Leben

Debatte um "unnütze" Frauen Was die Gesellschaft mit Wechseljahren zu tun hat

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Frauen mit Hitzewallungen stehen heute mitten im Leben.

(Foto: imago images/ingimage)

Die allmonatliche Menstruation ist für viele Frauen belastend, aber auch das Ende der Blutungen hat es in sich. Denn mit den Wechseljahren gehen zahlreiche körperliche Symptome einher. Das ist weit mehr als ein individuelles Problem.

Herzbeschwerden, Schlaflosigkeit, Schwindel, Hautausschlag, Haarausfall - bei diesen Beschwerden geht vermutlich jeder zum Arzt und macht sich ernsthafte Sorgen um die eigene Gesundheit. Hat diese Beschwerden eine Frau um die 50, erlöschen sowohl das medizinische Interesse als auch das Mitgefühl sofort. Denn all das sind auch typische Symptome, die in der Perimenopause auftreten, wenn die Fruchtbarkeit einer Frau langsam nachlässt und schließlich endet.

Aber schon beim Begriff Perimenopause zucken viele Frauen die Achseln, denn selbst ihnen sind die Wechseljahre oder das Klimakterium, wie es bisher oft hieß, ein Rätsel. So ging es auch Miriam Stein, als sie mit Anfang 40 immer schlechter schlief, sich zunehmend gereizt fühlte und dann auch noch Hautausschlag bekam. Statt nach der Baby- und Kleinkindzeit ihres Sohnes fröhlich und gelassen durch ein paar unbeschwerte Jahre zu gehen, setzte ihr Körper weniger regelmäßig Eizellen frei und bescherte ihr damit nicht nur kürzere und unregelmäßigere Menstruationszyklen, sondern auch jede Menge unangenehmer Erfahrungen.

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Inzwischen weiß sie, dass die Perimenopause die Übergangszeit um die Menopause herum ist, jenen einen Tag, nach dem die Periode einer Frau endgültig ausbleibt. Und Stein hat ein Buch geschrieben. Das Buch, das sie gern gelesen hätte, wenn sie nachts nassgeschwitzt aufwachte und sich Sorgen um ihre seelische Gesundheit machte. "Die gereizte Frau" heißt das Buch, Untertitel: "Was unsere Gesellschaft mit meinen Wechseljahren zu tun hat".

Verachtung und Scham

Heute ist Stein überzeugt, dass im Umgang mit den Wechseljahren tief verinnerlichte patriarchale Bilder wirken. "Das ist ein ganz altes Bild, das Frauen auf ihre Fortpflanzungsfähigkeit reduziert", sagt die Autorin ntv.de. Die Gebärmutter sei schon bei griechischen Ärzten und Philosophen ein leidenschaftlich diskutiertes Thema gewesen. "Der Wert der Frauen beschränkte sich darauf, dass sie Kinder bekamen. Und hörte das auf, gab es keinen Wert mehr für Frauen." Daran habe sich bis heute wenig geändert.

Dabei ist ansonsten einiges anders im Leben einer Frau im 21. Jahrhundert, sie bekommt früh im Leben Kinder oder spät oder überhaupt nicht, sie ist berufstätig oder kümmert sich in Voll- oder Teilzeit um die Familie, vor allem aber hat sie nach ihrer letzten Blutung im Durchschnitt noch sehr viele Lebensjahre vor sich. Und in diesen Jahren fühlen sich viele Frauen nicht mehr sehr weiblich, schämen sich ihrer Schlaflosigkeit, ihrer Glutattacken und ihres sich verändernden Körpers.

Selbst Frauen zwischen 40 und 60 sprechen untereinander kaum über das, was sie mehr oder weniger alle erleben. Dabei zeigt die Forschung, dass nur etwa ein Drittel kaum Perimenopausenbeschwerden hat, bei einem weiteren Drittel sind die Beschwerden moderat, bei einem weiteren Drittel erheblich. Zwei von drei Frauen wissen also theoretisch, wovon die Rede ist, praktisch kann das allerdings auch ganz anders aussehen. Denn nur wenige finden in ihrem Frauenarzt oder ihrer Frauenärztin ein Gegenüber, das bereit ist, sich damit zu beschäftigen. Das liegt unter anderem daran, dass solche Gespräche gar nicht so leicht abzurechnen sind. Nach intensiver Nachfrage fand Stein heraus, dass es sehr wohl eine Abrechnungsnummer der Krankenkassen für perimenopausale Beschwerden gibt, aber nicht, welche Bezahlung Ärztinnen und Ärzte bekommen.

