Leben

Du brauchst keine Kurzhaarfrisur Iris Berben über Frauen, Sahne & Sinnlichkeit

Iris Berben

Sie versucht nicht krampfhaft, "auf jung" zu machen. Das fände sie unattraktiv. Und - die Haare bleiben lang.

(Foto: Gregor Fischer/dpa)

Mit Iris Berben zu sprechen ist wie in einen Jungbrunnen zu fallen. Auf keinen Fall will sie "auf jugendlich" machen, und auf jeden Fall wird sie, auch wenn sie es bereits seit Jahrzehnten tut, weiter für die Rechte der Frau kämpfen, für Gleichheit und Glück - und auch ein bisschen Glamour. Mit ntv.de spricht die Schauspielerin über vernetzte Frauen, was wir aus der Corona-Krise gelernt haben könnten und darüber, dass die Kunst und die Kultur keine reinen Sahnehäubchen sind.

ntv.de: Women Empowerment - ein Thema, das immer wichtig ist, aber das gerade in den Zeiten des Lockdowns noch wichtiger war - "Stichwort häusliche Gewalt". Das dicke Ende kommt eventuell erst noch ….

Iris Berben: Ich glaube leider auch, dass wir damit noch eine ganz Weile zu tun haben werden. Wir müssen ja nur daran denken, dass sehr viele Frauen wieder in eine Situation gekommen sind, wie es sie für viele eine Weile gar nicht so vordergründig gab: Viele Frauen fanden sich im HomeOffice, HomeSchooling, Haushalt, "Irgendwie-weitermachen-Modus" wieder. Mit einem gewissen Selbstverständnis gingen diese Dinge an die Frauen, es wurde erwartet und so übernommen. Da merkt man doch, dass unser Weg der Gleichberechtigung immer noch recht wackelig und auf sehr dünnem Eis ist. Es hat sich in der Pandemie zumindest so gezeigt.

Es hat sich sicher für einige so angefühlt. Wir müssen die Augen auf jeden Fall offen halten …

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(Foto: imago images/Future Image)

… vor allem für die Frauen, die nicht in der Lage sind, das allein zu kommunizieren. Es gibt einfach noch immer einen Großteil von Frauen, der es nicht gewohnt ist, seine Bedürfnisse oder auch Forderungen zu artikulieren. Es bleibt so wichtig, dass wir Frauen uns vernetzen, dass Frauen wissen, wo ihre Anlaufstellen sind und dass sie Gleichgesinnte finden.

Es wirkt momentan ja an vielen Stellen so, als wäre alles wieder ganz normal. Ist es aber nicht …

Nein, das ist es wahrlich nicht (lacht). Aber da geht es uns allen womöglich ähnlich - wir verstehen das, wenn die Menschen sich nach Normalität sehnen. Jetzt, mit diesen wirklich warmen Sonnenstrahlen, da bewegt man sich doch gleich anders, man zieht sich anders an, es macht etwas mit uns. Aber wir dürfen nicht vergessen, auch wenn ich mich zu den Privilegierten zählen darf - mit unserer Seele hat diese Pandemie auch etwas gemacht. Wir haben natürlich alle jetzt Wünsche und eine gewisse Ungeduld, waren brav und diszipliniert, zumindest die meisten von uns (lacht). Letzten Endes ist unsere Gesellschaft da gut durchgekommen, und ich verstehe auch jeden, der jetzt mal über die Stränge schlagen möchte. Man möchte nicht der Spaßverderber sein, der immer nur mahnt und sagt, Kinder, wir sind noch nicht am Ende angelangt, aber wir dürfen das mit den Lockerungen eben vielleicht auch nicht übertreiben.

Wir müssen die Waage finden, unser normales Leben zu starten und weiterhin achtsam miteinander umgehen.

Ja, wir haben es uns doch wirklich nicht leichtgemacht, das "Problem Pandemie" von allen Seiten betrachtet. Aber da ist jetzt diese Leichtigkeit, die um die Ecke kommt, und die möchte man wahrhaben. Wir suchen doch die Leichtigkeit, wir wollen sie wieder leben!

Außerdem könnte man ein paar Dinge ja beibehalten - zum Beispiel, nicht fünf Termine an einem Tag zu haben, wegen jedem Bisschen irgendwohin zu fliegen und weiterhin schön in die Ellenbeuge niesen …

Ich glaube auch nicht, dass wir mit einem Sprung in die Oberflächlichkeit hüpfen. Und da bin ich ganz bei Ihnen: Die Frage, wie viel man sich jetzt zumuten möchte oder muss, die stellt sich auf jeden Fall. Wir haben gelernt, vieles auf einem anderen Weg zu machen. Wir sollten uns bewusst machen, dass wir in dieser Pandemie auch die Möglichkeit hatten, etwas zu lernen. Zum Beispiel, in welcher Weise wir miteinander und mit Themen umgehen wollen. Auch mit der Natur und den Ressourcen - da sind wir, auch dank einer starken, jungen Generation, ganz gut aufgestellt.

Und - wir ziehen uns wieder besser an!

(lacht) Ja, das tut wirklich gut! Das gehört zum sinnlichen Teil des Lebens.

Iris Berben in der Pandemie-Jogginghose? Kaum vorzustellen allerdings …

(lacht) Doch, doch! Ich habe wirklich schöne Jogginghosen! Die style ich auch zu schönen Oberteilen - die man in den Videokonferenzen ja eh nur sieht - und dann ist man barfuß und fühlt sich total wohl. Der triste Ruf, den die Jogginghose hat, der ist doch wirklich ungerecht! Meine Jogginghosen sind stadtkompatibel!

