Leben
In Deutschland werden Kälber in einem Alter bis zu sechs Wochen betäubungslos enthornt.
In Deutschland werden Kälber in einem Alter bis zu sechs Wochen betäubungslos enthornt.(Foto: snapshot-photography/F.Boillot/imago stock&people)
Samstag, 27. Januar 2018

Glyphosat und Grüne Woche: Das Geschäft boomt

Von Heidi Driesner

Gegessen wird immer. Fragt sich nur, was da auf dem Teller liegt. Ist die Grüne Woche, die es seit 1926 in Berlin gibt, auf dem Stand der Zeit und regt zum Nachdenken an? Oder ist sie nur teuer und macht satt?

Nun geht sie wieder mal erfolgreich zu Ende, die "Leistungsschau der Ernährungswirtschaft, Landwirtschaft und des Gartenbaus", gern auch als Schlemmermeile gepriesen: die Internationale Grüne Woche Berlin. Kurz in Zahlen ausgedrückt: Auf 118.000 Quadratmetern locken 1614 Aussteller mit ihren Produkten, davon kommen 553 aus 67 Ländern, etwa 400.000 Besucher, davon sind 90.000 Fachleute, an. Gegründet im Berlin der Goldenen Zwanziger, soll sie auch heute noch einzigartig sein. Kann das sein? Natürlich hat sich die Grüne Woche seit 1926 weiterentwickelt – aber reicht das, was die Macher uns 2018 als "Blick in die Zukunft" verkaufen? Bei meiner ersten Grünen Woche vor zig Jahren (nee, nicht schon 1926, aber vor etwa 25 Jahren) hatte ich noch eine Menge Illusionen, inzwischen ist die Grüne Woche für mich so wenig grün wie die Sahara ein Feuchtbiotop ist. Für den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD) ist sie dagegen "ein lebendiger Ort der Begegnung, an dem die Besucher Landwirtschaft sehen, fühlen und schmecken können".

Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (l) mit seinem schwedischen Kollegen Sven-Erik Bucht beim Probieren.
Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (l) mit seinem schwedischen Kollegen Sven-Erik Bucht beim Probieren.(Foto: © Messe Berlin/Volkmar Otto)

Sehen, fühlen und schmecken also. Nach selbst verordneter Abstinenz starte ich am ersten diesjährigen Messetag einen neuen Versuch; nicht ganz freiwillig, aber die Schweden hatten mich zur Standeröffnung eingeladen und aus inniger Verbundenheit (mit Schweden) bin ich hin und erreiche mein Ziel in Halle 8.2 eine Stunde nach der offiziellen Messeeröffnung. Die netten Damen und Herren am Schwedenstand sind schon ein bisschen genervt, weil die kostenlosen Häppchen für offiziellen Rundgang und Standeröffnung schon vor diesen Ereignissen ratzfatz von den Platten verschwinden. Offenbar haben sehr ausgehungerte Besucher die Halle geflutet. Aber die Standbetreuer lächeln zuvorkommend und füllen die  Platten wieder auf. Die Kästen mit Informationsblättern über Tierhaltung und Pflanzenanbau in Schweden bleiben dagegen gut gefüllt, da hechtet keiner 'ran. Schade, weil nämlich Wissenswertes drauf steht und das könnte Fragen aufkommen lassen nach ähnlichen Gesetzen und Anforderungen in Deutschland.

Strenge Standards in Schweden

Schweden geht mit einer nachhaltigen Produktion in der Lebensmittelindustrie sowie ökologischer und tiergerechter Haltung in den Agrarbetrieben als gutes Beispiel in Europa voran. Die Tierschutzstandards gehören zu den striktesten. Es gilt Weidepflicht: Für alle konventionellen Betriebe in Südschweden vier und im Norden drei Monate. Öko-Höfe müssen fünf Monaten weiden lassen. Mutterschweine dürfen nicht fixiert werden, damit sie ihren Nestbauinstinkt ausleben können. Schweineschwänze werden nicht kupiert und die Schnäbel von Hühnern und Küken dürfen nicht gekürzt werden. Vor chirurgischen Eingriffen und vor der Schlachtung müssen die Tiere betäubt werden; so ist die betäubungslose Kastration bei Ferkeln seit zwei Jahren verboten. Die schwedische Tierhaltung hat den niedrigsten Verbrauch an Antibiotika in Europa. Im Pflanzenanbau nimmt Schweden eine ähnliche Vorreiterrolle ein. Beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zum Beispiel gehört Schweden zu den Ländern mit dem geringsten Einsatz pro Hektar.

