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In Vino Verena Stock im Hintern? Die Kamelposition hilft

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Sieht unbequem aus, soll aber Blockaden lösen: Die Kamelposition.

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Alle reden über Sex. Ohne Sex ist meistens tote Hose. Für unsere Autorin wurde das kleine Wörtchen mit den drei Buchstaben plötzlich übermächtig. Wie sie den Stock aus dem Hintern bekam, erfahren Sie hier.

Seit Tagen dieses gleißende Licht da draußen, furchtbar! Ich soll bei diesem Licht allen Ernstes joggen gehen, dabei ist mir jetzt absolut nicht nach sportlicher Betätigung. Wie jeden Freitag bin ich mit meiner Freundin Tina im nahegelegenen Stadtwald verabredet. Okay, im Wald ist es nicht ganz so widerlich hell, versuche ich mich aufzuraffen - und klar, ich könnte eine Sonnenbrille aufsetzen, aber auf die Idee komme ich in meinem Zustand erst gar nicht.

Während ich gerade sehr, sehr larmoyant auf meiner Couch sitze und überlege, wie ich Tina am besten absage, fällt das Sonnenlicht erbarmungslos durch meine Fenster. Unglaublich, wie mistig die Scheiben sind! Was mache ich eigentlich den ganzen Tag? Schwerfällig erhebe ich mich, um die Vorhänge zuzuziehen und mich der aufdringlichen Natur vor meinem Fenster weniger ausgeliefert zu fühlen. Egal, wie ich sie ziehe, immer fehlt ein Stück. Ich überlege, beim nächsten Ikea-Besuch einfach einen dritten Store mitgehen zu lassen - allein schon aus Protest, dass diese Verbrecher einem so etwas Mickriges andrehen. Untenrum immer zu lang, in der Breite immer zu knapp.

Die Absicht notiere ich im Terminplan unter: Dringend erledigen. Wie die Kolumne, die ich schreiben soll.

Eine Sexkolumne.

Ich.

Über SEX.

Es heißt, eine Sexkolumne zu schreiben sei bei der Mannigfaltigkeit an Themen heutzutage recht profan. Stimmt nicht! Alles Lüge, lassen Sie sich bloß nichts erzählen! Diejenigen, die am lautesten die Gusche aufreißen, möchten mich bitte umgehend kontaktieren. Ich fühle mich nämlich von diesem kleinen Wörtchen gerade nicht nur in die Enge gedrängt, sondern regelrecht schachmatt gesetzt. Nie hätte ich gedacht, dass mich die Sex-Chose so fix und foxi macht, alles an diesem kleinen Wort fühlt sich auf einmal so groß an, so mächtig und bedeutungsvoll - das ganze Leben steckt in diesen drei Buchstaben, in diesen drei besch ... (nein, ich fluche nicht, ich werde hier jetzt auf keinen Fall auch noch anfangen zu fluchen).

Kontaktiert mich! Fragt mich! Gebt mir Tiernamen!

Warum ausgerechnet mir die Ehre einer Sexkolumne zuteil wird, obwohl ich weder eine heiße 21-jährige Mieze aus Oslo noch sonstwie erikabergermäßig am Start bin? Ich sage es Ihnen. Ich habe neulich ein TV-Format über Singles verwurstet, die sich im Fernsehen freiwillig nackig machen und ihre gepiercten Klingelbeutel und Schmuckdosen in Schaufenstern feilbieten. Wenn man sich nämlich ganz leicht einen eingelötet hat, macht es verdammt Lunte, Leuten zuzuschauen, die sich wie Tierchen auf freier Wildbahn gegenseitig am Hintern und den Geschlechtsteilen beschnuppern und dann entscheiden: 'Jawoll ja, deine Mumu sieht sehr fetzig aus. Wollen wir was unternehmen?' Und dann geht man meistens zusammen saufen.

Und so kam es, dass die liebe Redakteurin von "n-tv.de Leben" mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, eine Sexkolumne zu schreiben und ich sagte: Na logo! Her mit der Sexkolumne! Hier spricht Ihre persönliche Sexpertin. Kontaktiert mich! Fragt mich! Gebt mir Tiernamen!

