Leben

Das Feld der Psychokardiologie Wie die Psyche das Herz beeinflusst

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Auch Depressionen gefährden die Herzgesundheit.

(Foto: imago images/Panthermedia)

Wie gesund das Herz eines Menschen ist, kann er zum Teil selbst beeinflussen. Dabei sollte auch die seelische Gesundheit nicht außen vor gelassen werden. Insbesondere Depressionen können dem Herz schaden und eine bereits vorhandene Herzkrankheit sogar verschlimmern.

Laut Robert-Koch-Institut sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen für 40 Prozent der Sterbefälle in Deutschland verantwortlich und damit die häufigste Todesursache. Schuld daran sind vor allem die koronare Herzkrankheit, Schlaganfälle und auch Herzinfarkte. Neben bekannten Risikofaktoren wie Rauchen, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Bewegungsmangel oder ungesunder Ernährung erhöhen offenbar auch negative Emotionen und vermehrter Stress das Risiko für Herzprobleme.

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Die Psychokardiologie befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen Psyche und Herzerkrankungen. Mittlerweile verfügen erste Krankenhäuser über eine eigene psychokardiologische Station, auf der die Patienten gleichzeitig von Herzspezialisten und Psychosomatikern betreut werden.

Depressionen starker Risikofaktor für Herzinfarkt

Prof. Dr. Volker Köllner ist Chefarzt der Abteilung Verhaltenstherapie und Psychosomatik und ärztlicher Direktor am Rehazentrum Seehof der DRV. In seinem gemeinsam mit dem Kardiologen Eike Langheim und der Bewegungstherapeutin Judit Kleinschmidt geschriebenen Buch "Mein Herz + meine Seele: Das Zusammenspiel von Psyche und Herz: Spannende Einblicke in die Psychokardiologie" schreibt er unter anderem darüber, wie sehr Depressionen die Herzgesundheit gefährden können. "Wir wissen, dass Depressionen ein starker Risikofaktor dafür sind, einen Herzinfarkt zu kriegen. Bei der Depression haben wir eine verminderte Herzratenvariabilität. Diese ist bei Menschen mit Depression und bei Menschen mit schweren Herzerkrankungen gleichermaßen eingeschränkt. Das ist mit einer schlechten Prognose verknüpft", sagt er im Interview mit ntv.de.

Weiterhin neigen depressive Menschen häufig dazu, sich zu isolieren, sich weniger zu bewegen, mehr zu rauchen und ungesünder zu essen. All dies trägt laut Köllner dazu bei, dass das Risiko für Herzkrankheiten und Herzinfarkte steigt. Dasselbe gilt übrigens auch für Menschen, die aufgrund eines Traumas unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Auch hier ist die Selbstfürsorge oft schlechter. Dazu kommt auch noch der permanente psychische Stress, der auf Dauer ebenso schlecht fürs Herz ist.

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Prof. Dr. Volker Köllner ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und behandelt Patienten mit kardiologischen Erkrankungen aufgrund psychischer Belastungen im Rehazentrum Seehof der DRV in Teltow bei Berlin.

Köllner zufolge ist es daher für diese Menschen sehr wichtig, sich frühzeitig in professionelle Behandlung zu begeben. "Wenn die Depression erfolgreich behandelt wird, ist die Herzratenvariabilität wieder normal", beruhigt er und ermahnt aber gleichzeitig zu schnellem Handeln: "Wenn man sich zu spät Hilfe holt, chronifiziert sich die Erkrankung und ist schwerer zu behandeln". Die Notwendigkeit einer psychotherapeutischen Betreuung ist aber auch dann gegeben, wenn man bereits eine Herzerkrankung hat oder ein herzbezogenes Ereignis wie eine Wiederbelebung erlebt hat und darunter psychisch (immer noch) leidet. Denn auch das ist keine Seltenheit.

Aber wie sieht das eigentlich bei Ängsten und Panikattacken aus? Bei diesen kommt es natürlich sehr oft zu Herzklopfen oder gar Herzrasen, was vielen Betroffenen Angst macht. Hier kann der Psychosomatiker beruhigen: "Die Herzfrequenzanstiege sind bei Angst nicht stärker, als wenn man Treppen steigt oder Sport macht. Das fühlt sich nur so dramatisch an, weil die Angst ja meistens in Ruhe kommt. Die einzelne Angstattacke ist für das Herz nicht gefährlich." Allerdings gibt es viele Statistiken, die eine vermeintliche Korrelation zwischen Angsterkrankungen und Herzkrankheiten anzeigen. Köllner zufolge wird dieser Zusammenhang jedoch durch Depressionen vermittelt, die sehr häufig mit Angsterkrankungen einhergehen.

