Leben

In Vino Verena "Jede jute Werkstatt hat nackte Damen"

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Diese Frau weiß, was unter der Motorhaube los ist.

(Foto: Imago)

Frauen haben keine Ahnung von Autos. Soweit das Klischee. Unsere Kolumnistin über ihre Erfahrungen mit Werkstätten und Hinterhofschraubern und mit einer Einsicht: Frauen sollten sich nicht nur auf einen Maik oder Micha verlassen!

"Aaaahhhhh! Bitte nicht jetzt!" Ich sitze in meinem Renault Baujahr ca. 1897 mit drei Radkappen und bin auf dem Weg zu meiner Mutter. Es ist Nikolaustag. Mutter hat Geburtstag. Doch während ich mit Vorfreude über die Landstraße tuckere und sich der Himmel über mir ausleert wie lange nicht, bleiben plötzlich - meine Scheibenwischer stehen! Erster Verdacht: Wischermotor kaputt. Mein Herz schlägt binnen Sekunden wie ein Trommelfeuer, während der nicht enden wollende Regen in dichten Schlieren meine Frontscheibe zukleistert.

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Strömender Regen und die Scheibenwischer streiken: Was nun? Selbst Hand anlegen oder eine Werkstatt suchen?

(Foto: imago images/Sabine Gudath)

Okay, denke ich, ruhig Blut. Nur nicht panisch werden. Rechts ranfahren und den ADAC anrufen. Aber, super, Akku alle! Ausgerechnet jetzt. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich vor Wut losheulen oder über meine Schussligkeit lachen soll, denn dass ich unbedingt noch mein Handy aufladen wollte, daran hatte ich kurz vor meiner Abfahrt noch gedacht.

Da stehe ich nun also, zwischen Acker und Landstraße und naja, richtig toll wird es erst, wenn man ausgerechnet jetzt auch noch pinkeln muss! Direkt vor mir im brandenburgischen Nirgendwo: dieser herrlich lauschige Blair-Witch-Wald. Meine Nikolaustag-Laune steigt ins Unermessliche.

Ich werde wohl oder übel ausharren müssen, bis es aufhört zu regnen, denke ich. Aber meistens ist es so: Wenn man dringend auf etwas wartet, dauert es erst recht länger. Ich überlege, ob ich eines der vorbeifahrenden Autos anhalten soll, aber es gießt wirklich wie aus Kannen. Verflucht, denke ich, ständig hat diese verdammte Karre ein neues Wehwehchen! Während ich warte, dass es aufhört zu regnen, grüble ich darüber, warum ich den Wagen nicht schon längst abgestoßen habe.

Das Lachen im sommerlichen Fahrtwind

Manchmal, einfach so, sehe ich plötzlich meinen verstorbenen Vater im Rückspiegel. Er auf der Rückbank - lässig mit Fluppe im Mundwinkel bei offenem Fenster und Mutter daneben, die wegen seiner Quarzerei ein Fass aufmacht, er aber nur lächelt, die Augen schließt und den Kopf in den sommerlichen Fahrtwind hält, während die blühenden Rapsfelder an uns vorbeiziehen.

Ich gehe nun all die Karren durch, die ich vor der jetzigen fuhr, und erinnere mich, wie mir mein alter Herr als Kind so Rumwerkler-Sachen beibrachte, für die sich meine Freundinnen nicht die Bohne interessierten. Ich kannte mich früh mit roten und blauen Drähten und Bohrköpfen aus und hatte einen eigenen kleinen, von Vater zusammengestellten Kinder-Werkzeugkasten. Darin neben Kneifzangen, Rohrzangen und Inbusschlüsseln auch jede Menge Schnur und Zinnplättchen.

Wenn mein Vater beispielsweise die Räder für den Frühling flottmachte, assistierte ich ihm, aber irgendwann wollte ich kein Kreuzschlitz-Handlanger mehr sein, denn während wir Fahrradketten ölten und Bremsen prüften, schraubten die coolen Jungs aus der Klasse mit ihren Vätern an deren Autos. Wir hatten ja damals keines! Ich bereue es bis heute, nie gelernt zu haben, meine Schrottgurken selbst flottzumachen, wenn sie wieder mal streiken.

Ich lag nie mit beschmiertem Latz und schwarzen Händen unter einer ölleckenden Karosserie, auch friemelte ich nie an einem schönen aufgeheizten Kühlergrill herum und kam ebenfalls nie in die Verzückung, eigenmächtig einen Stoßdämpfer zu wechseln. Denn bei all den Autos, die ich mir in meinem Leben als kellnernde Studentin gekauft hatte, wäre das Erlernen dieses Wissens sicher eine lukrative Investition in die Zukunft gewesen!

Achtung: ADAC-Nervensäge und Werkstatt-Hinauszögerin!

Ebenfalls blöd: Während sich die Freunde und späteren Gatten meiner Freundinnen sehr gern um deren Autos kümmerten, weil, so das Klischee, Männer generell ein besseres Händchen für derlei Thematik haben, rief ich gefühlte 100 Mal die Woche beim ADAC an. Irgendwann hatte ich schon ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich befürchtete, die könnten hinter meinem Namen vermerkt haben: Achtung: ADAC-Nervensäge, ruft zehnmal die Woche an - Werkstatt-Hinauszögerin! "Na, Frau Dittrich, was isses denn diesmal?"

