Liebe und Familie

Casual Sex, Tinder und Märkte Wie der Kapitalismus die Liebe beeinflusst

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In "Warum Liebe endet" beschäftigt sich die Autorin auch mit dem sexuellen Kapital von Frauen und Männern.

(Foto: imago/PhotoAlto)

Sind unsere Partnerschaften dem Kapitalismus untergeordnet? Wählen wir nur Beziehungen, die sich auch ökonomisch lohnen? Und warum ist Gelegenheitssex so beliebt? All diese Fragen stellt Eva Illouz in ihrem Buch "Warum Liebe endet". Es ist eine aktuelle Analyse von Gesellschaftsstrukturen, Macht und Sex.

Liebe, Sex und Beziehungen waren schon immer kompliziert. Vielleicht sind die zwischenmenschlichen Dinge heute nur anders kompliziert als zu Zeiten von Tanztee, Autokinos und Benimmkursen. Doch die Probleme bleiben aktueller Stoff für ein Buch wie "Warum Liebe endet" von Eva Illouz.

Wieso kommt es heute so oft zu Trennungen und Sex-Dates ohne Verpflichtungen? Die Autorin und Soziologin lässt bei ihrer Suche nach Antworten keine aktuellen Trends aus: Onlinedating, Gelegenheitssex, Friends with Benefits, offene Beziehungen. Es ist ein komplexes Bild der Gesellschaft, in der die Frauen heute mehr Rechte und Freiheiten als früher haben und scheinbar gleichgestellt sind. Doch für Illouz bleibt ein Problem: Zugang zu Macht und Geld sind immer noch von Märkten und dem kapitalistischen System bestimmt. Und damit bestimme dieser Kapitalismus genauso Liebesbeziehungen und Sexualität. Auch Beziehungen bilden sich auf Märkten, auf denen die Singles Waren sind, so die Autorin.

Kapitalistische Marktgesetze gelten auch für Partnersuche

Sexuelle Attraktivität und Potenz verkomplizieren das Ganze noch: "Körper, Persönlichkeit und Geschmäcker sind Gegenstand kontinuierlicher Bewertung und Übergangspunkte für den Beginn und die Beendigung von Beziehungen." Besonders Frauen würden dabei überdurchschnittlich nach ihrem Äußeren bewertet. Illouz und andere Wissenschaftler sprechen dabei vom Begriff "Pornification". Der "Berliner Zeitung" erklärt die Autorin, dass sie viele Männer interviewt habe, die niemals auf die Idee kommen würden, eine Frau mit ein paar Pfunden zu viel zu daten.

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Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem sowie Studiendirektorin am CSE-EHESS in Paris.

(Foto: Susanne Schleyer)

Es scheint erstaunlich, dass trotz Emanzipation und der (nahezu) ökonomischen Gleichstellung von Mann und Frau, die Ökonomie in der Liebe immer noch eine wichtige Rolle spielt. Es geht aber nicht mehr um die frühere Versorgungsehe wie beispielsweise in der Nachkriegszeit. Bei der Partnersuche im Jahr 2019 liegt der Fokus auf der sexuellen Potenz als ökonomisches Gut. Außerdem "verhelfe die Sexualität dem Kapitalismus zu außergewöhnlichen Konsummöglichkeiten". Gemeint sind damit Güter wie BHs, Botox, Singlebars oder Pornografie.

So erklärt eine Frau in Illouz' Buch, dass ein Mann durch das Tragen eines bestimmten Hemdes für sie sofort unattraktiv für eine Beziehung wurde. Ein Mann berichtet, wie er in einem bestimmten Moment durch eine einzige Aussage bemerkte, dass er nicht mehr mit seiner Ehefrau zusammen sein konnte. Kleinigkeiten, vielleicht auch Oberflächlichkeit, können ein schnelles Ende einer Beziehung einläuten. Heute gibt es weniger ökonomische Zwänge, die das Festhalten an einer Partnerschaft notwendig machen. Auch das ist der Grund, warum jahrzehntelange Ehen geschieden werden.

Gelegenheitssex und die ungewisse Choreografie

Die Soziologin erklärt, dass viele Menschen nach Trennungen sporadische Arrangements wie Gelegenheitssex suchen. Dieser schaffe aber noch mehr Unsicherheiten, weil bei dieser kurzfristigen Bindung nicht immer Sex und Gefühle voneinander getrennt werden. Das wird spätestens dann problematisch, wenn ein Sexualpartner Gefühle hat und offenbart, der andere aber nur seinen Spaß haben will.

Die offene und spaßorientierte Sexbeziehung hat somit große emotionale Sprengkraft. Dazu meint Illouz: "Der Gelegenheitssex löscht die narrative Linearität aus, die traditionellen heterosexuellen Beziehungen innewohnte. Er wird als punktuelle Episode gelebt, die nicht auf eine bestimmte Person, sondern vielmehr auf einen allgemeinen attraktiven triebhaften Körper zielt."

In "Warum Liebe endet" verdeutlicht dies eine Frau namens Claire: "Männer können Frauen, die Erwartungen haben, nicht ausstehen. Dann werden die Dinge nämlich kompliziert. Wenn man Erwartungen hat, wird man leichter verletzt und enttäuscht." In einem Interview mit der "Stuttgarter Zeitung" bringt die Soziologin Illouz genau das auf den Punkt: "Die Ungewissheit ist enorm gestiegen. Es gibt heute keine andere soziale Beziehung, die so viel Unsicherheit verbreitet wie die Liebe."

Onlinedating bietet Oberflächlichkeit und Beziehungen

Ein weiterer spannender Gedanke von Illouz beschäftigt sich mit der technologischen Weiterentwicklung, die bei der Partnersuche eine immer größere Rolle spielt: dem Onlinedating in Zeiten von Apps wie Tinder, OKCupid und Co. Kurzfristig helfe die Technologie Menschen bei der Liebeswerbung, weil sie ohne große Hürden funktioniert. Aber diese einfache Art des Dating führe auch dazu, dass man Kurzzeit-Partner so schnell austauschen kann wie ein abgelegtes Handy, das einem plötzlich nicht mehr gefällt.

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Dennoch sieht Illouz dabei nicht nur die Nachteile der oberflächlichen Auswahl. "Man kann sogar die beruhigende Statistik ins Feld führen, dass heute eine von drei Ehen aus einer Onlinebekanntschaft hervorgeht. Dies scheint darauf hinzudeuten, dass Technologie-plus-Markt bei weitem nicht das unheilvolle Phänomen ist, welches ich hier gezeichnet habe."

Doch was ist nun mit der Liebe und den immer größeren Unsicherheiten? Ist es ein Zugeständnis, dass es die große Liebe nicht mehr gibt? So radikal will es Eva Illouz nicht sehen. "Ich möchte die Liebe als Konzept auch nicht völlig aufgeben. Familien müssen sich weiterhin darauf stützen. Aber muss es denn diese sehr enge Form der romantischen Liebe sein?", sagt sie dem "Stern". Aus ihrer Sicht werden zukünftig mehr Menschen ohne eine feste Bindung leben. Für die Soziologin auch ein Zeichen für die Kompromisslosigkeit jedes Einzelnen, bei der die partnerschaftliche Liebe eben öfter auf der Strecke bleibt.

Quelle: n-tv.de

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