Mit gebrochenem Herzen auf der Intensivstation

Wie sehr die Psyche das Herz wirklich beeinflusst, lässt sich anhand des Broken-Heart-Syndroms, auch Tako-Tsubo-Kardiomyopathie genannt, sehr eindrucksvoll feststellen. Es tritt nach enorm belastenden Lebensereignissen wie einer Trennung, einem unerwarteten Todesfall oder einem Jobverlust auf. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, was vermutlich am erhöhten Östrogenspiegel im Blut liegt. Bei der Tako-Tsubo-Kardiomyopathie verändert sich die linke Herzkammer durch den stressbedingten Adrenalinschub so, sodass sie auf dem Röntgenbild an eine tönerne Tintenfischfalle (Tako Tsubo) erinnert. "Wir denken heute, dass es eine Herzmuskelschwäche durch viele Stresshormone ist", erklärt Köllner.

Die Symptome sind ähnlich denen eines Herzinfarktes. Die Betroffenen leiden unter anderem an Schweißausbrüchen, Herzrasen, einem Engegefühl im Brustkorb und Brustschmerzen. Dieser "Scheininfarkt" ist keineswegs auf die leichte Schulter zu nehmen. Die Patienten müssen oft sogar auf der Intensivstation behandelt werden, da Herzrisse und gefährliche Herzrhythmusstörungen drohen. Jeder 20. Betroffene verstirbt sogar am Broken-Heart-Syndrom. Die Pumpleistung des Herzens wird dabei so beeinträchtigt, dass es zu einem Herzstillstand kommen kann. Ist diese akute Phase jedoch ohne Komplikationen überstanden, kann der Patient meist beruhigt sein: "Weil kein Gefäßverschluss vorhanden ist, erholt sich das Herz in der Regel vollständig wieder davon", betont der Arzt.

Was tut dem Herzen gut?

Ein gesunder Lebensstil kann dazu beitragen, das Risiko für Herzkrankheiten und Herzinfarkte zu senken. Er hilft auch Herzkranken dabei, besser mit der Krankheit umzugehen und sich weniger von ihr eingeschränkt und belastet zu fühlen. Dabei ist es nicht nur wichtig, nicht zu rauchen, sondern sich auch regelmäßig zu bewegen. "Wir können unsere Gefäße mit regelmäßigem Ausdauertraining, das drei- bis viermal die Woche 45 Minuten lang durchgeführt wird, schützen" sagt Köllner. Außerdem reduziert regelmäßiger Sport das Risiko, an Depressionen und Angsterkrankungen zu leiden. Wer bereits betroffen ist, kann ebenso profitieren: "Regelmäßiges Ausdauertraining ist genauso effektiv wie ein Antidepressivum", betont der Psychosomatiker.

Die Empfehlung zu mehr Bewegung gilt auch für Menschen, die bereits Probleme mit dem Herzen haben, wie er weiter ausführt: "Beim Auto denken wir, es geht schneller kaputt, wenn wir es benutzen. Beim Körper ist es umgekehrt. Wenn man ihn nicht benutzt, dann geht er kaputt. Es gibt Herzsportgruppen für Herzkranke und schwer Herzkranke, bei denen zur Sicherheit ein Arzt und ein Bewegungstherapeut dabei sind."

Weiterhin ist es für ein gesundes Herz besonders wichtig, richtig zu essen. Hierzu eignet sich dem Arzt zufolge besonders die mediterrane Küche. Sie setzt neben viel Obst, Gemüse, Fisch und Getreideprodukten vor allem auf pflanzliche Fette, wie sie etwa in Olivenöl oder Nüssen enthalten sind. Die wertvollen Omega-3-Fettsäuren schützen das Herz und senken den Cholesterinspiegel. Fleisch stellt bei dieser Kost dagegen eher die Ausnahme als die Regel dar. Auch stark verarbeitete Fertiggerichte und Fast Food sowie zu viel Zucker sollte man seinem Herzen zuliebe vom Speiseplan verbannen. Wer außerdem stabile soziale Beziehung hat, ist nicht nur glücklicher als einsame Menschen, sondern erholt sich Köllner zufolge sogar schneller wieder von einem Herzinfarkt.

Weiterhin ist es wichtig, möglichst Stress zu vermeiden und sich gezielt zu entspannen. Das gilt vor allem für Workaholics. Denn wer mehr als 50 Arbeitsstunden pro Woche macht, erhöht statistisch gesehen sein Herzinfarktrisiko. Auch psychische Belastungen am Arbeitsplatz wie Mobbing oder kaum vorhandene Kontrollmöglichkeiten können sich auf Dauer negativ auf die Herzgesundheit auswirken. Deswegen ist es so wichtig, frühzeitig Probleme anzusprechen und - wenn diese sich nicht lösen lassen - über einen Jobwechsel nachzudenken. "Machen Sie nicht so viele Überstunden und suchen Sie sich einen Betrieb, der wertschätzend mit seinen Mitarbeitern umgeht und Sie mit einbezieht in Entscheidungen", empfiehlt Köllner.

Quelle: ntv.de

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