Leben

Cats Karma Mallorca Wie eine Tierschutzorganisation Opfer von Hass im Netz wurde

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Sina Hoffmann kümmert sich um Mallorcas Straßenkatzen.

(Foto: Nele Bendgens, "Mallorca Zeitung" )

Sina Hoffmann und Stefanie Schneider engagieren sich auf Mallorca für Straßenkatzen. Doch der Kampf für die Tiere ist nun auch ein Kampf gegen Cybermobbing geworden. Über das Ausmaß von Hass im Netz und den Alptraum jener, die nur eines wollen: helfen.

"Leider verbietet das Gesetz Eigeninitiative, um sie um die Ecke zu bringen. (…) Die müssen einfach weg von der Insel! (…) Dieser Drecks******verein betreibt Genozid an Katzen! (…) Die finanzieren sich dicke Lippen und Luxusautos von den Spenden. (…) Die könnten brennend vor mir liegen. Ich würde sie nicht einmal auspinkeln."

Das sind nur einige der Kommentare, die die Gründerinnen der Tierschutzorganisation Cats Karma Mallorca, Sina Hoffmann und Stefanie Schneider, ertragen müssen. Seit einem Jahr sind sie Opfer von Hass und Hetze im Internet. Der Alltag der beiden engagierten Tierschützerinnen besteht nun nicht mehr im täglichen Kampf, Straßenkatzen zu retten, sondern auch darin, sich gegen die haltlosen Vorwürfe zu wehren und nicht an einer Hass-Kampagne zu zerbrechen.

Hoffmann und Schneider engagieren sich auf Mallorca für Straßenkatzen. Die Insel hat ein immenses Problem mit deren Überpopulation. Hinzu kommen viele ausgesetzte Haustiere. "Corona hat alles schlimmer gemacht", sagt Schneider. "Überall auf Mallorca begegnet man verlassenen Tieren. Sie sind oft krank, angefahren worden oder buchstäblich im Müll oder in der Tötungsstation gelandet."

Das bestätigt auch Farah de Tomi von der Animal Police Association. Die Auswanderin hat es sich ebenfalls zur Lebensaufgabe gemacht, auf Mallorca Tiere aus prekären Situationen zu retten. Sie sagt: "Die schlimmste Zeit war während der Pandemie, als der Staat mit dem Veterinäramt beschlossen hat, dass ab sofort keine Kastrationen mehr durchgeführt werden dürfen." Sina Hoffmann von Cats Karma erwähnt die vielen Katzen-Notfälle: "Wir haben eigentlich Aufnahmestopp, weil unsere Kapazitäten begrenzt sind. Aber es gibt so viele Tiere, die dringend Hilfe benötigen."

Ausgesetzte Haustiere, so de Tomi, seien "leider alltäglich: Katzen, Hunde, Vögel ... Die Tiere sind irgendwann einfach nicht mehr erwünscht, aus diversen Gründen wie Umzug oder Tierarztkosten. Unglaublich, wie man ein Lebewesen, das einen Jahre begleitet hat, einfach abgeben und zurücklassen kann."

Beginn eines Alptraums

Viele Vereine, so auch Cats Karma, nutzen die sozialen Medien, um auf ihre Arbeit aufmerksam zu machen. Gezeigt wird der Alltag, kranke Tiere, und natürlich auch jene, die dank der Spenden der Unterstützer verarztet und geheilt werden konnten. Das langfristige Ziel: die Vermittlung in ein liebevolles Zuhause. "Die Dankbarkeit dieser Tiere, die oft nie in ihrem Leben Empathie erfahren haben und nicht selten mehr tot als lebendig in unsere Obhut kommen, lässt uns überhaupt weitermachen. Es wäre eine Lüge, zu behaupten, dass der Hass uns nicht mürbe gemacht hat", so Sina Hoffmann. Manchmal glaube sie, alles sei "nur ein Alptraum, aus dem ich hoffentlich wieder erwache".

