Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland". Die Experte appellieren "dringend" an die Öffentlichkeit, "dass sich die gesamte Bevölkerung noch stärker als bisher für den Infektionsschutz" engagieren müsse.

RKI-Chef Wieler ging bei seinen Erläuterungen zur Lage im Oktober unter anderem auch auf Erkenntnisse zu den häufigsten Ansteckungsorten ein. Ein Teil des aktuellen Infektionsgeschehens spielt sich demnach im privaten Umfeld ab - wobei sich die mutmaßlichen Übertragungswege allerdings nur noch bei einem Fünftel aller Fälle überhaupt rekonstruieren lassen. Bundesweit sind die Ansteckungsumstände im Schnitt in rund 80 Prozent der Fälle "unklar".

Als wichtigen Bereich für die aktuellen Ausbrüche erwähnte Wieler vor allem den Einfluss privater Feiern auf das Infektionsgeschehen. Dort wo Menschen zusammen kommen und eine starke Interaktion etwa durch lautes Sprechen oder Lachen stattfinde, sei das Ansteckungsrisiko höher, sagte er. Deshalb spielten andere Bereiche des öffentlichen Lebens, wo weniger Interaktion stattfinde, bei den Infektionen nur eine geringere Rolle.

Ansteckungen im öffentlichen Nahverkehr, bei Übernachtungen in Hotels oder auf Reisen in der Bahn seien bisher kaum zu beobachten, erklärte er. Kritische Beobachter merkten daraufhin, dass sich die Infektionswege im privaten Umfeld leichter ermitteln ließen als etwa im öffentlichen Bereich.

In privaten Haushalten nehme die Anzahl der Ausbrüche, so Wieler, deutlich zu. "Ansteckungen in Schulen (...) sind zwar bisher nicht sehr häufig und wesentlich seltener, als wir das zum Beispiel von Influenzaausbrüchen kennen, aber klar ist, je stärker die Fallzahlen steigen, desto höher werden auch Schulen betroffen sein."

Kamen die Anfang Oktober beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens viel zu spät? Beim Corona-Gipfel zur Neuausrichtung der deutschen Pandemie-Abwehr im Kanzleramt im Oktober hatten Bund und Länder noch um Einzelfragen wie etwa dem umstrittenen Beherbergungsverbot gestritten.

Beschlossen wurden damals angesichts der sich abzeichnenden Lage lediglich "erhebliche Einschränkungen", wie Merkel nach mehr als achtstündigen Beratungen des jüngsten Corona-Gipfels Mitte Oktober mitteilte.

"Was wir jetzt tun und nicht tun, wird entscheidend sein für die Frage, wie wir durch diese Pandemie kommen." Deutschland sei "bereits in der exponentiellen Phase" der Pandemieausbreitung, warnte Merkel, der die Ergebnisse von damals offensichtlich nicht weit genug gingen. Die Kanzlerin verwies auf die enormen Belastungen der Corona-Krise für Bevölkerung, Wirtschaft, öffentliches Leben und auch für die Staatsfinanzen. In diesem Jahr mussten ihren Worten zufolge bereits 250 Milliarden Euro neue Schulden aufgenommen werden.

"Und deshalb können wir uns auch ökonomisch eine zweite Welle, wie wir sie im Frühjahr hatten, mit solchen Folgen nicht leisten", sagte Merkel im Herbst. Es müsse alles getan werden, um die Infektionszahlen im Griff zu behalten und die Kontakte nachzuvollziehen. Am 15. Oktober trat zudem die neue "Nationale Teststrategie" in Kraft, die unter anderem auch den verstärkten Einsatz von schnelleren und günstigeren Antigentests vorsieht. Mit Blick auf den rasch anwachsenden Bedarf an Corona-Tests sollen damit drohende Engpässe in den Laboren vermieden werden. Zuletzt war der gemeldete Probenrückstau wieder stark angestiegen.

Merkel sah nach dem Bund-Länder-Gipfel Mitte Oktober noch reichlich Handlungsbedarf. "Die Ansagen von uns sind nicht hart genug, um das Unheil von uns abzuwenden", soll sie beim letzten Treffen erklärt haben. Und prophezeite schon damals: Mit den damals festgelegten Maßnahmen würden Bund und Länder "in zwei Wochen eben wieder hier" sitzen. "Es reicht einfach nicht, was wir hier machen."

Ansteckungsrate, R-Wert, Reproduktionszahl

Der jüngste Anstieg der Fallzahlen spiegelt sich auch in den Bewegungen der bundesweiten Ansteckungsrate wider. Die beiden vom RKI ermittelten R-Werte - also die einfache Reproduktionszahl R und die etwas stabilere Variante, das Sieben-Tage-R - zeigen die Anzahl der Personen an, die im Durchschnitt von einem Fall angesteckt werden.

Für die Berechnung dieser beiden komplexen Kennziffern gibt es gute Gründe: Die vom RKI veröffentlichten Meldedaten aus den Gesundheitsämtern sagen zunächst wenig über das tatsächliche Infektionsgeschehen aus, da es in den einzelnen Fällen unterschiedlich lange dauern kann, bis es nach dem Erkrankungsbeginn zu einer Covid-19-Diagnose, zur Meldung und schließlich zur gesetzlich vorgeschriebenen Übermittlung der Daten ans RKI kommt.

