Leben

In Vino Verena Auf Wiedersehen, liebe Kollegin!

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Diana Sierpinski starb im Alter von 48 Jahren an Krebs.

Manchmal treffen wir Menschen, die wir nicht mehr vergessen. Unsere Kolumnistin über den Tod unserer Kollegin und eine weihnachtliche Begegnung. In Erinnerung an Diana Sierpinski.

"Momentan schwächelt meine Gesundheit - deshalb versuche ich mich tatsächlich (zum ersten Mal überhaupt) von meinen großen, ungesunden Lastern fernzuhalten. Aber ick (…) steh inne Startlöcher! :-) gelächelt, Diana."

Das sind Zeilen, die mir Diana Sierpinski schrieb. Wir wollten uns zum Weintrinken verabreden und als sie mir nicht mehr antwortete, dachte ich, na, gut, vielleicht hat sie Stress oder arbeitet viel und da ist ja auch die Familie mit den Kindern. Und wie es im Leben eben so ist, verloren wir uns aus den Augen. Die Welt dreht sich halt weiter.

Rein zufällig habe ich erst in diesen Tagen erfahren, dass meine liebe Kollegin Diana verstorben ist. Am Ende der Sommerferien. Der letzte Sommer. Ich sitze hier und kann es nicht glauben, nicht begreifen. Ich weiß nichts Näheres über ihren für mich so plötzlichen Tod, aber ich möchte heute, in dieser kleinen Kolumne, über das Leben schreiben. Und über Diana, die Kollegin, die ich kaum kannte und die mir doch so viel gegeben hat.

Diana arbeitete seit 2004 als Gesellschaftsredakteurin für den Onlineauftritt des Nachrichtensenders n-tv. Leser, die regelmäßig vorbeischauen, wissen, dass n-tv.de so etwas wie meine kleine Schreib-Heimat geworden ist und obwohl Diana in diesem oft so knallharten Nachrichtenbusiness schon lange dabei und quasi ein alter Hase war, liefen wir uns jahrelang nicht über den Weg.

"Gar nicht mehr soooo jung, haha!"

Wir lernten uns erst 2017 auf der Weihnachtsfeier der Firma kennen und ich erinnere mich noch ganz genau an den Moment, als diese zarte, kleine Frau plötzlich neben mir stand und mich mit leuchtenden Augen ansprach. Ich muss dazusagen, dass ich mich ob meiner Schrulligkeit immer ein bisschen unwohl fühle auf derlei Firmenfesten. Vielleicht, weil ich meine, als freie Autorin nicht so richtig dazuzugehören zu jenen, die jeden Tag im Newsroom Nachrichten machen, Kollegen, die sich über Jahre kennen und schätzen gelernt haben und nach Feierband gern ein Bier zusammen trinken.

Und jedes Mal nehme ich mir auf solchen Festen vor, all die Kollegen aus der Redaktion, mit denen ich das ganze Jahr über wegen meiner Texte telefoniere oder schreibe, anzusprechen und ihnen zu sagen: 'Tachchen, schön, dich endlich mal persönlich kennenzulernen!' Aber meistens, wie an diesem besagten Abend auch, kriege nie so recht die Gusche auf. Ich stand dicht neben der Bar und umklammerte mein Weinglas wie einen Rettungsring, als Diana mich plötzlich ansprach: "Hey, Verena, na, du Trash-Tante!"

Wir waren sofort auf einer Wellenlänge und lachten uns über die deutsche Trash-TV-Landschaft kaputt. Ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen, an ihre lockere, herzliche Art und wie sehr sie sich schlapplachte, als sie mir davon erzählte, wie lange sie schon bei n-tv.de journalistisch tätig sei und das sie inzwischen "gar nicht mehr soooo jung" wäre, wie sie aussähe. "Mit wie viel Jahren hast du denn in der Redaktion angefangen? Mit 13?" Wir kicherten. "Und wie alt bist du?", fragte sie mich und ich antwortete: "Nach diesem Party-Abend definitiv fünf Jahre älter!"

Als würden wir einander ewig kennen, alberten wir herrlich bekloppt darüber rum, wie gut wir uns doch gehalten haben und Diana sagte: "Dabei bin ich Mutti, haha. Ja, die Kinder - absoluter Fulltimejob - neben dem anderen! Und die Zeit rennt, man glaubt's kaum!"

Wir lachten darüber, dass wir beide "zwei Mädchen aus'm Osten" seien, welche mit "dicken Plauzen nach dem Weihnachtsmenü", und ihr Lachen erhellte den ganzen Raum, als ich sagte: "Prost! Auf unser Kennenlernen!"

Zum Abschied eine Umarmung

Später an diesem Abend standen wir draußen vor dem Restaurant. Diana zündete sich eine an und blies den Rauch in den eiskalten Novemberabend. "Ich muss aufhören!", sagte sie und ich entgegnete: "Dafür hab ich andere Laster!" Wir redeten über Berlin, den Osten, Pankow und unsere Herkunft und am Ende des Abends ärgerte ich mich über mich selbst, jedes Mal so einen Bohei draus zu machen, auf andere zuzugehen. Denn Diana hatte mir gezeigt, wie einfach es im Grunde doch ist!

Wir wünschten uns von Herzen frohe Weihnachten und ein glückliches, spannendes, neues Jahr: "Hey, das ist jetzt abgemacht, das ist kein Smalltalk, wir trinken bald wieder ein Weinchen!" Und dann, zum Abschied, da drückte sie mich plötzlich so fest und innig, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, dass zwei, die sich mögen, sich zum Abschied in den Arm nehmen.

Nun, in diesen Tagen, in denen ich erfahren habe, dass Diana nicht mehr lebt, ist mein Herz unglaublich schwer. Niemand konnte über sie schreiben, erfahre ich, zu stark sei noch immer der Schmerz. Aber ich will, ich musste unbedingt von dieser Frau, Mutter und liebenswerten Kollegin erzählen.

Ich kannte sie nicht gut, aber ich erinnere mich umso besser! Manchmal denke ich ein bisschen großschnäuzig, dass mich so leicht nichts mehr umboxen kann. Es war ein langer Weg und ich kenne die Trauer, ich weiß, dass sie auch Trost spenden kann. In meinen Gedanken bin ich bei Diana und den Menschen, die sie liebten und schätzten.

Und ich denke dabei an meine Mutter, die ich neulich am Telefon angemeckert habe, weil sie immer so schluderig ist.

Ein Lachen im Trubel

Das Leben, die Lieben um uns herum - nichts ist selbstverständlich! Doch im Alltag tun wir oft so, als würde es für immer so weitergehen, die Zeiger unserer Zeit sich ewig drehen, Herzen für immer schlagen. Die bescheuerte Stromerhöhung, das kaputte Auto, das olle Wetter, Socken, die rumliegen: Okay, Ärger gehört dazu, aber es kann nicht schaden, von Zeit zu Zeit innezuhalten und das Leben in all seinen Facetten zu umarmen. Wie Diana mich an diesem einen Abend. Seid nicht so streng mit euch! Drückt eure Lieben, haltet sie fest, sagt ihnen, dass ihr sie liebt. Lieber einmal mehr, es kann nie zu wenig sein.

Auf Wiedersehen, du liebe Kollegin! Noch immer sind auf n-tv.de so viele deiner Texte. Ich werde auf der kommenden Weihnachtsfeier einen Wein auf dich trinken und in Gedanken mit dir anstoßen. Und irgendwo, da bin ich sicher, werde ich aus all diesem Trubel dein Lachen raushören. Du bleibst.

Quelle: ntv.de