Dabei bin ich gar keine Werkstatt-Hinauszögerin, ich kriege nur allein bei dem Gedanken, in einer aufkreuzen zu müssen, den blanken Horror! Ich habe sozusagen ein Werkstatt-Trauma, wirklich! Einmal ist mir - glücklicherweise auf einer leeren Straße - mein Auspuff abgeflogen, ich glaube, es war das Endrohr oder der Endschalldämpfer oder so, es war jedenfalls ganz und gar nicht gut, dass dieses Ding nicht mehr an der Stelle war, wo es eigentlich hingehörte!

Der Kladderadatsch, der nicht mit einem Rums auf die Straße krachte, hing noch unten dran und röhrte wie ein Hirsch bei der Brunft. Und weil ich mich ja für ach so schlau halte, bin ich das abgeflogene Teil erstmal einsammeln gegangen. Ich lasse mir doch kein Ersatzteil aufschwatzen, wenn das verlustig gegangene Original im Nu wieder angebracht werden kann! Und so ein Paar lächerlich kleine Durchrostungen am Topf lassen sich doch prima schweißen, so meine Logik.

Ich glaube wirklich, mit der Reparatur meiner kaputten Autos etliche Werkstätten vor der Insolvenz bewahrt zu haben. Und bevor ich Spätzünder auf die clevere Idee kam, vorab den Rat der Dekra einzuholen, vergingen JAHRHUNDERTE! Diese Naivität, sie ist nur schwer zu begreifen! Eine Zeitlang schob ich erfolgreich die Schuld den Lebensabschnittsgefährten in die Schuhe, die ich so durchbrachte. Anstatt sich gepflegt unter meine Karren zu legen und mal zu gucken, wie weit der Unterboden durchgerostet ist und wie lange es noch dauert, bis ich mein Auto starte wie Fred Feuerstein, spielten die lieber Gitarre. Oder malten und künstlerten sonst wie rum. Oder noch schlimmer: fuhren Skateboard!

Maik und das Nacktgirl vom Monat Mai

Doch dann kam er: Maik. Mein persönlicher Hinterhofschrauber. Maik war das pure Glück, eine Offenbarung, der beste Auto-Erklärbär dieses Universums. Maik war mindestens so besonders wie seine Werkstatt. Gleich vorne, wenn man reinkam, stand ein Tisch. Die Tischdecke, voller Schmiere und Dreck, zierten bunte Blümchen. Darauf standen immer etliche Thermoskannen, eine Flasche Schnaps und ein voller Aschenbecher. Um den Tisch herum saßen stets Leute aus dem Dorf. Ich glaube, die machten bei Maik Frühschoppen. Jedenfalls hingen für jeden sichtbar überall in der Werkstatt Poster und Kalender nackter Frauen. Direkt über dem Tisch hing Samantha Fox von, oh Gott, tatsächlich 1989! Sie zierte den Monat Mai. Ihre Brüste waren etwas abgegriffen, vermutlich vom Durchblättern. Maik sagte: "Jede jute Werkstatt hat nackte Damen." NATÜRLICH!

Von nun an brachte ich meine Autos immer zu Maik. Einen weißen Citroën, einen lila Opel Corsa, einen quietschgrünen Peugeot 106. Doch irgendwann beschloss mein Lieblingsschrauber, für seine neue Liebe abzuhauen - nach Nürnberg! Ich konnte es nicht fassen. Die unumstößliche Lebensweisheit, die ich aus diesem Umstand zog: Hat man endlich einen soliden Schrauber gefunden, geht der in Rente, zieht um oder stirbt einem einfach weg.

Irgendwann an diesem Dezembertag des Wischermotor-Super-GAUs, es hatte inzwischen aufgehört zu regnen, steuerte ich die nächstbeste Werkstatt an. Ich war skeptisch. Eine Hinterhofwerkstatt. Kein einziges Nacktgirl an den Werkstattmauern. Nirgends das Antlitz einer Samantha Fox. Nicht einmal ein familientaugliches Playboy-Bunny zierte die sauberen Wände. Kein gutes Zeichen. Der Kfz-Meister klärte mich mit warmem Timbre auf: "Sie müssen auch mal ab und zu den ganzen Dreck hier vorne wegfegen!" Er zeigte streng auf die Schlitze zwischen Frontscheibe und Motorhaube.

Doch wenig später fuchteln die Wischerblätter wie in jungfräulicher Erregung wieder hin und her. Welch Freude! Und während ich nach dem Löhnen von knapp 200 Kröten zur Seite schaue, erblicke ich ihn. Da ist er - direkt unter der Löschdecke: ein schöner vergilbter Kalender mit nackten Damen. Zwar von 2016, aber immerhin: aktueller Monat. Ich weiß es sofort: Hier bin ich gut aufgehoben! Auf Micha, nach Maik der zweitbeste Schrauber Berlins und Umland. Und natürlich auf die nackten Kalendergirls!

Quelle: ntv.de