Leben

In Vino Verena Der Thread einer "faschistischen Nutte"

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Der Politiker Friedrich Merz im Gespräch mit Klimaaktivistin Luisa Neubauer.

Frauen, die ihre Meinung sagen, werden tagtäglich im Netz beleidigt. Zuletzt Luisa Neubauer, als sie es in einer Talkshow wagte, mit Friedrich Merz zu diskutieren. Unsere Kolumnistin hat über misogyne Kommentare getwittert - und bekam dafür prompt die Quittung.

Manchmal ärgere ich mich über mich selbst. Darüber, dass ich so vieles anscheinend nicht raffe. Weder die Menschen noch die Welt - schon gar nicht das Internet. Ich lümmele zwar auf einigen Social-Media-Plattformen rum, aber das liegt auch daran, dass die Literaturagentin einem so ein bisschen in den Hintern tritt und sagt, ich solle gefälligst mehr netzwerken.

Okay, also netzwerke ich. Ich weiß, es gibt sehr viele, kluge NetzwerkerInnen, Netzwerken an sich ist eine gute Sache. Aber ich frage mich, wie es Frauen, die viel mehr in der Öffentlichkeit stehen als ich, ertragen, wenn sie beleidigt, angemacht oder gar bedroht werden. Ich gebe zu, das ängstigt mich und oft denke ich dann: Ach, halt mal lieber die Schnauze und mach dich nicht unnötig zur Zielscheibe debiler Flachpfeifen, die sich hinter Troll-Accounts verstecken und die sich einen Spaß daraus machen, "dich online zu zerstören".

Aber aus Angst die Schnauze zu halten, war schon immer eine dumme Idee. Liebe LeserInnen, hier kommt die Story, die für Sie womöglich ein alter Hut ist, aber bitte bedenken Sie, Sie haben es hier mit einer Person zu tun, die das Internet scheinbar nicht so richtig geblickt hat: Es ist eine bedeckte, aber laue Sommernacht als ich in Jogginghose und mit Vanillepudding auf dem Wanst auf dem Sofa liege und die Talkshow von und mit Markus Lanz gucke. Zu Gast in der Sendung sind der Ex-BlackRock-Lobbyist und Politiker Friedrich Merz, eine Unternehmertochter und - die Klimaaktivistin Luisa Neubauer.

Hör mal, was die kleine Luisa zu erzählen hat!

Man unterhält sich in gewohnter Manier und Lanz findet wie immer vieles "Wahnsinn" und "interessant". Friedrich Merz erzählt von seiner Liebe zu Amerika und seiner Leidenschaft für grüne Anzüge und irgendwann ist man bei der Frage, ob er Angela Merkel schätze und wie Deutschland sich in Zukunft aufstellen muss, um mehr fürs Klima zu tun. Wir sind jetzt - ganz klar - bei der Klimaaktivistin Luisa Neubauer.

Während ich meinen Pudding löffele, lausche ich ihren Worten und bin sofort von ihrer Eloquenz beeindruckt. Da sitzt eine junge Frau mit langen, offenen Haaren, in dunklem Outfit und Turnschuhen. Fast wirkt sie, als würde sie in sich ruhen. Was sie sagt, ist weder vorlaut noch respektlos, wie es ihr sofort im Netz zuhauf vorgeworfen wird. Sie diskutiert halt ein bisschen mit einem von Deutschlands bekanntesten und zugleich strittigsten Politikern über CO2, das Klima, die Wirtschaft und über Leute, die nur so "Larifari" klimainteressiert seien.

Während Neubauer spricht, suggeriert die Körpersprache von Lanz und Merz Folgendes: Kieke an, Friedrich, hör genau hin, was die kleine Luisa so zu erzählen hat! Dabei lächeln sich der Moderator und der CDU-Mann süffisant an, was ich übrigens total respektlos finde. Ich sehe eine schlagfertige Kämpferin, die sich mit Herz und Hirn für das Klima einsetzt. So weit, so gut. Und natürlich kann man das auch vollkommen anders sehen. Wo kämen wir denn hin, wenn wir immer alle einer Meinung wären? Demokratie ist auch ein Prozess, der an Veränderungen gedeihen kann.

"Mandatspolitisch sind Sie nichts!"

Aber jetzt kommt's: Der Vanillepudding ist gerade ausgelöffelt, da sehe ich, wie Neubauer im Netz unter dem Hashtag #Lanz hart angegangen wird. Sehen manche Zuschauer womöglich eine andere Sendung, frage ich mich. Permanent lese ich, Neubauer sei Merz gegenüber "respektlos", weil sie zu ihm sagte, Zitat: "Mandatspolitisch sind Sie nichts!"