Das frage ich mich auch. Es gibt einfach zu wenige davon!
Das frage ich mich auch. Es gibt einfach zu wenige davon!(Foto: Stefan Boness/Ipon/imago stock&people)

Und Deutschland? Wir sind unter den Staaten in Europa mit dem höchsten Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln (an 8. Stelle). Weidepflicht gehört nicht zum Sprachgebrauch in konventionellen Agrarbetrieben; der Trend geht zur ausschließlichen Stallhaltung, wobei es mittlerweile für viele Kühe wenigstens Laufställe gibt. Eine Million Kühe steht in Deutschland in Anbindehaltung im Stall. Sauen in konventioneller Haltung verbringen hierzulande einen Großteil ihres Lebens in Kastenständen. Weil eine Sau bald nach dem Abferkeln wieder gedeckt wird, kann sich das Muttertier 21 Wochen im Jahr kaum bewegen. Ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts hat Ende 2016 bestätigt, dass der Großteil der heute verwendeten Kastenstände zu klein für die Tiere und damit rechtswidrig ist.

Ferkel leiden am meisten

So ein glückliches Ferkelleben hat nicht jeder: Schwäbisch-Hällische Landschweine in Halle 25.
So ein glückliches Ferkelleben hat nicht jeder: Schwäbisch-Hällische Landschweine in Halle 25.(Foto: Bernd Settnik/dpa-Zentralbild)

Vor allem Ferkeln werden durch "zootechnische Eingriffe" in den ersten Lebenstagen diverse schmerzhafte Prozeduren zugemutet: Zähne abschleifen, Schwänze kürzen, Ohrmarken einziehen, Kastration. Das betäubungslose Kupieren von Schweineschwänzen ist an der Tagesordnung. Mit Betäubung ist teurer. Landwirte sprechen von "praktiziertem Tierschutz" wegen des Schwanzbeißens. Agrarwissenschaftler verweisen auf Belegdichte, Stallklima, Fütterung, Langeweile – ein fehlerhaftes Detail könne schon Ursache sein für dieses Verhalten, das bei Wildschweinen unbekannt sei. Fachleute schätzen, dass bis zu 99 Prozent der Ferkel aus konventioneller Haltung kupiert werden, obwohl unser Tierschutzgesetz und eine EU-Richtlinie nur Ausnahmen mit tierärztlicher Genehmigung erlauben. Da kann einem schon der Appetit auf Spanferkel vergehen, nicht wahr?

Aber es kommt noch schlimmer mit der betäubungslosen Kastration kleiner Eber. Diese Praxis sei Jahrhunderte alt, argumentieren Landwirte. Und deshalb richtig? Eine saublöde Ausrede ist das! Hexen wurden auch mal verbrannt – kommen heute noch rothaarige Frauen oder Kräuterweiblein auf den Scheiterhaufen? Der Grund, warum schon wenige Tage nach der Geburt den Tieren die Hoden abgeschnitten werden, ist die Möglichkeit, dass, hormonell bedingt, das Fleisch männlicher Tiere unangenehm riechen kann. Das betrifft aber nur fünf Prozent der Eber. Seit 2008 wird das Problem diskutiert! Elf Jahre später, nämlich 2019, soll ein Gesetz endlich die betäubungslose Kastration verbieten. Jährlich werden immer noch an die 50 Millionen männliche Küken erstickt oder geschreddert, weil sie wertlos sind für die industrielle Landwirtschaft. Für ihre Schwestern gibt es inzwischen eine kleine Verbesserung: In Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern ist das Schnabelkürzen seit Ende 2016 verboten. Weil die Entscheidung von den meisten Supermarktketten mitgetragen wird, dürfte es seit 2017 keine Eier mehr von Hennen mit gekürzten Schnäbeln mehr geben. Doch über all diese Tatsachen findet man nichts auf der Grünen Woche, dafür einen "Erlebnisbauernhof", der "multimediale Einblicke in die moderne Landwirtschaft" bietet, aber eben nicht ins harte Business.

Blick in die Zukunft

Inzwischen wird das Gedränge am Schwedenstand dichter. Große Muskelmänner durchpflügen die kauenden Besuchermassen; "Ihr Minister kommt an den Stand", flüstert mir eine Schwedin ins Ohr. Gesehen habe ich keinen, dafür stand ich (nur mittelgroß) zu gut beschützt hinter den flächigen Personenschützern (dafür mit Blick auf interessante Nacken-Tattoos), aber sie meinte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Kennen Sie nicht? Kleiner Tipp: Das ist der mit dem Glyphosat. Na bitte, kennen Sie doch. Nachdem der Tross der krümelnden VIPs durch Schweden durchgerauscht ist, eröffnet der Landwirtschaftsminister Sven-Erik Bucht den Stand. Dann ergattere ich doch noch ein Glas von dem leckeren Apfel-Cider und zwei Lachs-Häppchen, ergreife die Gunst der Stunde und mache mich vom Acker. Normalität kehrt wieder ein in die heiligen Hallen: Der Hunger der Pilgergruppen lässt schlagartig nach, die Cracker mit Rentierschinken kosten jetzt schließlich 2,50 Euro. Auch ringsum an den Ständen kosten Häppchen und Schlückchen nun mindestens ein oder zwei Euro.

