Leben

Plötzlicher Trauerfall "Geht darum, Beziehung neu zu gestalten"

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Der Verlust gehört zum Leben dazu, leicht ist der Umgang damit trotzdem nicht.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wenn ein geliebter Mensch ganz unerwartet stirbt, herrscht in den meisten Fällen erst einmal Fassungslosigkeit bei den Angehörigen. Das Leben ändert sich schlagartig und radikal. Wie kann man mit so einem Verlust fertigwerden?

Egal, ob durch einen Verkehrsunfall, einen Suizid oder eine Gewalttat: Unerwartete Todesfälle sind ein regelrechter Schock für die Hinterbliebenen. Da keine Möglichkeit zum Abschied bestand und man nicht darauf vorbereitet war, dauert die Trauerarbeit anschließend oft besonders lange. Das trifft umso mehr zu, wenn es sich bei dem Verstorbenen um einen jungen Menschen handelt.

Die Angehörigen werden bei einem plötzlichen Verlust eines nahestehenden Menschen nicht selten von Schuldgefühlen geplagt. Sie glauben, dass der Tod desjenigen hätte verhindert werden können, wenn sie nur dies oder jenes vorher getan oder nicht getan hätten. Solche und viele andere belastende Gefühle prägen die Wochen, Monate und oft sogar Jahre der Trauer. Wie kann man mit so einem Schicksal einigermaßen umgehen?

Menschliches Verschulden verlängert die Trauer

Trauerbegleiter Christian Fleck, der Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Trauerbegleitung ist, weiß, dass ein plötzlicher Tod oft als besonders belastend empfunden wird: "Zur Trauersituation kommt die Plötzlichkeit dazu, der man sich stellen muss. Die kann ein Leben von jetzt auf gleich durcheinanderbringen und das tut sie meist auch", sagt er im Gespräch mit ntv.de.

Die Trauerarbeit wird Studien zufolge zusätzlich noch erschwert, wenn der Verstorbene durch menschliches Verschulden zu Tode gekommen ist. Ist die betreffende Person beispielsweise ermordet worden oder hat ein alkoholisierter Fahrer den tödlichen Verkehrsunfall herbeigeführt, verstärken sich negative Gefühle wie Wut und Traurigkeit bei den Angehörigen.

Wie bei allen anderen Trauerfällen auch, durchlaufen die nahestehenden Personen eines Verstorbenen nach dem Modell der Schweizer Psychologin Verena Kast vier verschiedene Trauerphasen (Nicht-wahrhaben-Wollen, aufbrechende Emotionen, Suchen und Sich-Trennen, neuer Selbst- und Weltbezug). Diese Reihenfolge ist jedoch äußert variabel: "Jeder kann zu jeder Zeit in eine andere Phase wechseln. Es können Phasen übersprungen oder wieder aufgenommen werden", betont Fleck.

Was hilft trauernden Angehörigen?

Die wohl größte Herausforderung nach dem ersten Schock ist es, zu begreifen, dass man den Verlust eines geliebten Menschen nicht mehr rückgängig machen kann. Trauerrituale wie die Beerdigung können in so einer Situation dennoch das Gefühl geben, handlungsfähig zu bleiben: "Wir können entscheiden, wie wir oder der Verstorbene es gern hätten. Zum Beispiel sucht man Blumen in der Farbe aus, die der Tote gern mochte, und bringt sie zur Trauerfeier mit. Es ist nur ein kläglicher Ersatz, aber es kann eine Hilfe sein", so der Trauerbegleiter.

Wie Trauer im Einzelfall aussieht, ist höchst individuell. "Es geht immer darum, die Beziehung zum Verstorbenen neu zu gestalten. Er war ein Teil des Lebens, dessen Platz neu organisiert werden muss", erklärt Fleck. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern dauert oft sehr lange. Bis dahin halten manche Menschen an der Vergangenheit fest, indem sie beispielsweise das Zimmer des Verstorbenen so belassen, wie es vor dessen Ableben gewesen ist. Andere flüchten regelrecht vor ihrer Trauer, indem sie etwa in eine neue Stadt ziehen und alle Erinnerungen beseitigen. "In einem Fall besteht die Gefahr, die Zukunft des sich entwickelnden Lebens nicht wahrzunehmen und im anderen Fall die Vergangenheit vor lauter Flucht nach vorn zu verlieren. Der eigentliche Weg ist jener, der zwischen beiden Seiten hin- und herpendelt", sagt Fleck.

