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Nachhaltig und recycelbar "Skaio" ist Deutschlands höchstes Holzhaus

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Hochhäuser dürfen keine brennbare Fassade haben - deshalb ist das höchste Holzhaus Deutschlands auf den ersten Blick gar nicht als solches zu erkennen.

Die Baubranche setzt auf Nachhalitgkeit: Holz ist inzwischen auch im Hochhausbau ein Thema. Deutschlands höchstes Holzhaus in Heilbronn soll tonnenweise CO2 speichern - und theoretisch wieder in seine Einzelteile zerlegt und recycelt werden können.

Manch einem Besucher der Bundesgartenschau in Heilbronn mag auf den ersten Blick gar nichts Außergewöhnliches auffallen, wenn er an dem zehnstöckigen Gebäude vorbeigeht, das alle anderen Häuser im neugeschaffenen Stadtteil Neckarbogen überragt. Graue Fassade, bodentiefe Fenster, ein Sockel auf Stelzen - so weit, so modern. Dabei steht er vor dem höchsten Holzhaus Deutschlands. Mit 34 Meter überragt es das bislang höchste Haus aus Holz im bayerischen Bad Aibling um fast zehn Meter.

"Kein anderes Material ist besser für die urbane Nachverdichtung geeignet, bindet mehr CO2 und wächst schneller nach, als es verbraucht wird", sagt Dominik Buchta, Geschäftsführer der Stadtsiedlung Heilbronn, die den Bau in Auftrag gegeben hat. Innovative Baustoffe habe man verwenden wollen, hier auf dem Modellquartier unweit des Heilbronner Bahnhofs. Einst ein schmuddeliges Industriegebiet, dann eine ebenso schmuddelige Brachfläche, ist hier nun die Bundesgartenschau zu Gast, in diesem Jahr zum ersten Mal mehr Stadt- denn Gartenschau. Getreu dem Motto weniger Blumen, mehr Bauen, wurde unter anderem ein neues Viertel mit 22 Gebäuden errichtet, in dem bereits 800 Menschen wohnen. Während manche Besucher das Blühende im namensgebenden "blühenden Leben" der Bundesgartenschau vermissen, hofft die Stadt, ein Wohnquartier der Zukunft zu schaffen. 3500 Menschen sollen hier nach dem Ende der Schau ein Zuhause oder einen Arbeitsplatz finden.

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Das Treppenhaus ist aus Stahlbeton, der Rest des Hauses aus Holz.

(Foto: Franziska Türk)

Das Holzhochhaus "Skaio", entworfen vom auf Holz spezialisierten Berliner Architektenbüro Kaden + Lager, ist dabei sicherlich das ehrgeizigste Projekt. Gemäß dem sogenannten cradle-to-cradle-Prinzip sollen alle verwendeten Materialien später wieder in ihre Einzelteile zerlegt und wiederverwendet werden können. Deshalb wurde geschraubt statt geklebt. Und im Labor so lange getüftelt, bis ein trockener, recycelbarer Estrich entstand, der den üblichen Nassestrich aus Sand und Zement ersetzten konnte.

Verbautes Holz wächst in sieben Minuten nach

Im Mittelpunkt steht aber der nachwachsbare Rohstoff. "Das ganze Holz, das wir hier verbaut haben – 1500 Kubikmeter Fichte sind das – wächst in Deutschland innerhalb von sieben Minuten nach", sagt Buchta. Gleichzeitig bindet Holz bereits aufgenommenes CO2 langfristig, 1500 Tonnen des Treibhausgases würden so insgesamt gespart. Bei der Herstellung anderer Baustoffe wie Beton oder Ziegel wird dagegen Kohlenstoffdioxid freigesetzt. Und neben dem ökologischen Aspekt sprechen noch andere Dinge für das Bauen mit Holz: Die deutlich schnellere Montage etwa. Ein Stockwerk pro Woche konnten die Arbeiter in Heilbronn hochziehen. Oder dass der leichte Baustoff gerade in urbanen, eng bebauten Gebieten vergleichsweise einfach verarbeitet werden kann. Dafür muss beim Bau eines Gebäudes aus Holz bislang noch tiefer in die Tasche gegriffen werden. "Die Baukosten liegen derzeit fünf bis zehn Prozent höher", sagt Buchta. Und: Es gebe in Deutschland noch nicht viele Firmen, die ein solches Bauvorhaben umsetzen könnten.