Eigentlich könnte ich nun verschwinden, wenn’s nach unserem Regierenden ginge: Ich habe vieles gesehen, bin schweißgebadet, Füße und Ohren haben genug gefühlt, schmackhaft war’s auch. Aber was ist nun mit dem "Blick in die Zukunft", wie es auf der Homepage der Grünen Woche heißt? Ich raffe mich also auf, diesen Blick zu erhaschen.

Max Krämer vom Startup-Unternehmen "Bug Foundation" aus Osnabrück zeigt auf der Grünen Woche seinen Insektenburger. Ab April wird er auf dem deutschen Markt angeboten.
Max Krämer vom Startup-Unternehmen "Bug Foundation" aus Osnabrück zeigt auf der Grünen Woche seinen Insektenburger. Ab April wird er auf dem deutschen Markt angeboten.(Foto: dpa/Paul Zinken)

Innovationen findet nur der, der sie auch sucht, obwohl ja innovative Herstellungsmethoden Trend sind. Doch es ist schon zu merken, dass die Nahrungsmittelindustrie verstärkt auf Startups zugeht. Es gibt Burger aus Würmern und aus Insekten, Kuchen mit Algen – und erstaunlich viele Probemutige. Für Bio gibt es eine ganze Halle: 1.2A. Da kann man sich nicht nur informieren, sondern auch biologisch bewusst essen. Bioland und Demeter sind da, Neuland und andere Bio-Produzenten auch. In Halle 25 zeigen Öko-Bauern, wie tiergerechte Haltung geht, nämlich ohne enge Ställe und schön auf Stroh, mit Ringelschwanz und ohne Kastenstand. Der Hunger in der Welt und die Moral konzentrieren sich in Halle 5.2A, teilen sich aber das Geschehen mit der NRW-Länderschau. Wer genug hat von Fairtrade und WWF, Misereor und Brot für die Welt, kann sich also gleich nebenan stärken. Insgesamt gibt es übrigens 26 Hallen.

Wie die Zukunft der Landwirtschaft aussehen soll und was die Politik dafür tun muss, zeigt mehr eine große Demonstration einen Tag nach meinem Besuch auf der Grünen Woche. Unter dem Motto "Wir haben es satt" gehen über 30.000 Tier- und Umweltschützer, Gentech-Gegner und Tierhalter, Imker und Verbraucher auf die Straße – für ein staatliches Tierschutzlabel, das höhere Standards in der Tierhaltung garantiert, gegen Glyphosat als legales Pflanzenschutzmittel, für die Förderung von Kleinbauern und für mehr Bio-Betriebe, gegen Höfesterben und die Allmacht der Konzerne. Quasi für eine bessere Landwirtschaft und gesünderes Essen. Denn darum geht es: um gutes und gesundes Essen. Essen soll Spaß machen, und das macht es nur, wenn die Welt vor dem Teller auch gut und gesund ist. Aber wie soll ich wissen, welches Fleisch ich im Supermarkt kaufe? Auf den Verpackungen und an der Theke ist oft deklariert, wo das Tier aufgewachsen ist und wo es geschlachtet wurde, zum Beispiel in Deutschland. Aber das WIE wird uns verschwiegen und ich kann meinen Kauf nicht guten Gewissens machen. Auch bessere konventionelle Haltung muss endlich gekennzeichnet werden; schnell, und nicht wieder erst nach jahrelanger Herumdrückerei. 

Was wäre wenn ... wenn ähnlich den Bildern auf den Zigarettenpackungen auf den Hähnchenschenkeln und Schnitzeln stünde "Massentierhaltung ist gewissenlos" inklusive Foto aus dem Stall? Oder die zu Lebzeiten der Kalbsbrust verabreichten Antibiotika aufgelistet wären? Würden Sie da noch kaufen? 754 Millionen Nutztiere leben in deutschen Ställen; 90 Prozent der Schweine kommen aus der Massentierhaltung. Obwohl wegen veränderter Verzehrgewohnheiten in Deutschland der Verbrauch an Schweinefleisch sinkt, werden keineswegs weniger Schweine geschlachtet. Der sogenannte Selbstversorgungsgrad stieg laut Bundesregierung auf über 120 Prozent, das heißt, dass über 20 Prozent mehr Schweinefleisch produziert wird, als in Deutschland verbraucht wird: Hauptabnehmer für deutsches Schweinefleisch ist China. Deutsches Schwein ist so schön billig. Das alles sind Fakten, auch wenn Massentierhaltung für Glypho-Chrissi ein "böses" Wort ist und die Agrarwende nur ein "Kampfbegriff" für Demonstranten. Ich will sie, die Agrarwende.

Quelle: n-tv.de