Leben

Große Ferien für kleines Geld Das Abenteuer wartet vor der Haustür

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Auf der Wakenitz ist es genauso spannend wie auf dem Amazonas, man ist nur viel schneller da.

(Foto: Christo Foerster)

Ferien ohne Fliegen in einer Welt, die sich irgendwie kleiner anfühlt. Das ist das neue Urlaubs-Normal in Corona-Zeiten. Aber wer sagt, dass man für Abenteuer immer weit in die Ferne muss?

"Die besten Abenteuer warten direkt vor der Haustür", sagt Christo Foerster, ein Abenteurer, der als Reisejournalist schon die ganze Welt gesehen hat. Als seine beiden Kinder kamen, sind er und seine Frau auf Mikroabenteuer umgestiegen. Wie die funktionieren? "Einfach raus und machen!", ist Foerster überzeugt.

Den Trend hat der britische Abenteurer Alastair Humphreys erstmals 2014 als "Microadventures" beschrieben: Abenteuer, die jeder im Alltag und in seiner Umgebung erleben kann. Bei Foerster, der heute Buchautor und Motivationstrainer ist, begann es mit einer verrückten Idee. Er telefonierte mit einem alten Freund, den er lange nicht gesehen hatte: "Ich wohnte in Hamburg, er in Berlin. Irgendwann dachte ich: 'Immer dieses: Wir müssen uns mal wieder sehen.' Also sagte ich: 'Ich komme morgen zum Frühstück zu dir.' Eine halbe Stunde später bin ich aufs Fahrrad gestiegen."

Foerster fuhr die ganze Nacht durch, nur mit Google Maps auf dem Handy und war tatsächlich zum Frühstück in Berlin. "Es wurde dann ein sehr schweigsames Freunde-Frühstück meinerseits", lacht Foerster. "Aber ich war unheimlich happy, es einfach getan zu haben."

Einfach Drauflosleben

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Foerster ist oft mit seinen Kindern unterwegs.

(Foto: Christo Foerster)

Seitdem hat der 42-Jährige nicht nur allein, sondern auch mit seinen Kindern schon viele Mikroabenteuer erlebt, die - keine Panik - auch viel kleiner sein können, als Hunderte Kilometer mit dem Rad durch die Nacht zu fahren.

"In Ostholstein gibt es zum Beispiel einen Ort, der 'Weite Welt' heißt, das klang irgendwie vielversprechend", erzählt Foerster. Die Familie fuhr einfach in mehreren Tagesetappen mit dem Rad dorthin. Nachts schliefen sie in zusammengezippten Schlafsäcken irgendwo im Wald - wohlgemerkt ohne Zelt, denn richtiges wildes Campen ist verboten. Zurück ging es dann mit dem Zug. "Der Ort war dann einfach ein nettes kleines Dorf, genauso wie der Ort 'Kalifornien' an der deutschen Ostsee, wo wir auch schon mal waren. Es geht um die Begegnungen und das einfach Drauflosleben, die Freiheit."

Eine mehrtägige Tour klingt für viele ziemlich aufwendig, aber es geht auch noch kleiner. Superfrüh aufstehen, ein Frühstückspicknick einpacken und an einem Ort mit freiem Horizont die Sonne aufgehen sehen. Oder - soweit möglich - der eigenen Bahnlinie bis in die nächste Stadt nachwandern. Der Fantasie sind wie dem Abenteuergeist kaum Grenzen gesetzt. "Deutschland hat so viele tolle Orte zu bieten: die Uckermark, das Elbsandsteingebirge, die Mecklenburger Seenplatte - all das sind perfekte Orte für Mikroabenteuer."

Runter vom Sofa

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Auch Orte in der Nähe haben ihren ganz eigenen Zauber.

(Foto: Christo Foerster)

Der schwerste Teil sei, vom Sofa aufzustehen und vor die Haustür zu gehen. "Der Rest ist ein Selbstgänger." Für sich und seine Familie hat Foerster im Laufe der Jahre einige Regeln für Mikroabenteuer aufgestellt:

• Ein Mikroabenteuer dauert nie länger als 72 Stunden.
• Es darf kein Auto benutzt werden, nur öffentliche Verkehrsmittel oder Rad und Füße.
• Und geschlafen wird ohne Zelt, um sich überall hinlegen zu können - notfalls bei wildfremden Menschen in den Garten; mit deren Erlaubnis natürlich.

An Ausrüstung, sagt Foerster, brauche eine Familie nicht viel: gute Schlafsäcke, die man zum Kuscheln zusammenzippen könne, vielleicht ein Tarp, das Regen abhält (eine Art Zeltdach, das man an Bäumen festmachen kann), einen Gaskocher und Couscous als Grundnahrungsmittel. Und die Fahrräder der Kinder sollten nicht zu klein sein, falls es eine Radtour werden soll. Das kleine Abenteuer funktioniert auch mit kleinem Budget.

"Solange keiner friert oder nass ist, ist alles fein. Und wer Geschichten erzählen kann, wenn die Strecke mal etwas öde ist, ist klar im Vorteil. Oder einfach mal zuhören." Immer wieder habe er dabei auch schöne Begegnungen. "Wenn Leute sehen, da ist ein Papa oder eine Mama mit Kindern unterwegs, öffnen sich Türen und manchmal auch Kühlschränke für ein kühles Getränk, wenn das eigene Wasser leer ist."

Selbstverständlich ist für Foerster bei den Ausflügen die Achtung der Natur. "Auch Kinder können verstehen, dass man in Naturschutzgebieten Rücksicht nehmen muss." Das Wichtigste sei aber, zu verstehen, "dass nicht wir die Kinder mit auf Abenteuer nehmen, sondern die Kinder uns". Er habe gelernt, sich auf ihre Sicht und ihr Tempo einzulassen. "Sie müssen mitentscheiden dürfen, welchen Schlafplatz nehmen wir und was schauen wir uns mal genauer an", sagt Foerster. "Pläne machen nur Druck und dann ist der Spaß vorbei."

Das ganze Interview mit Christo Foerster mit weiteren Abenteuergeschichten und Tipps gibt es im Podcast ELTERNgespräch bei Audio Now.