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Per Drohne auf den Gipfel? "Man könnte exklusivere Skigebiete erschließen"

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Könnten Drohnen bald ein neues Transportgerät in Skigebieten sein?

Statt in eine Gondel oder einen Lift könnten Skifahrer künftig in ein autonom fliegendes, drohnenähnliches Gerät steigen. "Technologisch ist das machbar", sagt Drohnenexperte Andreas Dunsch im n-tv.de Interview.

n-tv.de: In einer Gondel in Saalbach-Hinterglemm erzählte mir ein Mitfahrer, er sei überzeugt, dass ihn bald Drohnen auf den Berg flögen. Für wie realistisch halten Sie so etwas?

Andreas Dunsch: Ein Einsatz autonomer Luftfahrtsysteme zur Beförderung von Skifahrern klingt erst fantasievoll - ist aber nicht nur denkbar, sondern in Ansätzen bereits machbar. Die Gesamtkonzepte und -systeme für solche drohnenähnlichen Fluggeräte befinden sich allerdings noch in der Entwicklung. Ich bin aber überzeugt, dass wir den technologischen Fortschritt der nächsten 10 oder 20 Jahre massiv unterschätzen und dass so etwas schneller kommen wird, als wir denken. Vielleicht gibt es schon in acht oder zehn Jahren Drohnen, die Skifahrer auf den Berg bringen. Gut betuchte Menschen buchen ja heute schon Hubschrauber, um spezielle Abfahrten in nicht erschlossenen Gebieten zu erreichen.     

Firmen wie Volocopter und Lilium haben Lufttaxis entwickelt: Würden diese dazu taugen?

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Andreas Dunsch ist ehemaliger Fallschirmjägeroffizier und Gründer des Drohnentechnologie-Startups FlyNex. Außerdem gehört er zu den Gründern des Instituts für unbemannte Systeme der NBS Northern Business School gGmbH in Hamburg.

(Foto: Andreas Dunsch)

Solche Unternehmen bereiten den Weg für völlig neue Mobilitätskonzepte. Wenn wir mit konkreten Anwendungen belegen, dass die Technologie sicher ist, in den Luftraum integriert werden kann und von der Bevölkerung akzeptiert wird, ist auch der Weg frei, spezielle Lösungen in verschiedenen Branchen anzubieten - immer mit einer gewissen Anpassung. Der Transport von Skifahrern wird aber sicher nicht der erste Anwendungsfall am Markt sein.

Welche technischen Daten müssten solche Drohnen haben?

Die Systeme müssten mehr als zehn Personen sowie Ausrüstung wie Skier und Snowboards transportieren können. Ein Zwei- oder Fünfsitzer wäre nicht rentabel. Parameter wie Flughöhe oder Geschwindigkeit sind für diesen Anwendungsfall nicht so wichtig - eher, dass das Gerät in 3000 oder 4000 Metern Höhe den nötigen Auftrieb zum Fliegen erzeugen kann.

Wo sehen Sie die größten Schwierigkeiten?

Das Komplizierte ist die Integration der Systeme in den Luftraum. Wonach navigieren die Geräte, wer überwacht sie, wie kann ich eingreifen, wenn kein Pilot mehr am Steuer sitzt, wie automatisiere ich den Betrieb, wie reagieren die Geräte auf anderen Luftverkehr? Die größte Herausforderung ist es, den rechtlichen Rahmen zu schaffen, innerhalb dessen sich die Hardware bewegen darf. Die Unternehmen warten derzeit auf die Regularien, und die, die diese aufstellen müssen, auf die Vorschläge der Industrie. So drohen wir im Vergleich zu Ländern wie China den Anschluss zu verlieren.  

Welche Regularien wären für die Flüge im Skigebiet notwendig?

Es muss grundsätzlich erstmal eine Luftrauminfrastruktur für den unbemannten Luftverkehr geschaffen werden. Der Luftraum unter 500 Fuß, also unter 150 Metern, ist für solche Systeme nicht erschlossen. Es braucht auch eine Infrastruktur am Boden: Wo meldet sich das System an, wo kriegt es Startfreigaben, wo wird seine Route verifiziert und wie navigiert es, wenn dort auch ein Rettungshubschrauber unterwegs ist? Es gibt noch keine Navigationslösungen wie bei Fahrzeugen, weil im sehr niedrigen Luftraum ein Vielfaches an Daten verarbeitet werden muss. Die EU hat Grundlagen für einheitliche Rahmenbedingungen und Auflagen in Europa geschaffen, die Umsetzung steht aber noch aus.

Was würde ein Drohneninfrastruktursystem in den Bergen grob geschätzt kosten?   

Da noch keine Fluggeräte speziell für diesen Fall entwickelt sind, würde es mehrere Millionen Euro kosten, so eine Drohne zu konzipieren, zu bauen und anzuschaffen. Der Aufbau der Luftrauminfrastruktur, um das Ganze zu betreiben, läge im zweistelligen Millionenbereich. Insgesamt würde man im mittleren zweistelligen Millionenbereich landen und müsste grob geschätzt vier bis fünf Jahre für das Gesamtprojekt rechnen. Wenn ich ein konkretes Geschäftsszenario dahinter habe, kann ich die Investitionen aber refinanzieren.

Für die Nutzer würden sich die Skipasspreise drastisch verteuern.

Im ersten Schritt ja. Wenn sich das Ganze in die Fläche multiplizieren lässt und ich eine hohe Auslastung der Fluggeräte habe, wird es natürlich irgendwann günstiger. Aber es wird ein Service sein, den sich zumindest anfangs nur wohlhabende Menschen leisten können.

Vor- und Nachteile wären also kurz zusammengefasst ...

Die vorhandene Infrastruktur würde nicht ersetzt. Man könnte exklusivere Gebiete erschließen, ohne durch Gondel- und Liftbauten große Einschnitte in die Landschaft zu machen. Ganz ohne neue Infrastruktur ginge es aber auch mit Drohnen nicht: Ich müsste etwa Start- und Landeplätze einrichten. Da ich den Luftraum nicht unbegrenzt mit Fluggeräten verstopfen kann, würden deutlich weniger Personen transportiert. Ein Aspekt, der oft vernachlässigt wird, ist die Akzeptanz: Ist der Bürger bereit, sich in so ein System zu setzen? Es gibt zwar viele, die technologieaffin sind und das spannend finden. Aber für die große Masse ist es noch eine Blackbox, die nach Utopie klingt - was es aber gar nicht ist.

Mit Andreas Dunsch sprach Nadine Emmerich

Quelle: n-tv.de