Leben

Es kann jeden treffen Warum Männerdepression seltener erkannt wird

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Bei Depressionen suchen Männer seltener Hilfe und gehen seltener zum Arzt.

(Foto: picture alliance / empics)

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Depressionen gelten als typische Frauenkrankheit, dabei leiden auch viele Männer darunter. Doch Männer zeigen andere Symptome und holen sich seltener Hilfe. Ein Problem dabei ist auch das traditionelle Männerbild. Experten hoffen nun auf ein Umdenken.

Nach außen scheint sein Leben perfekt: Benjamin Maack aus Hamburg hat zwei Kinder, ist glücklich verheiratet, beruflich als Journalist sehr erfolgreich, er leitet ein Ressort beim "Spiegel". Doch in ihm sieht es ganz anders aus, wie der heute 44-Jährige schildert: "Es gab diesen Moment, wo ich so viel gearbeitet habe, dass ich zu Hause eigentlich nur noch ein Wrack war, wo ich mich abends in den Schlaf geweint hab und nur an die Decke gestarrt habe. Ich liebe meine Frau sehr, ich liebe meine Kinder sehr, aber sich dann plötzlich wie ein Versager zu fühlen, das war sehr hart."

So ging es ihm vor acht Jahren. Die Arbeit, die Familie - alles wird ihm zu viel. Es kommt der Zusammenbruch, er kann nicht mehr. Maack meldet sich krank, einen Tag, eine Woche, doch es wird nicht besser. "Man würde ja denken, man ruht sich aus und es wird besser. Aber es wurde immer, immer schlimmer", sagt Maack. "Ich habe einen Freund, der ist Psychologe, der hat irgendwann gesagt, Benjamin, du bist wirklich sehr, sehr krank."

Sozialwissenschaftlerin Anne Maria Möller-Leimkühler hat sich auf Männerdepressionen spezialisiert. Aus ihrer Sicht sind Männer nicht weniger depressiv als Frauen, sie reagieren aber anders. Es gibt typische Merkmale, die auf eine Depression bei Männern hindeuten können: Aggressivität, Reizbarkeit, Wutausbrüche bei sonst ganz friedfertigen Männern, Arbeitswut, exzessiver Sport oder stundenlang vor dem Computer sitzen. Diese Symptome erschweren allerdings, die Erkrankung zu erkennen. "Die 'Male Depression' tritt häufig verdeckt auf, getarnt hinter männertypischen Strategien der Stressbewältigung. Männer halten daher lange die Fassade des Funktionierens aufrecht und die Depression bleibt für die Umwelt unsichtbar", sagt Möller-Leimkühler dem Magazin "GEO Wissen Gesundheit".

"Burnout erste Stufe einer Depression"

Rat und Nothilfe
  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder 116-123, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe sind Listen mit regionalen Krisendiensten und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige, um die Situation und die Versorgung Depressiver zu verbessern. Sie bieten Depressiven ein E-Mail-Beratung als Orientierungshilfe an.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Depressionen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen, so die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Derzeit seien in Deutschland 11,3 Prozent der Frauen und 5,1 Prozent der Männer davon betroffen. Doch Männer suchen seltener Hilfe und gehen seltener zum Arzt. Männer seien eher bereit, einen Arzt aufzusuchen, wenn die Diagnose Burnout anstelle von Depression lautet, so Möller-Leimkühler. Immerhin öffne das Mäntelchen der Burnout-Diagnose im besten Fall Türen zu professioneller Hilfe: "Burnout ist die erste Stufe einer Depression. Aber Burnout hat einen Vorteil. Er ist nicht sozial stigmatisiert. Während die Depression, besonders wenn sie Männer betrifft, hoch stigmatisiert ist. Der Mann ist dann ein Versager, ein Loser", so die Expertin.

Acht Jahre ist es her, dass Benjamin Maack die Diagnose schwere Depression bekam. Über seine Erfahrung hat er ein Buch mit dem Titel "Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein" geschrieben. Für ihn war klar, offen mit der Erkrankung umzugehen. "Ich glaube, man kann sich leicht mit einer psychischen Erkrankung sehr allein fühlen. Aber immer, wenn man mit jemandem darüber redet, wird man auf jemand anderen stoßen, der entweder Menschen in seiner Umgebung hat, die ähnliche Probleme haben oder vielleicht sogar selbst damit Erfahrung gemacht hat", berichtet Maack.

Aus der Tabuzone holen

Auch Expertin Möller-Leimkühler wünscht sich einen anderen Umgang mit Depressionen und vor allem eins: "Depression bei Männern muss aus der Tabuzone herausgeholt werden, dass es kein persönliches Versagen ist, sondern dass es tatsächlich auch eine Erkrankung ist, die man mit Antidepressiva und mit Psychotherapie behandeln kann."

Medikamente und Therapien haben auch Benjamin Maack geholfen und helfen ihm auch heute noch, seine schwere Depression besser in den Griff zu bekommen. Aber er hat auch sein Leben umgestellt. Maack arbeitet weniger, langsamer und nimmt sich bewusst Auszeiten. Geheilt ist er nicht, die Depression begleitet ihn weiter: "Es ist ein Weg, aber es ist eher ein Weg mit der Krankheit", so Maack. Man müsse mit ihr leben, mit ihr umgehen - also kein Niederringen der Krankheit oder ein Kampf gegen sie.

Er hofft sehr, dass man in Zukunft über Depressionen genauso sprechen kann wie über andere Erkrankungen. Und dass er mit seiner Geschichte einen Teil dazu beitragen kann. Denn eine Depression kann jeden treffen.

Quelle: ntv.de

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