Zu dem "Befreiungsszenario", das wir gerade erleben, gehört auch die Kultur - und ein großes Stück Hoffnung, dass sie auch wirklich überlebt hat. Sie wurde sträflich behandelt …

Oh ja, das wurde sie! Aber ganz ehrlich - das war für mich gar nicht so neu. Ich hätte mir gerade in der Pandemie gewünscht, dass der Kultur ein höherer Stellenwert gegeben worden wäre, weil man eben weiß, was so eine Phase mit Menschen macht. Denn Kultur ist Hoffnung. Aber wir sind es gewohnt, dass die Kultur das Element ist, das immer als erstes draufzahlt. Kultur wird immer noch als eine Art Luxusgut verkauft, manchmal auch in der Politik. Dabei hat Kultur doch die Möglichkeit, eine Sprache zu finden, Gefühle zu vermitteln, Ängste zu beantworten oder gar zu nehmen. Wir haben die Sprache des Films, die Sprache der Musik, die Sprache der Bilder - das verbindet! Du merkst es doch an den kleinen Dingen.

Zum Beispiel kleinere Konzerte oder Lesungen …

Genau, bei solchen Gelegenheiten habe ich wirklich gerne mitgemacht. Wir haben so deutlich gespürt, wie sehr das angenommen wurde. Und das war auch gut. Und welch' eine Erleichterung, diese technischen Möglichkeiten zu haben! Was ich aber nicht möchte ist, dass man das jetzt als die besseren Wege betrachtet, um Kultur zu vermitteln - und dann werden Theater eingespart, Kinos und so weiter, das darf auf keinen Fall passieren! Wir in der Kultur müssen lauter werden in unseren Forderungen, wir waren schließlich die ersten, die schließen mussten und sollen die letzten sein, die aufmachen - wie soll das gehen? Es sind ja nicht nur Theater gewesen, auch Clubs und Bars, alles, was das Leben mit und um die Kultur ausmacht eben. Da sehe ich große Aufgaben auf uns zukommen. Und da muss auch ein neues Selbstbewusstsein entstehen, das wir einfordern müssen.

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2021 "auf einen Dry Martini" auf der LitCologne.

(Foto: imago images/Future Image)

Kunst und Kultur werden ja gern als Sahnehäubchen betrachtet - genau so, wie Frauen auch oft eingeordnet werden: als "Nice to have" ….

Dabei ist das Bedürfnis nach Kultur so hoch. Als Beispiel nenne ich jetzt mal die LitCologne - da war ich seit der Gründung dabei. Und habe gespürt, als wir unseren Stream dort aufgenommen haben, wie groß der Hunger danach ist - denn viel lieber hätten sich die Menschen ja zu uns, um uns herum, gesetzt, jeder suchte den Kontakt. Das Publikum braucht uns und wir brauchen das Publikum.

Women Empowerment und Sie als Testimonial einer Kosmetikmarke - sind wir weitergekommen, wenn nicht nur Junge Werbung machen, wenn wir gendern? Wenn eine Transgender-Person einen Model-Contest gewinnt, wenn mollige Frauen Werbung für Unterwäsche oder Bikinis machen - sind wir auf dem richtigen Weg oder ist das alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

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Mit L'Oréal Paris und Schauspiel-Kollegin Helen Mirren.

(Foto: imago images/Future Image)

Wenn ich daran denke, dass ich bereits in den Sechziger Jahren für Frauenrechte auf die Straße gegangen bin, dann würde ich sagen: Ja, das ist alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass ich wirklich froh bin, dass inzwischen sogar die Werbung begriffen hat, dass da andere Kulturen und Menschen Ü30 hineingehören. Man hat begriffen, dass wir ein Einwanderungsland sind, dass wir mit der Vielfalt unseres Lebens umgehen können und müssen und sollen. Aber es ist immer noch mühsam. Ob wir nun eine perfekte Gendersprache haben oder nicht – das ist doch nicht der Dreh- und Angelpunkt, es sind die Inhalte, die rübergebracht werden müssen, da müssen wir uns reinhängen! Und da müssen wir auch die Daumenschrauben anziehen bei allen, die nicht mitmachen wollen. Es sind kleine Mosaiksteinchen, aber der Teppich ist größer geworden!

Ist Jungaussehen noch wichtig? Ist das nicht längst überholt?

Auf jeden Fall, das ist total Neunziger (lacht). In punkto Selbstbewusstsein haben Frauen aber richtig was gelernt. Und da muss ich, als L'Oréal Paris-Botschafterin, hervorheben: Hier machen schon lange Frauen der unterschiedlichsten Altersstrukturen, Hautfarben und Herkünfte Werbung und werden als Gesicht für Millionen anderer Frauen dadurch zu echten Vorbildern. Dort wird ein großer Durchschnitt abgebildet. Dieses "Unbedingt-jung-sein-wollen" darf nur in Bezug auf eines gelten: Jung im Kopf zu sein. Das war zumindest immer mein Bestreben. Bleibt neugierig, macht mit, stellt euch den Herausforderungen, und wenn du nicht weiß, wie es geht: Dann vernetze dich, frage nach, hol dir die Leute, von denen du Antworten auf deine Fragen bekommst. Das Selbstbewusstsein ist gewachsen. Dass man dabei frisch aussehen will, ist selbstverständlich. Ich versuche aber nicht "auf jugendlich" zu machen, das wäre ja albern. Das macht keine Frau attraktiv!

Der ultimative Tipp von Iris Berben für die Ü-50-Frau?

Du musst keine praktische Kurzhaarfrisur haben (lacht)!

Mit Iris Berben sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de

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