Leben
Yislem Sidahmed ist in der Wüste zu Hause.
Yislem Sidahmed ist in der Wüste zu Hause.(Foto: Birgit Raddatz)
Sonntag, 02. Dezember 2018

Unterwegs in der Adrar-Region: Mauretanien will wieder Urlauber anlocken

Von Birgit Raddatz

Im Jahr 2007 töteten Terroristen in der Adrar-Region in Mauretanien vier Touristen. Der Landstrich wurde zur No-Go-Area. Jetzt soll der Tourismus in der Wüste wieder angekurbelt werden. Doch Reisende von der sicheren Lage im Land zu überzeugen, ist nicht leicht.

Lässig lehnt sich Yislem Sidahmed auf der Vorderbank des weißen Toyotas zurück. Für ihn ist die holprige Piste alltäglich. Seit über 16 Jahren führt er Touristen in die Adrar-Wüstenregion im Nordosten von Mauretanien. Vier Stunden lang geht es von der Hauptstadt Nouakchott über befestigte Straße - danach gibt es nur noch Pisten. Mal muss der Pick-Up über steiniges Gebirge, mal das Dromedar durch den weichen Sand. "Ich bin am liebsten in der Wüste", sagt der 37-Jährige, der in der Hauptstadt Nouakchott lebt und seine eigene Reiseagentur hat. Ende Oktober bis weit ins Frühjahr verbringt der Mauretanier in der Adrar-Region. Er schläft - genau wie die Touristen - im Freien unter dem Sternenhimmel Westafrikas oder in einfachen Zelten, lässt sich am Tag den Sandwind um die Ohren wehen und kocht am Abend Hühnchen mit Reis.

Ausblick auf das Adrar-Plateau.
Ausblick auf das Adrar-Plateau.(Foto: Birgit Raddatz )

Wie vielen Touristen Yislem so schon sein Land gezeigt hat, kann er nicht mehr zählen. "Jedes Mal schicken sie mir Fotos, ich habe einen ganzen Karton zu Hause. Als ob ich nicht wüsste, wie die Wüste aussieht", sagt er lachend. Schon bald könnten er und seine Kollegen noch viel mehr Aufträge bekommen. Denn die französische Reiseagentur Point-Voyages bietet seit Mitte Oktober wieder einmal die Woche Direktflüge von Paris in die Wüstenstadt Atar an, 400 Kilometer von Nouakchott entfernt. Auf der Internetseite der Agentur findet sich ein breites Angebot: Zwischen 8 und 15 Tagen Dromedarreiten, Oasen, Dattelpalmen und weiße Dünen. Wer möchte, kann mit einem Zug quer durch die Sahara fahren. Bei der Reiseagentur zeigt man sich jedoch enttäuscht über die geringe Nachfrage: "Unser erster Direktflug in dieser Saison ist nur zu knapp 70 Prozent ausgelastet, deshalb müssen wir doch über Nouakchott fliegen", so eine Sprecherin gegenüber n-tv.de.

Der Kampf gegen den Terror geht weiter

Ein möglicher Grund könnte sein, dass europäische Sicherheitsbehörden noch bis vor Kurzem davor warnten, in die Adrar-Region zu reisen. 2007 töteten hier Attentäter vier französische Touristen und verletzten einen Menschen schwer. Die mauretanische Regierung machte die Terrorgruppe Al-Kaida für die Attacke verantwortlich. Die Folge: Das Gebiet wurde zur einer No-Go-Area für Europäer, der Flughafen von Atar geschlossen. Kamen im Jahr 2000 noch fast 14.000 Touristen, vor allem aus Frankreich, brachen die Zahlen kurz nach dem Attentat um die Hälfte ein. 2008 sagten die Behörden dann auch noch die beliebte Auto-Ralley zwischen Paris und der senegalesischen Hauptstadt Dakar, die auch durch Mauretanien führt, wegen akuter Terrorgefahr ab.

Chinguetti Minarett
Chinguetti Minarett(Foto: Birgit Raddatz )

Mittlerweile haben die französischen Behörden die Sicherheitsstufe für die Region gelockert, von Rot auf Orange. Von Reisen in die Region wird zwar immer noch abgeraten. Trotzdem kommen jetzt wieder mehr Touristen - vor allem in die Adrar-Region. Der Reiseführer Yislem ist hier aufgewachsen und in Atar zur Schule gegangen. So lange er sich erinnern kann, gab es dort auch immer Europäer. "Für die Menschen hier bedeutet das massive Einbußen. Viele leben ausschließlich vom Tourismus." Und tatsächlich: Sobald wir auf unserer Reise für eine kleine Pause anhalten, sind sie schon da: Die Frauen mit ihrem Perlenschmuck, den bunten Batiktüchern und den kleinen Holzschachteln, die sie zum Verkauf anbieten. Dafür nehmen sie auch immer einige Kilometer durch die glühende Hitze in Kauf.

