Leben

In Vino Verena über Wutmenschen "Ich hab' sie nur am Hals gepackt!"

Die Wut fährt mit imago.jpg

Wut im Straßenverkehr - sowas kommt vor.

Berlins Straßen sind ein raues Pflaster. Man muss gewappnet sein. Doch, was, wenn frau auf einen Wut-Würger trifft? Eine kleine Kolumne gegen die große Wut, die oft mitfährt und ein Plädoyer für mehr Gelassenheit.

Die Wolken hängen tief an jenem Tag, als der geballte Hass unverhofft auf mich einstürzt. Den ganzen Vormittag hatte die Sonne geschienen, aber kaum schwinge ich mich auf mein Rad, verfinstert sich das Firmament. Ich bin auf dem Weg nach Berlin-Steglitz. Vielleicht sollte ich kurz erwähnen, dass ich in Pankow wohne und Pankow ist von Steglitz ungefähr so weit entfernt wie die Erde vom Mars. Ich kann nur mutmaßen, wie lange man dahin mit dem Rad unterwegs wäre. Es ist ja auch vollkommen absurd, sich darüber Gedanken zu machen, weil wirklich niemand, außer vielleicht E.T., mit dem Fahrrad zum Mars oder nach Steglitz fahren würde.

Aber die Umstände sind nun mal, wie sie sind und ich eben auf dem Weg nach Steglitz. Ich bin noch nicht lange unterwegs, da fängt es an zu regnen und der Wind wird immer stärker. Bald schon peitscht mir der Regen erbarmungslos ins Gesicht. Aber ich bin hartgesotten, in derlei Situationen halten mich Aphorismen wie "Der Weg ist das Ziel" prima in der Spur. Doch rasch bin ich durchgeweicht, meine Hosen liegen eng an meinen Oberschenkeln, von meiner Kapuze tropft es auf meine Schultern. Es ist eine solche Schinderei, voranzukommen, dass ich selber ganz erstaunt bin, das Rad nicht schon längst am nächsten Laternenpfahl angebunden und mir ein Taxi genommen zu haben. Aber Taxi fahren in Berlin ist ... Nein, auf keinen Fall, mit dem Thema fange ich gar nicht erst an!

Ich stemme also den Oberkörper gegen den Wind, fahre immer weiter geradeaus, durch Pfützen und Straßenlöcher - bis zu jener Ampel am Potsdamer Platz, an der sich die Ereignisse gleich überschlagen sollen.

Eine rote Ampel am Potsdamer Platz

Sie ist rot und ich halte an. Es brächte nichts, sie zu überfahren, statistisch gesehen ist die Zeit, die man damit einspart, ein Witz - nicht mehr als ein Fliegenschiss. Man käme vielleicht, aber nur vielleicht, ein paar Sekunden eher ans Ziel - um was zu machen? Eher auf dem Klo sitzen, den Kühlschrank und sich ein Bierchen zu öffnen, den Rechner hochzufahren?

Ich warte also, bis es Grün wird, als es hinter mir plötzlich ganz aggressiv klingelt. Klingelingeling, klingelingeling - es will partout nicht aufhören. Manchmal, wenn man auf einem Radweg unterwegs ist, wird man von anderen Radfahrern angeklingelt, damit man sich weiter nach rechts verdünnisiert und ihnen das Vorbeisausen erleichtert. Schon klar, deswegen fahre von vornherein mehr rechts, um keinen an seiner Tour-de-France-Fahrt zu hindern. Aber dieser Fahrradweg am Potsdamer Platz, der ist so baustellenverschmälert, dass es mir unmöglich ist, Platz zu machen, ohne mich direkt in die Pampe zu manövrieren. Indes bimmelt es hinter mir unaufhörlich weiter.

Klingelingeling, klingelingeling...

Leicht genervt drehe ich mich um und schaue in das griesgrämige Rotgesicht eines Mannes mittleren Alters. Er trägt so eine orangefarbene Warnweste und macht von der Erscheinung her den Eindruck eines großen Ansagenmachers. Einer, der es gewohnt ist, dass die Leute nach seiner Pfeife tanzen.

"Bist du schwer von Kapee?", keift er mich direkt an, als habe ich gerade sein Erstgeborenes vom Wickeltisch plumpsen lassen. "Ich klingle hier doch nicht umsonst!"

"Ich höre es doch!", sage ich relativ ruhig, aber zugegeben, auch nicht gerade freundlich. Diese guten Menschen, die wie Jesus auch die andere Wange hinhalten, obwohl sie schon eine reinbekommen haben, ich kann nur sagen, denen gilt meine größte Hochachtung! Ich wünschte, ich könnte genauso besonnen agieren. Liebe in Zeiten des Hasses zu verteilen, ist eine Gabe, die ich leider nicht besitze.

