Leben

Hat alles einen Sinn? So gelingt es, die Vergangenheit loszulassen

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Loslassen ist oft schwer, aber es lohnt sich.

(Foto: imago/Westend61)

"Lass doch endlich los" - solche und ähnliche Ratschläge hört man oft. Und natürlich ist es besser, die Vergangenheit loszulassen, denn sie lässt sich nicht mehr ändern. Doch wie das geht, sagt einem keiner.

Eine Trennung, permanente Schuldgefühle oder eine schreckliche Kindheit: Es gibt viele Gründe, weshalb die Vergangenheit einen nicht mehr loslässt. Die Gedanken kreisen permanent um das Geschehene, doch weiter kommt man damit nicht. Was vorbei ist, ist nun mal vorbei und alles Grübeln oder Schwelgen in Erinnerungen ändert daran nichts.

Dr. Eva Wlodarek ist Diplom-Psychologin und Coach. Ihre Ratgeber-Bücher sind Bestseller und wurden in 8 Sprachen übersetzt.

Dr. Eva Wlodarek ist Diplom-Psychologin und Coach. Ihre Ratgeber-Bücher sind Bestseller und wurden in viele Sprachen übersetzt.

Vergangenheit aber bedeutet Identität, weiß die Psychologin und Autorin Dr. Eva Wlodarek: "Was wir denken und wie wir uns verhalten, haben wir in der Vergangenheit gelernt. Sie hat uns zu dem gemacht, was wir sind", sagt sie im Gespräch mit ntv.de. Genau deswegen haben viele Menschen regelrecht Angst, die Vergangenheit abzuhaken, denn dann bleiben nur noch die Gegenwart und die Zukunft. Wer jedoch belastende Ereignisse nicht loslassen kann oder an der Vergangenheit festhält, weil "früher ja alles besser war", wird ebenso nicht glücklich: "Wenn man nicht loslässt, ist man nicht mehr offen für neue Erfahrungen und andere Menschen. Man sitzt sozusagen im Gefängnis seiner Vergangenheit", warnt Wlodarek. Das kann zu Schlafstörungen, andauerndem Grübeln, Minderwertigkeitsgefühlen und im schlimmsten Fall sogar zu psychischen Problemen wie Depressionen oder Suchtverhalten führen.

Innere Blockaden verhindern das Loslassen

Um loszulassen, muss man sich erst einmal aktiv dafür entscheiden. An dieser Stelle scheitert es bei vielen Menschen bereits. Selbst wenn der Wunsch loslassen zu können da ist, hält man doch an dem Vergangenem fest - oft aus Angst vor der klaffenden Lücke, die dann womöglich entstehen könnte. Deshalb darf man sich erst einmal fragen, welche negativen Auswirkungen es auf das eigene Leben hat, wenn man das entsprechende Ereignis nicht loslässt. Das sollte am besten schriftlich geschehen, damit man sich diese Liste immer einmal wieder anschauen kann.

Zum Beispiel führt das Denken an eine vergangene Kränkung dazu, dass Gefühle von Minderwertigkeit oder Groll und Wut die Gegenwart beherrschen. Zeitgleich sollten auch eventuelle Befürchtungen in Bezug auf das Loslassen notiert und hinterfragt werden. Stimmt es wirklich, dass ich keinen Partner mehr finde, wenn ich den alten endgültig gehen lasse? Zudem ist es wichtig, sich zu motivieren, indem man sich klarmacht, welche positiven Auswirkungen das Loslassen hat. Man ist beispielsweise wieder offen für neue Erfahrungen, frei im Geist oder kann eine neue Liebesbeziehung eingehen. Der Schlüssel zum Seelenfrieden ist schließlich die Akzeptanz dessen, was geschehen ist. Das Leben ist wie ein Fluss, denn es ändert sich fortlaufend. Die Veränderung ist das einzig Beständige im Leben.

Manchen Menschen hilft auch der Gedanke, dass nichts ohne Grund im Leben geschieht und alles einen Sinn hat. Davon ist auch Wlodarek überzeugt: "Die Vergangenheit sehe ich als ein intensives Entwicklungsprogramm, das man mit in die Zukunft nimmt. Es gibt immer etwas, was wir aus ihr lernen können", sagt sie. Wer als Kind gemobbt wurde, wird vielleicht erkannt haben, dass er sein Selbstwertgefühl stärken muss. Menschen, die eine schwere Krankheit überstanden haben, wissen das Leben anschließend oft viel mehr zu schätzen. Der Verlust einer wichtigen Bezugsperson kann einem zeigen, dass die verbliebenen Familienmitglieder und Freunde keineswegs selbstverständlich sind. So kann die gemeinsame Trauer auch zu verstärkten Bindungen führen.

Gefühle nicht verdrängen

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Ein fester Bestandteil dieses Prozesses ist es, die eigenen Gefühle in Bezug auf die Vergangenheit nicht zu verdrängen. Wer nach einem Schicksalsschlag von sich erwartet, zeitnah wieder zu funktionieren und die Sache abzuhaken, wird damit scheitern. Die unterdrückten Emotionen werden immer wieder unterschwellig echte Freude am Leben verhindern und so auch das Loslassen blockieren. Deswegen ist es wichtig, den Schmerz, die Trauer, Wut und andere negative Gefühle erst einmal zuzulassen.

Das gilt auch für schlechte Ereignisse in der Kindheit, die man bis heute noch nicht verarbeitet hat. Wenn die Vergangenheit sehr belastend war, sollte man sich professionelle Hilfe holen: "Es gibt einige Dinge, die man alleine schwer bewältigen kann. Dazu zähle ich zum Beispiel schweren emotionalen oder sexuellen Missbrauch. Das sollte man in einer Traumatherapie aufarbeiten", sagt die Psychologin. Schafft man es trotz aller Versuche nicht, das Gedankenkreisen und Grübeln um vergangene Ereignisse sein zu lassen, kann eine Psychotherapie ebenso helfen.

Quelle: ntv.de