Ganz ohne die Verwendung anderer Materialien geht es ohnehin nicht. "Aktuell ist es in Deutschland nicht möglich, ein reines Holzhochhaus zu bauen", sagt Buchta. Schuld sind Brandschutzverordnungen: Hochhäuser dürfen keine brennbare Fassade haben. Deshalb ist das Haus von Außen mit grauen Aluminiumplatten verkleidet. Zu hundert Prozent recycelbar sollen aber auch diese sein. 

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Die Modellwohnung zeigt beispielhaft, wie man auf 39 Quadratmetern ein ganzes Leben unterbringen kann.

(Foto: Häfele, Nagold)

Der Brandschutz ist in einem Hochhaus aus Holz ohnehin eine besondere Herausforderung. Damit ein rauch- und feuerfester Fluchtweg vorhanden ist, besteht das Treppenhaus aus Stahlbeton statt aus Holz. Und spezielle Sprinkleranlagen, die statt Wasser Hochdruck-Sprühnebel verströmen, sollen dafür sorgen, dass ein Feuer gelöscht wird, ohne dass das Holz vom Wasser angegriffen wird.

Je kompakter, desto günstiger

Mit mehr Instandhaltungsarbeiten als bei einem Haus aus konventionellen Materialien rechnet die Stadtsiedlung Heilbronn nicht. Das Holz ist pflegeleicht, die Aluminiumfassade instandhaltungsarm. Nägel dürfen die Bewohner gar nicht erst in die Wände schlagen, um das Holz nicht zu beschädigen.

Die Bewohner von "Skaio" wohnen dafür nicht nur ökologisch, sondern auch kompakt. Je weniger Quadratmeter, desto günstiger die Miete, das ist die Rechnung. Wieso also soll jede Wohnung Platz für eine Waschmaschine verschwenden, wenn man sie auch in den Gemeinschaftsraum stellen kann? Und dass auf 39 Quadratmetern wenig Platz für geselliges Zusammensein bleibt, ist weniger schlimm, wenn man bei Feiern auf die Gemeinschafts-Dachterrasse ausweichen kann.

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Gemeinschaftsflächen sollen dafür sorgen, dass der individuelle Wohnraum klein gehalten werden kann.

(Foto: Franziska Türk)

In der Musterwohnung zeigt sich, wie es sich künftig trotz immer kleinerer Wohnfläche leben lassen könnte. Das ausklappbare Regal wird zum Schreibtisch, die Schrankwand zur Projektionsfläche für den Beamer, das Sideboard kann als Bank umfunktioniert werden und das Bett verschwindet hinter der Küchenzeile. 12 Euro Miete kosten die Wohnungen pro Quadratmeter, etwa 40 Prozent der Wohnungen sind geförderter Wohnraum, der für acht Euro angeboten wird. Auch Wohngemeinschaften der offenen Hilfen und der Aufbaugilde, die sich um Menschen mit geistiger Behinderung und Wohnungslose kümmern, haben hier einen Platz gefunden.

Neue Holzhochhäuser in Planung

Könnte dieses Wohnmodell Schule machen und Holz sich als der umweltverträgliche Baustoff der Zukunft etablieren? "Ich glaube eher, dass es eine größere Fülle an recycelbaren und nachhaltigen Baustoffen geben wird", sagt Buchta. "Noch ist auch die Infrastruktur nicht da, um flächendeckend mit Holz zu bauen." Bei neuen Projekten soll dennoch immer wieder geprüft werden, welche emmissionsarmen und recycelbaren Baustoffe verwendet werden können. Holzhybridhäuser etwa, die zumindest teilweise aus Holz bestehen, werden immer wieder gebaut.

"Wir wünschen uns, dass 'Skaio' eine Initialzündung für den Geschosswohnungsbau mit Holz ist", sagt Buchta. Und eines steht schonmal fest: Lange wird sich Heilbronn nicht mehr mit dem Titel des höchsten Holzhochhauses Deutschland schmücken können. Denn in Hamburg ist bereits ein Hochhaus mit 19 hölzernen Stockwerken in Planung. International nimmt das Wettrennen um das höchste Holzhochhaus ganz andere Maßstäbe an: Das „Hoho Wien“ soll in der österreichischen Hauptstadt bald 84 Meter in den Himmel ragen - der Londoner "Oakwood Timber Tower" sogar ganze 300 Meter.

Quelle: n-tv.de

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