Jana Hoger von der Tierschutzorganisation PETA kennt das Problem vieler Tierschützer mit Hass und Hetze im Netz: "Leider gibt es nicht nur Unterstützer. Man gerät auch auf den Radar von Hatern. Das ist ein Thema, das extrem belastend ist. Als Tierschützer ist man regelmäßig Hetze im Netz ausgesetzt. Ich bin beispielsweise oft in Rumänien unterwegs. Ich erhalte als Person auch private Nachrichten. Das macht was mit einem, erst recht, wenn es unter die Gürtellinie geht. Das sind Menschen, die einen fertigmachen wollen! Es ist wichtig, auf diese Thematik der Internet-Hetze im Zusammenhang mit Tierschutz öffentlich aufmerksam zu machen."

Der Hass, der sich über Cats Karma seit nunmehr einem Jahr mannigfach ergießt, kommt von zwei Seiten und findet seinen Ursprung unter anderem in einem Foto, das eine Katze in einem Quarantäne-Käfig zeigt, welches der Verein Monate zuvor selbst veröffentlicht hatte. Vielfach wurde das Bild von reichweitenstarken Influencern geteilt. Dazu anprangernde Sätze wie: "So mies werden Katzen bei Cats Karma behandelt. Die armen Tiere werden unter widrigsten Bedingungen in dreckige Käfige gesperrt!" Gefolgt von Spenden-Boykott-Aufrufen. Die Wahrheit hinter dem Foto: Es handelte sich um ein von der Straße gerettetes, an Katzenseuche (Panleukopeni) erkranktes Tier. Katzenseuche ist hoch ansteckend. Erkrankte Tiere müssen bis zur Genesung in Quarantäne bleiben. Genauso wie alle Neuankömmlinge - so lange, bis sie Impfschutz haben und die Inkubationszeit vorbei ist.

Sekte "Colonia Dignidad" zu sehen bei "catflix"

Das Cybermobbing kommt auch aus der Facebook-Gruppe: "Cats Karma SEHR kritisch hinterfragt". Aktuell umfasst sie an die 300 Mitglieder. Dieses "kritische Hinterfragen" zeigt sich unter anderem darin, dass Tötungsszenarien der Gründerinnen mit Smileys versehen werden und aufgerufen wird, Cats Karma das Leben schwer zu machen. Behörden in Deutschland und Spanien wurden alarmiert - von der deutschen Staatsanwaltschaft bis hin zur spanischen Tierschutzpolizei SEPRONA. Das Ergebnis all der Schikane: Nach hinlänglicher Überprüfung aller Anschuldigungen hat die Staatsanwaltschaft alle Verfahren eingestellt.

Aber hört der Hass damit auf? Mitnichten. Geleakte Fotos von einer der beiden Gründerinnen landen in der Gruppe: "So schaut der Kopf der Bande aus. (…) Vielleicht sollte sie mal lieber Kondome klauen gehen." Diffamierungen sind an der Tagesordnung. Es wird immer perfider, in Kommentaren applaudiert man sich gegenseitig. Cats Karma sei wie "Colonia Dignidad" - jene Sekte, in der durch Sektengründer Paul Schäfer Jungen systematisch missbraucht wurden. Kennt man doch von "Netflix" (…) oder - wie Mitglied Daggi S. scherzt - von "catflix". Hinzukommen Drohungen an die "Mistweiber": "Ich weiß, wo du bist." Oder: "Ich bin hinter euch."

"Es hat wirklich Ausmaße angenommen"

Auch die Autorin dieser Reportage hat versucht, Einlass in diese geschlossene Gruppe zu erhalten, um "die andere Seite" anzuhören. Der Einlass wurde verwehrt. Auf Presseanfragen an Mitglieder wurde in der Gruppe geantwortet, gefolgt von Diffamierungen, Beleidigungen, Lügen. Gruppen-Administrator "Umm K." alias Jessica T. antwortet auf die Frage, warum Drohungen nicht gelöscht werden: Man "hänge nicht 24 Stunden am Handy". Und die Kommentatorin Sabine S. meint: "jemanden um die Ecke zu bringen" könne man auch als "Sarkasmus" verstehen.