Stiefkind der Medizin

Doch die Wechseljahre jeder Frau sind anders, ihre möglichen Symptome auch, und so gibt es eigentlich keine Alternative zur ausführlichen individuellen Beratung. Stein beispielsweise schlief schlecht und war dadurch auch tagsüber ständig müde. "Ich hatte immer ein wahnsinnig gutes Gedächtnis, das wurde nun etwas neblig. Dann hatte ich eine seltsame Gereiztheit, die ich von mir gar nicht kannte", erzählt sie. "Und ich bekam ganz schlimm Ausschlag, mir war schwindlig. Meine Lebensqualität und meine Arbeitsfähigkeit waren wirklich eingeschränkt."

Das geht durchaus einigen Frauen so, doch auch Mütter und Großmütter sind zu dem Thema nicht besonders auskunftsfreudig. Für sie waren diese Themen vermutlich noch stärker tabuisiert, als es inzwischen der Fall ist. Dass sie tatsächlich damit kaum zu tun hatten, ist eher unwahrscheinlich. Steins Adoptivmutter entwickelte in dem fraglichen Alter eine schwere Angststörung. "Ich frage mich heute, inwiefern das vielleicht mit der Menopause zusammenhing", meint die 45-Jährige. Die Mutter einer Freundin versuchte, ihre Schlafprobleme mit Alkohol zu bekämpfen, und rutschte in eine Suchterkrankung. "Ich könnte mir vorstellen, dass das nicht die einzigen Mütter waren, die in dieser Zeit Symptomatiken entwickelt haben, die man heute als Depression bezeichnen würde", sagt Stein.

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Miriam Stein war plötzlich gereizt und fand gute Gründe dafür.

Wissenschaftliche Forschung zu diesem speziellen Bereich der Frauengesundheit ist allerdings rar. In ihrem viel beachteten Buch "Unsichtbare Frauen" über den Gender-Data-Gap spricht Caroline Criado-Perez davon, dass der männliche Körper noch immer als das von Frauen unerreichte Ideal angesehen wird. Umfragen aus den Niederlanden und den USA zeigen, dass selbst medizinische Studiengänge und Kurse sich kaum mit "Frauengesundheit" beschäftigen. Inzwischen ist besser untersucht, wie sich der Genuss von Grapefruit auf die Wirkung bestimmter Medikamente auswirkt, als dass in Studien verschiedene Hormonpegel bei Frauen erforscht werden. "Es ist ganz wichtig, dass sich da die Versorgungs- und Forschungslage verbessert", meint deshalb auch Stein. Bislang versteckten sich beispielsweise Forschungen zur Menopause in Projekten, die sich mit demenziellen Erkrankungen beschäftigen.

Von den Walen lernen

Die Autorin spitzt ihre Einschätzung polemisch noch zu, denn man müsse angesichts dieser Lage sagen, die "Medizin sieht Frauen nicht mehr unbedingt als erhaltungs- und erforschungswürdiges Wesen". In einer alternden Gesellschaft, der es an Fachkräften mangelt, könne man aber auf die älter werdenden Frauen nicht länger verzichten. "Das wird Chefs betreffen, Politiker, Ehemänner. Das ist ein gesellschaftliches und kein privates Thema."

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Außer Menschen gehen übrigens nur wenige weitere Säugetierarten durch die Menopause - bestimmte Walarten und zwei Elefantenarten. Ein menopausales Walweibchen führt dann beispielsweise die Herde an. Mit dem Verlust der Fruchtbarkeit ist also ein sozialer Aufstieg verbunden. Stein findet das nur logisch: "Sie sind nicht mehr mit der Aufzucht von Jungen beschäftigt, sie sind erfahren und sie sind tolle Anführerinnen. Davon kann man lernen." In einigen Kulturen in Asien und Afrika sei das auch so, wenn durch das Ende der Menstruation die damit verbundene Unreinheit wegfällt.

Stein hat ihre eigenen Symptome inzwischen gut im Griff und stellt nach der Transformation an sich eine neue Radikalität und Kampfbereitschaft fest, die sie bisher nicht hatte. Nachts, wenn sie wachliegt, träumt sie von Patisseriekursen und Auslandsaufenthalten. "Warum können wir nicht in unseren 40ern oder 50ern wüst, wild und abenteuerlich darüber fantasieren, was wir mit 60, 70 oder 80 machen wollen. Das finde ich einen schönen Gedanken."

(Dieser Artikel wurde am Sonntag, 12. Juni 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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