Leben
Die Pummeligen haben mehr vom Leben.
Die Pummeligen haben mehr vom Leben.(Foto: picture alliance / Marcus Brandt)
Sonntag, 11. März 2018

Was ist schon Schönheit?: In den besten Jahren und gerade richtig dick

Von Peter Poprawa

"Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet" - das wusste schon der Dichter Christian Morgenstern. Und dazu gehört auch die Liebe zu sich selbst. Denn: Schön ist vor allem, wer sich wohlfühlt in seiner Haut und in seinem Leben.

US-amerikanischer Tourist: "Waren Sie schon oben auf dem Turm?"

Britischer Killer Ray: "Ja. Ja, is Schrott."

"Tatsächlich? In dem Reiseführer steht, das ist ein Muss."

"Ihr schafft's doch sowieso nicht da hoch."

"Wie bitte, wieso nicht?"

"Ich meine, das sind ganz enge Wendeltreppen, ich mach keinen Witz."

"Was genau wollen Sie damit sagen?"

"Was ich damit genau sagen will? Ihr seid 'ne Horde beschissener Elefanten!"

Die beiden Hauptdarsteller Brendan Gleeson (Ken, links) und Colin Farrell (als Ray) in einer Szene von "Brügge sehen ... und sterben"
Die beiden Hauptdarsteller Brendan Gleeson (Ken, links) und Colin Farrell (als Ray) in einer Szene von "Brügge sehen ... und sterben"(Foto: picture-alliance/ dpa)

Gut, darüber sollte man nicht lachen. Nicht, weil sich Briten über US-Amerikaner lustig machen und erst recht nicht, weil hier die Komik auf Kosten dicker Menschen geht. Aber, sorry, man muss einfach lachen, wenn man die Szene in Martin McDonaghs tragikomischem Gangsterfilm "Brügge sehen … und sterben" sieht. Es geht nicht anders.

Und weshalb darf man eigentlich nicht über Dicke lachen? Weil man auch nicht über Dünne lacht? Weil Dünne ohnehin nichts zu lachen haben, mit ihrem leidlichen Leben und zwei Tellern Salat am Tag sowieso traurig gucken? Was ist los mit den dünnen Menschen, die immer gegen irgendwas demonstrieren müssen, täglich die Welt retten wollen und nicht mal über Amerikaner-Witze lachen? Die Dicken sind per se gemütlicher, sie genießen ihr Recht auf ein Leben in vollen Zügen und lassen es ihre Mitmenschen wissen, dass sie Schönheit für Zufriedenheit opfern. Ich möchte auch mal wissen, welcher Idiot darauf kam, dass cool, klug und schön zu sein weniger Gewicht erfordert. Was ist beispielsweise mit mir? Ich denke, ich bin ein Mann in den besten Jahren und gerade richtig dick. Ich meine damit, dass ich nicht wirklich dick bin, eher etwas weicher, elastischer und nur an unwesentlichen Stellen rund. Könnten nicht diese Eigenschaften als höchste Stufe der menschlichen Schönheit gelten?

Gott sei Dank sind wir bereits darüber erhaben, Menschen - meist Frauen - vorzuschreiben, sie müssten untergewichtig sein. Allmählich setzt sich der Gedanke durch, dass doch jeder mit sich selbst zufrieden sein soll. Was gehen uns die Körper anderer Menschen an? Nichts.

"Falsch!", meint der Soziologe Marc Scheloske. "Der Schöne besitzt ein gewisses Kapital, das er gegen Freundschaften, Partnerschaften oder beruflichen Erfolg eintauschen kann." Und warum? "Weil schöne Menschen unbewusst als vertrauenswürdiger, kompetenter oder großzügiger eingeschätzt werden als solche, deren Optik eher unter der Norm liegt." Wie gemein und gleichzeitig auch menschlich. Denn wir Menschen mögen's ja gerne einfach.

Jede Zeit hat ihr Schönheitsideal

"Neuer Realismus" oder "Heroin-Chic" hießen die Reizworte der Modefotografie 1996, hier verkörpert von Kate Moss. Kritiker sprachen schon damals von den "Models aus der Mülltonne".
"Neuer Realismus" oder "Heroin-Chic" hießen die Reizworte der Modefotografie 1996, hier verkörpert von Kate Moss. Kritiker sprachen schon damals von den "Models aus der Mülltonne".(Foto: picture-alliance / dpa)

Dabei schließen sich Attribute wie "gerade richtig dick" und "schön" nicht gegenseitig aus, oder? Darüber ließe sich trefflich streiten. Sind die Schönen groß und schlank, oder kurvig und vollbusig? In der Geschichte der Ästhetik finden sich immer wieder Hinweise darauf, dass Menschen mit symmetrischen Gesichtern als besonders schön gelten. Auch ein gewisses Verhältnis von Brustumfang, Taille und Beckenbreite wird immer wieder als Indikator für Schönheit genannt.