Okay, dieser Anklingler hat mir zwar keine reingehauen, aber ich spüre sofort, dass er gleich zur nächsten Verbal-Klatsche ausholen wird.

"Aus'm Weg! Mach 'ma Platz gefälligst!"

"Wohin denn? Ich kann mich ja schlecht in Luft auflösen!" Ich zeige auf die Pampe neben dem Radweg, die aussieht wie ein Teich, an dessen Oberfläche traurig Entengrütze schwimmt.

Dem Typ ist mein Einwand herzlich egal, er rempelt mich mit seinem Vorderrad an, jetzt werde ich langsam auch ein bisschen sauer, denn wir stehen ja gerade an einer roten Ampel, die aller Voraussicht nach gleich auf Grün schaltet. Also natürlich nur, wenn kein Asteroid mitten auf die Ampel knallt und den Schaltkreislauf kurzschließt.

Wenn das Weltbeben alles Licht auspustet

Ich starre auf die Ampel und weil sie nun schon geschätzt seit etwa zehn Stunden auf Rot steht, hebe ich mein Rad nun doch über die kleine Markierung in die Entengrützenpampe, um den Grobian vorbeizulassen. Mein Problem ist, dass mein Gedankenkarussell sofort anspringt und ich mich die beklopptesten Sachen frage. Schlimm ist das! Aber während ich dem Nöler Platz mache, frage ich mich tatsächlich, wie er wohl heißt. Herrgott nochmal, was geht's mich an?!

Aber ich stelle mir allen Ernstes vor, er würde Martin heißen oder Robert oder irgendwas Peppiges wie Peter-Alexander und ich überlege, wie er wohl darauf reagieren würde, wenn ich ihm zuraune: "Mensch, Peter-Alexander, nun sei mal nicht so aggressiv. Da vorne ist 'ne Kneipe, da könnten wir einkehren und einen trinken, und wenn es aufgehört hat zu regnen, fahren wir gemeinsam ein Stück des Weges und du verrätst mir, ob deine coole Warnweste wasserabweisend ist."

Ich frage mich sogar, ob er jemanden hat, der ungeduldig zu Hause auf ihn wartet. Vielleicht ist ja irgendwas passiert, vielleicht hat sich seine Frau die Finger im Toaster eingeklemmt oder sein Goldfisch hat sich verschluckt.  Vielleicht ist er aber auch ein sehr wichtiger Wissenschaftler, der die letzten 48 Stunden nicht geschlafen hat, weil er einen ausschlagenden Seismografen beobachten musste. Und nun, da feststeht, dass die Erde und wir alle nicht mehr zu retten sind, weil ein riesiges Weltbeben alles Licht auspustet, rast er ein letztes Mal heim zu seinen Lieben, um sich an sie zu klammern wie ans Leben. Da ist es natürlich vollkommen verständlich, dass man da niemanden vor sich gebrauchen kann, der einem den Weg versperrt. Er steht jetzt vor mir.

Mein letztes Stündlein

Und da geschieht er, dieser winzig kleine Aufruhr in mir, er fließt aus meinen Gedanken in meine auf dem Lenker ruhenden Hände und zack - stupse ich sein Hinterrad an, so wie er kurz zuvor meins. Es ist, ich schwör's, nur ein ganz seichtes Stupsen, aber es soll ausreichen, um dem Hass Tür und Tor zu öffnen.

Die Warnweste steigt sofort vom Rad, wirft es zur Seite, kommt auf mich zu und - packt mich am Hals!

Das alles geht so unheimlich schnell, dass ich wirklich denke, mein letztes Stündlein habe geschlagen und darauf bin ich ja nun weder scharf noch vorbereitet! Und obwohl mir vor Schreck das Herz bis zu eben diesem Halse schlägt, an dem er da gerade rumfuhrwerkt, bin ich vollkommen fasziniert davon, wie schnell uns Menschen die Sicherungen durchknallen. Ich könnte ihn fragen: "Hör mal, Peter-Alexander, ich will dich nicht unnötig reizen, aber könnte es möglicherweise sein, dass du 'ne Schraube locker hast?"

Die Hände des Erdbebenforschers

Während mich die Warnweste weiter würgt, habe ich genügend Zeit, mir den Würger in aller Ruhe genauer anzuschauen. Er scheint frisch rasiert, sein Gesicht ist genauso nass wie meins und seine Augen funkeln so schön wie das Licht der Hochhäuser in den Regenpfützen. Soweit ich es beurteilen kann, hat er einen ordentlichen Haarschnitt und aus seiner Weste blitzt ein bis oben hin zugeknöpftes Hemd hervor. Er hat starke Hände, er ist vielleicht wirklich ein Erdbebenforscher und macht den lieben langen Tag nichts anderes, als Kontinentalplatten zu verschieben. Vielleicht leben wir alle überhaupt nur noch, weil die würgende Warnweste so akkurat arbeitet.