In der Trauer versuchen Angehörige, die Beziehung mit dem Verstorbenen aufrechtzuerhalten. Wie das geschieht, ist sehr unterschiedlich: Die Übernahme des Kleidungsstils oder von Gewohnheiten des Verstorbenen, Gespräche mit anderen über die gemeinsam verbrachte Zeit oder die Idealisierung der Person sind hier nur einige der vielen Bewältigungsstrategien. "Die Traurigkeit wird die einzige Variante des inneren Kontakthaltens sein, solange sich andere Kontaktmöglichkeiten noch nicht als tragfähig genug gezeigt haben", betont der Trauerbegleiter. In der Krisenzeit beschäftigen sich oft sogar nicht-religiöse Menschen mit dem Leben nach dem Tod. "Wenn man Trauernde fragt, wo ihrer Meinung nach der Verstorbene jetzt ist, erzählen sie meist von einem positiv besetzten Ort. Solche Vorstellungen sind für viele eine Hilfe", sagt Fleck. Um aus dem tiefen Loch herauszukommen, dürfen sich Trauernde auch fragen, was der verstorbenen Person recht gewesen wäre, wie man mit dem Verlust umgeht.

Irrtümlicherweise glauben viele Menschen, sie müssten ihre Trauer vollständig überwinden. Aber darum geht es nicht. Die Trauer wird in den meisten Fällen ein lebenslanger Begleiter sein. Und das ist auch völlig in Ordnung. Nur sollte sie nicht dauerhaft das eigene Leben dominieren und die Lust am Leben nehmen. Meist dauert es ein bis fünf Jahre, bis der Verlust einer wichtigen Bezugsperson einigermaßen verarbeitet wurde und man wieder zuversichtlich in die Zukunft blicken kann. Hat man das Gefühl, mit der Trauer überfordert zu sein oder kommt man auch nach Jahren kein Stück weiter, sollte man sich Unterstützung holen. Psychotherapeuten. Selbsthilfegruppen oder auch Trauerbegleiter können in solchen Fällen dabei helfen, neuen Lebensmut zu schöpfen.

Wie mit einer trauernden Person umgehen?

Gerade bei einem schweren Verlust wie dem Tod eines Kindes fühlt sich das bisherige Umfeld häufig überfordert im Umgang mit Trauernden. Nicht selten kommt es sogar zu einer regelrechten Distanzierung. Doch es kann verletzend sein, etwa wenn Bekannte oder Freunde plötzlich die Straßenseite wechseln. Der Trauerbegleiter rät deshalb dazu, den Kontakt zu suchen und die trauernde Person zu fragen, was sie braucht oder gern hätte. "Wenn man sprachlos ist, sollte man das zugeben. Das tut gut, denn der Trauernde ist in vielen Aspekten auch hilflos", sagt er.

Es geht schließlich nicht darum, Ratschläge zu verteilen, die in den meisten Fällen sowieso nichts bringen. Einfach nur da sein, zuhören und Interesse an dem für den jeweils anderen wichtigem Thema zeigen, helfen Trauernden viel mehr. "Ein Umfeld, das sensibel ist, respektiert und sich mit Wertungen zurückhält, hilft dem Trauernden", betont Fleck. Hierzu gehören häufig Gespräche über den Toten: "Manche hören sich beim Erzählen vom Verstorbenen lebendiger an als vorher." Das liegt daran, dass die betreffende Person in der erzählten Erinnerung plötzlich wieder lebendig wird. Oft geht es dem Trauernden dann sogar besser, weil nicht mehr nur der Tod, sondern das ganze Leben des Verstorbenen im Mittelpunkt steht.

Quelle: ntv.de