Bis ins 20. Jahrhundert galten vor allem Frauen mit weiblichen Rundungen als attraktiv, die wir heute als dick bezeichnen würden. Wer Speck auf den Rippen hatte, dem sagte man Wohlstand nach. Und die Versinnbildlichung von Wohlstand galt als erstrebenswert und somit schön. Erst recht in den Nachkriegsjahren. Hätte man damals androgyne Körper wie jenen von Kate Moss auf Cover von Hochglanzmagazinen gedruckt? Wohl kaum, wie hätten sie dem Hunger spotten und neuen Wohlstand verkörpern sollen? Das millionenschwere Topmodel hat dazu weder fülliges Haar noch ist sie in Sachen Oberweite üppig bestückt. Dennoch war Moss bis in die 1990er-Jahre hinein eines der gefragtesten Models der Welt. Sie entsprach dem damals aktuellen Schönheitsideal:  klapperdünn, blass und mit müdem Blick.

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Aber galt das auch als gemütlich und gesund? Nicht wenige nannten den damaligen Look zynisch Heroin-Chic. "Das Gerücht, dass nur schlanke Menschen gesund und schön sein können, hält sich bis heute standhaft", sagt Psychologin Ilona Bürgel. Statistisch gilt als belegt, dass sogar leichtes "Übergewicht", also ein Body-Mass-Index etwas oberhalb der magischen 25 Punkte, die geringste Sterblichkeit aufweist. Über den Einzelfall sagt das jedoch wenig aus. Letztlich verteilt sich das Körpergewicht der Bevölkerung um einen Mittelwert herum - und in Richtung der Extreme, nach oben wie nach unten, "dünnt" es sich aus.

Diäten können krank machen

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Und was bedeutet es, wenn man im oberen Randbereich der statistischen Norm liegt? Sind Diabetes und Bluthochdruck dann programmiert? Wohl eher nicht. "Es gibt dickere und dünnere Menschen, genauso wie blonde oder brünette. Das lässt aber keine pauschalen Rückschlüsse auf deren Gesundheitsprognose zu. Nur ständige Gewichtsschwankungen können auf Dauer krank machen", so Bürgel.

Die Schlankheitsdiät ist übrigens nicht nur dämlich, sondern auch Stress pur. Das Gehirn beginnt schon vor dem eigentlichen Start der künstlich erzeugten Hungersnot mit den Gegenmaßnahmen: schnell noch eine Wurst oder etwas Süßes greifen, bevor das für Wochen verboten ist. Wer ständig durch Verzicht auf jegliche Gaumenfreuden gegen sein Gewicht ankämpft, wird unter Umständen am Ende immer dicker. Man darf deshalb das Thema Figur eben nicht einfach nur auf die Kalorienbilanz beschränken, sondern muss Körper und Seele gleichermaßen Zuwendung schenken. "Unser Körper hätte mehr Wertschätzung verdient", findet auch Ilona Bürgel. "Er leistet so viel für uns, und das Einzige, worauf wir achten, ist der tagesaktuelle Bauchumfang!"

Der erste Eindruck darf enttäuschen

Auch wenn Schönheit relativ ist, kommen wir nicht um den Hinweis herum, dass wir häufig bei der ersten Begegnung unser Gegenüber "abschätzen". Oder wiegen. Wir ziehen über die Optik Schlüsse auf dessen innere Werte. Wer dabei in der Schublade für "schön" gelandet ist, hat es gut und fürs Erste einen Vorteil. Wer dagegen in Sachen Optik nicht punkten kann, der muss sich ganz schön abstrampeln, um doch noch positiv aufzufallen. Um die tatsächliche Persönlichkeit eines anderen Menschen mit all seinen Facetten kennenzulernen, dauert es seine Zeit. Aber es lohnt sich!

Zu Recht fragt die Psychologin Nora Ruck: "Wenn Menschen sich verschönern, um normal zu sein, ist unsere gegenwärtige Normalität dann die, schön zu sein und immer schöner zu werden?" Ruck warnt davor, die körperliche Normalität ständig zu bearbeiten und den Body dadurch vermeintlich zu verbessern. "Wir haben vergessen, uns von innen zu sehen und konzentrieren uns zu sehr darauf, welches Bild wir nach außen hin abgeben", urteilt sie. Ein besserer Mensch werde man durch äußere Schönheit jedenfalls nicht.

Wir haben also gelernt: Eine tolle Optik ist zwar einiges wert, sollte aber nie die Quelle Nummer eins für Selbstliebe und Selbstwert sein. Wer sich allein auf seine Schönheit verlässt, ist irgendwann verlassen - denn: Schönheit ist vergänglich.

Man sollte sich indes daran halten, dass Ausstrahlung und Wesen optische Makel mehr als wettmachen. Was wirklich zählt, sind die Breite des Lächelns und die Größe des Herzens. Es sind Authentizität und vor allem Zufriedenheit. Schön ist, wer sich wohl fühlt in seiner Haut und in seinem Leben. Mit dieser Strategie hat jeder auf lange Sicht Erfolg. Und dann kann man auch gemeinsam herzhaft über eine "Horde beschissener Elefanten" lachen.

Obwohl man das eigentlich nicht tun sollte.

Quelle: n-tv.de