Das Land hat nur rund vier Millionen Einwohner und liegt zwischen dem Senegal, der Westsahara und dem von Krieg gebeutelten Mali. Seit Ende 2011 hat es in Mauretanien keine Attentate mehr gegeben. Und trotzdem ist die Sicherheitslage weiterhin angespannt. Nicht zuletzt, weil Mauretanien zusammen mit Niger, dem Tschad, Mali und Burkina Faso dem Terrorismus vom Al-Quaida-Ableger Boko Haram den Kampf angesagt hat. Auf der Sahel-Konferenz im Februar sicherte die EU dafür über 400 Millionen Euro zu. Für Kadi Mehdi von der Vermittlerreiseagentur Mauritanides-voyages ist 2018 eine "Test-Saison". Dem Onlinemagzin Gulf News sagte er Anfang des Jahres: "Die größte Herausforderung für die Tourismusbranche ist, zu beweisen, dass das Land sicher ist."

Chinguetti - eine heilige Stadt

In der Region hoffen die meisten, bald wieder unbeschwert Touristen empfangen zu können. Denn sie haben einiges zu bieten. Die Wüstenstadt Chinguetti, 70 Kilometer von Atar entfernt auf dem Adrar-Plateau, wird gern als die siebtheiligste Stadt des Islams bezeichnet. Wahrscheinlich im 11. Jahrhundert von Berbern gegründet, gilt sie immer noch als Zentrum des Salzhandels in der Region. Heute ist sie fast vollständig zerstört. Trotzdem beherbergt sie ein Minarett und eine Bibliothek, in der sich einige der wichtigsten mittelalterlichen Manuskripte Westafrikas finden.

Die Terjit Oase bietet ein wenig Abkühlung.
Die Terjit Oase bietet ein wenig Abkühlung.(Foto: Yislem Sidahmed)

Bewacht werden diese Manuskripte von Seiv. Der Maure in dem traditionellen Gewand, das Bubu genannt wird, ist vor allem stolz auf die Sicherung der Bibliothekstüren. Ein Stück Holz dient als Schlüssel. Es ist eine einfache Mechanik und doch für uns Europäer gar nicht so leicht zu bedienen. Hinter den Türen verbergen sich Unmengen an Kartons - sie sollen die Bücher vor Staub und Parasiten schützen. "Die Unesco hat uns immer wieder versprochen, dieses Erbe zu schützen und uns zu unterstützen. Darauf warten wir immer noch", bedauert er.

Von Chinguetti geht es in zwei Stunden in die historische Oase Terjit, die früher für religiöse Zeremonien genutzt wurde. Heute übernachten Touristen dort in Zelten und schwimmen in großen Steinbecken im Quellwasser. Über Jahrhunderte gewachsene Dattelpalmen spenden Schatten, denn im Sommer kann es hier schon einmal bis zu 40 Grad heiß werden.

Die beeindruckende Düne Azuega.
Die beeindruckende Düne Azuega.(Foto: Birgit Raddatz)

Durch das sogenannte "Weiße Tal" führt nun nur noch die steinige Piste nach oben auf das Plateau. Von dort fällt der Blick auf gigantische, fast schwarze Bergklippen, die an die Rücken der Dromedare erinnern. Den Abschluss der Reise erleben wir an der Düne Azuega, an deren Fuß wir unser letztes Lager aufschlagen. Der Sand hier ist so fein, dass er durch die Hände rieselt. Bis auf ein paar vereinzelte Dromedar-Karawanen kommt hier niemand vorbei.

Es ist die Sahara, von der bereits der französische Autor Antoine de Saint-Exupéry schwärmte, als er in Nouakchott notlanden musste. In seinem Roman Südkurier schreibt er: "Gleich auf meinem ersten Fluge sollte ich erfahren, was Wüste heißt. (…) Diese winzige Festung in Mauretanien war damals so einsam und fern von allem Leben wie eine Insel im Weltmeer."

Quelle: n-tv.de