Aber, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, Lust ist das eine, doch sie hat mit der Schreiberei oft nichts gemein. Die Schreiberei nämlich ist ganz oft alles andere als lustig, ein innerer Kampf, den der Autor jeden Tag aufs Neue mit sich selbst ausficht und den er, sobald er versucht, ihn auch nur im Ansatz durch List und Tücke zu gewinnen, immer verliert. Und elendiglich bestraft wird. Schrecklich, dieser Stock im Hintern! Ich überlege, einfach drauf loszupimpern. (SMS an den Mann: Klausi, bitte komm heim - SOFORT!)

Ich möchte der Redakteurin nicht absagen, aber ich muss irgendwie Zeit schinden. Ich könnte sagen, dass ich flachliege oder beim Putzen meiner dreckigen Scheiben aus dem Fenster gefallen bin. Die Vorstellung tröstet mich gerade ein bisschen. Okay, es ist gelogen, aber ich kann ja schlecht sagen: Hey, meine Ehrfurcht, über Sex zu schreiben, macht mich gerade ganz klemmi. Meine Hände schwitzen. Ich hasse schwitzende Hände. Ich kann mich mit schwitzenden Händen nicht konzentrieren. Waschen bringt nix, die Buchstaben S, E und X auf meiner Tastatur sind schon halb weggeätzt vom ollen Schweiß. Zu meinen Füßen liegt sicherheitshalber ein Handtuch. Sie baumeln übers Sofaende. Quasi zum Trocknen.

Zur Deadline plagt mich inzwischen auch die Sorge, mein Schweiß könnte sich irgendwie durch die Dielen meiner Altbaubude fressen und durch die Decke des Nachbarn unter mir suppen. Ein Leben lang würde ich ihm von Scham durchpulst im Treppenhaus begegnen! Obwohl: Ich könnte sagen, das war Katzenpisse. Meine Katze ist blind und sehr verschnupft und trägt Windeln.

"Hier erfährst du alles über Sex"

Ich gebe Sex bei Google ein und werde fast erschlagen. "Sex in der Steinzeit", "Sex mit der Lehrerin", "Sex mit dem Ex", "So macht Sex Spaß", "Hier erfährst du alles über Sex", "Mit der Kamelposition zu besserem Sex". Wie bitte? Erstmal Bilder von der Kamelposition anschauen. Ich rede mir ein, beim Anblick der Fotos leichten Aufwind zu verspüren. Ja, die Kamelposition hat was. Sie befreit mich bestimmt von meinem Muffensausen, so eine kleine popelige Sexkolumne zu vergeigen und vom Hof gejagt zu werden. Weil heutzutage ja gefühlt jeder schon mal über Sex geschrieben hat. Und über Sex redet. Und sich mit Sex meint auszukennen. Weil Sex auch ganz viele Klicks bringt. Nur bei mir will es nicht Klick machen - so eine Unverschämtheit! Verklickt und zugenäht.

Ich werfe einen Blick auf das Handtuch am Sofaende und denke über dessen Saugfähigkeit nach. Die Mail an meine Redakteurin ist gerade fertig, als mein Handy klingelt. Es ist Tina, die fragt, wo ich verdammt nochmal bleibe. Sie müsse mir dringend was erzählen. Sie gluckst. Das macht sie eher selten, deswegen muss irgendwas passiert sein. Stichworte wie: Staubwedel-Sex und Kellnerin-Schürze fallen. Ich ziehe die Vorhänge auf und mich an.

Staubwedel-Sex. Das klingt gut, finde ich - so nach Aufbruch! Meine Hände fühlen sich jetzt trockener und warm an. Ich jogge Tina im gleißenden Sonnenlicht entgegen. Trillionen kleinster Partikel tanzen sich in der eisigen Atmosphäre warm. Wenn Tina gleich vom Staubwedel-Sex erzählt, werde ich ein paar Dehnungsübungen machen. Aller Anfang ist eine akkurat ausgeführte Kamelposition. Ich bin bereit.

In den nächsten Kolumnen:

Warum Männer gern mit Staubwedeln verdroschen werden und eine wissenschaftliche Abhandlung der Frage eines Unternehmers: "Hallo verehrte Lady, ich bin Sklave und würde gern von Ihnen ausgelacht werden. Dürfte ich Ihnen als Zeichen meiner Unterwerfung einen Amazon-Gutschein zukommen lassen?"

Quelle: n-tv.de

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