Das ist, nur so nebenbei, nicht respektlos, sondern eine simple Tatsache! Aber Frauen, die "nur einen Bachelorabschluss haben" sind wohl weder prädestiniert politische Debatten zu führen, noch sich mit großen Politikern zu unterhalten. Und weil Neubauer, die in ihrem Leben "noch nichts geleistet hat, außer in der Gegend rumzufliegen" zu einem "gestandenen Politiker" sagt, er sei aktuell "mandatspolitisch nichts", wird dieser Fakt als "heftige Verbalattacke" politisiert. Käme der Satz vom Moderator, hätte er vermutlich niemanden gejuckt.

Ich lese die vielen Threads, die über die Klimaaktivistin getwittert werden. Viele sind unter der Gürtellinie, so mancher Kommentator, der "das Dummchen" aber für "ihre großen Brüste schätzt", würde gern mit ihr "in revolutionärer Stimmung ein, zwei Joints rauchen". Männer äußern sich reihenweise "entsetzt" über diese "freche, verwöhnte Göre aus reichem Hause".

Man muss Luisa Neubauer nicht gut finden, aber das berechtigt niemanden zu den widerlichen Verbal-Rülpsern. Männer, auch solche, die sich hinter weiblichen Fake-Accounts verbergen, rackern sich jetzt richtig an Neubauer ab. Drohungen, Diffamierungen, die ganze Klaviatur des Hasses wird ungeniert gespielt.

Starke Frauen werden zum Feindbild

Ich merke: Es geht schon lange nicht mehr um Neubauer, die einem "gestandenen" Mann wie Merz Paroli bietet. Es geht darum, dass eine Frau es wagt, den Mund aufzumachen. Was ich jedoch komplett gaga, leider aber auch traurigerweise wieder zeitgemäß finde, ist die Bedienung des Arguments von Neubauers vielen Fehlern und ihrer Herkunft ("Flugmeilen, Millionärstöchterchen"), während die fragwürdigen und undurchsichtigen Verzahnungen zwischen Politik und Wirtschaft rund um Friedrich Merz lediglich als Schnee von gestern abgetan werden.

Es ist dieses Messen mit zweierlei Maß, das mich unsäglich anwidert. Bei Mächtigen und Einflussreichen dieser Republik; da kann man ruhig mal ein Auge zudrücken. Und der Merzi ist ja echt'n Netter, während eine junge, starke Frau zum Feindbild erhoben wird.

Ich twittere, wie ekelhaft ich es finde, wie Neubauer in einer Tour beleidigt wird und viele Hassposts dabei nicht einmal "gegen die allgemeinen Geschäftsbedingungen" verstoßen. Schnell gewinnt der Thread ein Eigenleben, ich komme nicht mehr mit. Die Kommentare werden teils immer beleidigender. (Damit habe ich gerechnet). Wie kann ich, - die "faschistische Nutte" - es wagen, Kommentatoren, die Luisa Neubauer eine "dumme Schlampe" nennen als "alte Männer" zu bezeichnen? Parallel werde ich privat angeschrieben und "belehrt". Wildfremde Internet-Rambos machen sich die Mühe und suchen meine E-Mail-Adresse raus (okay, ist nicht schwer), aber hey, super, endlich werde ich mal wieder "belehrt"! Frauen müssen halt ab und zu belehrt werden, sonst drehen die noch durch und sagen ständig laut und ungefragt ihre Meinung!

An Hass darf man sich nicht gewöhnen

Männer werfen mir jetzt vor, ich würde sie kollektiv an den Pranger der Misogynie stellen. Dabei habe ich sie gar nicht angegriffen! Misogynie ist wirklich ein wahnsinnig beleidigendes Schimpfwort. Dagegen ist "dumme Femi-Bitch" regelrecht charmant.

Ich stelle mir vor, wie Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, mit all dem Hass, der sich so oft über sie ergießt und sogar in Morddrohungen ausufert, zurechtkommen. Vielleicht sagen sie: Man gewöhnt sich an alles. Aber an Hass, Beleidigungen und Hetze darf man sich nicht gewöhnen - niemals.

Jede Frau, ob (alten) Männern ihr Aussehen, ihre Gesinnung, Sexualität oder was auch immer passt oder nicht, hat verdammt noch mal das Recht, ihre Meinung zu sagen. Diese Meinung muss man(n) wie gesagt nicht teilen. Man hat sie aber zu respektieren. In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich, wenn Frauen noch immer kleingemacht und aufs Widerlichste angefeindet werden, weil sie es wagen einen eigenen Gedanken zu haben?

Bevor "die faschistische Nutte" sich gleich ein Eis holt, zum Schluss ein Zitat von Simone de Beauvoir: "Niemand ist den Frauen gegenüber aggressiver oder herablassender als ein Mann, der seiner Männlichkeit nicht ganz sicher ist."

In diesem Sinne: Tschüssi - bis in zwei Wochen!

Quelle: ntv.de