"Was sollte das denn?", brüllt er mich an, "ich glaub, es hackt!"

"Großer Gott, lassen Sie meinen Hals los!", quieke ich.

"Mich von hinten anzustoßen! Denkste, ich merk' das nicht?"

Ich antworte nicht, ich schaue an ihm vorbei. Neben uns bleiben Leute stehen und starren. Jemand ruft: "Hey, Sie da!" Aus dem Augenwinkel bekomme ich mit, dass die Ampel gerade wieder auf Gelb schaltet. Da zieht es hin, das Leben! Ich habe meine letzte Grünphase verpasst!

Es verstreichen ein paar Sekunden. Der Gedanke, möglicherweise auf einer Kreuzung am Potsdamer Platz von einem Erdbebenforscher erwürgt zu werden, macht mich immer nervöser. Plötzlich, als gäbe es jemanden, der Regie führt und meint, es täte der Dramaturgie gewiss keinen Abbruch, jetzt einen Streifenwagen, Marty McFly oder ein Raumschiff neben uns auftauchen zu lassen, steht da auf einmal wirklich - ein Polizeiauto!

Ha, denke ich, da soll nochmal einer sagen, die Polizei sei nie da, wenn man sie braucht. Ich wedele ein bisschen mit den Armen, aber es dauert, bis die Beamten aussteigen. Keine Ahnung, vielleicht wollten sie erst warten, bis der Regen aufhört oder - ich tot bin! Wie Schmidtchen Schleicher kommt eine Beamter auf uns zu und erkundigt sich nach dem Stand der Dinge. In seiner Stimme ist nicht der leiseste Hauch von Besorgnis, er spricht, als würde er sich ein paar Fritten rotweiß bestellen.

"Lassense mal als Erstes die Frau los!", sagt er.

Und tatsächlich, endlich lässt der Warnwestenmann meinen Hals los, schnauzt aber in einer Tour weiter. Er bauscht die ganze Sache furchtbar auf und so, wie er sie schildert, klingt es, als könne er wahrlich von Glück reden, meinen tätlichen Hinterreifenstupser unbeschadet überlebt zu haben. Ich muss jetzt laut loslachen, wirklich, ich kriege einen richtigen Lachanfall. Während der Würger sein Rad aufhebt, räumt der Polizist mir die Möglichkeit ein, Anzeige zu erstatten, er habe ja gesehen, wie ich gewürgt wurde.

"Ha, das wird ja noch schöner!", keift der Rabiator, "vorher kriegt die ja wohl von mir 'ne Anzeige!"

Anzeige oder nicht Anzeige?

"Wofür denn?", frage ich. "Ich habe an einer roten Ampel gestanden und auf Grün gewartet - bis Sie kamen und mich vom Radweg geklingelt haben!"

"Tse. Pff. Pff …", er stemmt die Hände in die Hüften. "Hörnse, Herr Wachtmeister, das wird mir langsam zu bunt!"

"Naja, nu' Moment mal!", sagt der Beamte. "Wollen Sie den Herrn jetzt anzeigen? Dann würde ich die Personalien aufnehmen!"

"Nun ja", lege ich los und lasse mir dabei viel Zeit, "das ist schon 'ne heikle Angelegenheit, dass Sie hier einfach so Leute auf der Straße würgen!"

Ich überlege wirklich, ihn anzuzeigen, ich grübele richtig darüber nach, aber man darf ja auch nicht zu lange überlegen, schließlich haben die Polizisten ja nicht den ganzen Tag Zeit und man merkt ihnen auch an, dass man ihnen mit so einer Lappalie im Grunde fürchterlich auf die Nerven geht.

Auf einmal springt die Warnweste auf sein Rad und will das Weite suchen.

"Ich fahre jetzt!"

"Das entscheiden aber nicht Sie!", sagt der Polizist, "wenn die Dame Sie anzeigen will, müssen Sie warten."

Ich gebe an, auf eine Anzeige zu verzichten und außerdem: Ich lebe ja noch. Der Beamte will es bei einer Verwarnung belassen, es könne nicht sein, dass man sich gegenseitig an die Gurgel gehe. Darauf der Würger mit entwaffnender Einfachheit: "Ich hab sie nicht gewürgt, ich hab sie nur am Hals gepackt!"

Quelle: n-tv.de

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