Schnell fällt der Vorwurf der "einseitigen Recherche". Tatsächlich gab es Anfragen, Gespräche und Interviews mit Adoptanten, Menschen, die selbst Notfälle gemeldet haben, Tierschützern und Tierschutzorganisationen wie PETA oder Animal Police Association. Hunderte Screenshots von Hass-Kommentaren wurden gesichtet. Dazu Chatverläufe, Dokumente von der Staatsanwaltschaft, Interviews mit aktiven Gruppenmitgliedern sowie schweigenden und ehemaligen, die mit all dem Hass nichts mehr zu tun haben wollen, denn: "Das Ganze hat", wie "Goodbye Deutschland!"-Auswanderin Nadesha Leitze meint, "wirklich Ausmaße angenommen". Bis dato war sie die Einzige, die sich bei dem Tierschutzverein öffentlich entschuldigte, sich an den Aktionen gegen Cats Karma beteiligt zu haben.

"Die Politik muss unbedingt umdenken"

Jana Hoger von PETA sagt, was Cats Karma passiere, sei "eine traurige Geschichte von vielen", aber es sei "wichtig, positiv zu bleiben". Auch in Deutschland gibt es zwei Millionen Straßenkatzen. Gleichzeitig gehe leider "die Spendenbereitschaft zurück. Aktuell werden unfassbar wenig Tiere vermittelt. (…) Und während Katzen im Müll landen, gibt es auf der anderen Seite noch immer Qualzuchten." Farah de Tomi nimmt auch die Politik in die Verantwortung: "Man muss unbedingt umdenken, das ist ein Muss! An dieser Maßnahme führt kein Weg vorbei!"

Die Lage auf Mallorca sei keine unbekannte, so Hoger weiter über Auslandstierschutz: "Es muss sich was an der Situation und in der Gesellschaft ändern! Deswegen ist es wichtig, Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu leisten." Wie kann das im Einzelnen aussehen? Hoger sagt: "Empathie und Mitgefühl für Tiere könnte man den Kindern und Jugendlichen schon in der Schule beibringen. Etwa durch das Unterrichtsfach: Tierschutzlehre. (...) So viele Tiere werden wie Müll behandelt."

Der Hass, der sich im Netz oft gegen jene richtet, die helfen wollen, hat weder etwas mit "kritischem Hinterfragen" noch mit Tierschutz zu tun. Hogers Tipp: "Sich auf das Positive konzentrieren, Hass-Kommentare melden, filtern, ignorieren und auf die Thematik aufmerksam machen."

"Gemobbt und in den Tod getrieben"

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen
  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Deutschlandweites Info-Telefon Depression, kostenfrei: 0800 33 44 5 33

  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der Deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Im Fall von Cats Karma hat die Hetzkampagne kafkaeske Züge angenommen. Mitglieder der feindlich gesinnten Gruppe unterhalten teils dutzende Fake-Profile. De Tomi bringt es auf den Punkt: "Das Schlimmste an allem ist, dass sich auch Tierschützer untereinander bekriegen. Ich frage mich immer, ob dies wohl Missgunst oder Neid ist. Wir müssten doch alle zusammenhalten, um Großes zu erreichen! Würden wir eine große Gemeinschaftslobby bilden, könnten wir auch auf den Staat Druck ausüben, aber leider ist es kein Miteinander, sondern ein Gegeneinander."

Für die Tierschützerin Nicole Sevindik, die sich in der Türkei für Hunde starkmachte, kommt die Aufmerksamkeit für ihre Arbeit und den Hass im Netz zu spät. Auf ihrem Internet-Auftritt schreibt einer ihrer Mitstreiter: "Eine liebe Tierschützerin hat uns für immer verlassen, gemobbt und in den Tod getrieben." Die 47-Jährige nahm sich am 20. September 2022 das Leben.

Auf die Frage, ob den Cybermobbern überhaupt bewusst sei, wie sich Hass und Hetze auf die Psyche und das Leben eines Menschen auswirken, heißt es von Monika K., Mitglied jener Gruppe, in der sich an der Vorstellung ergötzt wird, die Gründerinnen "brennen" zu sehen: "Hättet ihr euch jahrelang nicht so öffentlich in Szene gesetzt und mit aller Gewalt Katzen gerettet und gehortet, wär euch all das erspart geblieben."

(Dieser Artikel wurde am Sonntag, 09. Oktober 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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