Sobald es um die Frage geht, wann genau sich die Betroffenen angesteckt haben, sind die Meldedaten selbst demnach keine große Hilfe. Um ein klareres Bild von der Entwicklung zu bekommen versucht das RKI daher, die tatsächliche Entwicklung draußen im Land anhand eines speziellen Schätzverfahrens, das sogenannte Nowcasting, zu ermitteln.

Ziel ist es, anhand aller vorliegenden Hinweise zu den einzelnen Infektionsfällen vom jeweiligen Meldedatum aus anhand der übermittelten Zusatzinformationen auf den wahrscheinlichen Erkrankungsbeginn zurückzurechnen. Der eigentliche Moment der Ansteckung dürfte, so die Überlegung, im Schnitt noch einmal etwa vier Tage davor liegen.

Da die jüngsten Meldezahlen in der Regel noch nicht vollständig sind und erst in den kommenden Tagen durch Nachmeldungen vervollständigt werden, spart das RKI-Verfahren die aktuell zurückliegenden vier Tage zunächst aus. Im Prinzip wird dann die Anzahl der ermittelten Fälle aus einem früheren Viertageszeitraum mit der Anzahl der ermittelten Neuinfektionen aus dem späteren Viertageszeitraum ins Verhältnis gesetzt.

Damit beruht dieses sogenannte 4-Tage-R auf einer ausführlich dokumentierten Methode, hat aber einen gewichtigen Nachteil: Dieser Schätzwert zeigt ein Infektionsgeschehen, das bereits etwa eine bis zwei Wochen in der Vergangenheit liegt.

Bei einem R-Wert unter 1,0 geht das RKI davon aus, dass jeder Infizierte im Schnitt weniger als eine weitere Person ansteckt, die Fallzahlen also insgesamt zurückgehen und die exponentielle Ausbreitung des Virus verhindert werden kann. Ein Wert über 1,0 ist vor allem dann problematisch, wenn sich die Zahl der Neuinfektionen zugleich auch wieder auf einem höheren Niveau bewegt.

So würde ein Wert von 1,09 zum Beispiel darauf hinweisen, dass jeder Infizierte im Schnitt wieder mehr als eine weitere Person ansteckt. Oder, um ein anderes gängiges Rechenbeispiel zu verwenden: Jeweils 100 Infizierte würden in diesem Szenario insgesamt 109 weitere Menschen anstecken. Die Masse der zu erfassenden Kontaktpersonen würde entsprechend anschwellen. Bis zu einer überregionalen Ausbreitung wäre es dann schon nach wenigen Tagen kein großer Schritt mehr.

Ein Anstieg der beiden Ansteckungsraten kann somit im Zusammenhang mit weiteren Kennzahlen darauf hindeuten, dass es Probleme bei der erhofften Eindämmung des Erregers gibt. Allerdings weist das RKI ausdrücklich darauf hin, dass bei insgesamt niedrigen Fallzahlen schon einzelne lokale Ausbrüche stärkere Ausschläge bei der Ansteckungsrate auslösen können.

Das Lagebild, das sich aus den einzelnen Pandemie-Parametern ergibt, zeigt selbst den Experten nur eine Momentaufnahme. Das tatsächliche Infektionsgeschehen ist darin nur eingeschränkt und mit der beschriebenen zeitlichen Verzögerung zu erkennen.

Hinweis: Alle Karten, Daten und Infografiken zur internationalen Pandemie-Lage finden Sie ab sofort in diesem separaten Überblicksbeitrag.

Als wichtigste Gegenmaßnahmen pocht das RKI weiterhin auf die frühzeitige Entdeckung und Isolierung aller infizierten Personen, die strikte Quarantäne aller betroffenen Kontaktpersonen sowie die soziale Distanzierung in der übrigen Bevölkerung. Nur auf diese Weise, sagen die Experten könne die "Infektionsketten" unterbrochen werden und die weitere Ausbreitung des Virus eingedämmt werden.

Anmerkung: Die Anzahl der RKI-Neuinfektionen vom 17. Januar wurden in einer ersten Aussendung am Morgen versehentlich mit "knapp 40.000" angegeben. Beabsichtigt war die Angaben "knapp 14.000". Mehr dazu hier.

Dass die Fallzahlen bei ntv.de am Abend in der Regel über den vom RKI ausgewiesenen Werten liegen, hat leicht nachvollziehbare Gründe: Bei der Auswertung der Datenlage greift ntv.de auf die Angaben der Gesundheitsbehörden und Ministerien der Länder zurück. Dort werden die Zahlen - unabhängig von den formellen Meldewegen des Infektionsschutzgesetzes - im Tagesverlauf aktualisiert und erreichen die Öffentlichkeit so schneller als über die amtliche RKI-Statistik.

Diese Angaben wertet ntv.de aus, gleicht sie mit den Zahlen des RKI ab und bezieht im Fall aktueller Entwicklungen auch einzelne Mitteilungen von Landesregierungen oder Ministerien mit ein. Auf dieser Basis entsteht ein aktuelles Gesamtbild, das die tagesaktuelle Entwicklung schneller abbildet als die Veröffentlichungen des RKI.

Quelle: ntv.de, mit Material von dpa, rts und AFP