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Italia Ricce als April Carver - das Schicksal ist ein mieser Verräter.
Italia Ricce als April Carver - das Schicksal ist ein mieser Verräter.
Mittwoch, 13. August 2014

Ein Versuch von Echtheit: "Chasing Life" degradiert Krebs zu Kitsch

Von Anna Meinecke

Auch eine potenziell tödliche Diagnose muss einen nicht davon abhalten, sein Leben zu leben. Das ist die Botschaft der Fernsehserie "Chasing Life". Doch die Show beschönigt über weite Strecken die Realität - und inszeniert die Krankheit zynisch.

Taschentücher raus, "Chasing Life" ist was zum Mitheulen. Für die junge Journalistin April Carver (Italia Ricci) beginnt es im Job gerade, richtig gut zu laufen. Der süße Kollege aus der Kulturredaktion, Dominik Russo (Richard Brancatisano), will endlich mit ihr ausgehen. Im Mehrgenerationenhaushalt mit Mama, Oma und der pubertierenden Schwester hat man sich gern. Weil Zufriedenheit jedoch nicht der Stoff ist, aus dem Fernsehgeschichten geschneidert sind, wirft eine Storyline ihren Schatten über das glückliche Szenario: Bei April wird Blutkrebs diagnostiziert.

Mit "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" ist das Thema Krebs ganz in der Mitte des Filmgeschäfts angekommen, auch im Fernsehen ist der Handlungsstrang mittlerweile verankert. Mit "The Big C" lieferte das Network Showtime bereits 2010 ein ganzes "Krebs-Format". Trotzdem ist die Krankheit bis heute ein Schicksal, was auf fiktionaler Ebene gerne Frauen in ihren 40ern, Eltern oder Angeschmachtete trifft. "Chasing Life" ist da anders. April - und auch viele andere Patienten, denen sie im Laufe der Show begegnet - sind krank, ganz ohne einen Spannungsbogen aufrechterhalten zu müssen, einfach, weil das Schicksal tatsächlich ein ganz mieser Verräter ist.

Geschönte Grausamkeit

Von "Chasing Life" kann man sich berieseln lassen. Das Format ist mit hübschen Schauspielern besetzt, die Bilder sind bunt, das gesamte Setting - ABC-Family-typisch - wohlig-warm. Allerdings wird die Sendung keinesfalls ihrem eigenen Anspruch gerecht, den Verlauf einer Krankheit tatsächlich in all ihrer Hässlichkeit zu zeigen. Das sollte sie jedoch vielleicht. Wenn die zuckersüße April nur mit Männer-Shirt bekleidet Blut in ein Waschbecken spuckt, dann ist das einfach nicht "hässlich". Natürlich sind auch schöne Menschen krank, natürlich haben kranke Menschen auch fürsorgliche Familien, doch die Sender-induzierte Familienfreundlichkeit von "Chasing Life" blockiert definitiv eine vielschichtige Darstellung des Schicksalsschlags Krebs.

Das Schlimmste dabei ist: "Chasing Life" urteilt. Den Politikersohn Leo Hendrie (Scott Michael Foster) kennt April aus ihrer Selbsthilfegruppe. Er hat einen Gehirntumor, ist schon lange in Behandlung. Er ist der Badboy der Show, schafft es im Gegensatz zu Dominik, bei dem April ihre Krankheit nur verdrängen kann, ihr zu zeigen, wie man mit einer lebensbedrohlichen Diagnose sehr wohl gut leben kann. Als Leo sich entscheidet, seinen Tumor nicht mehr operieren zu lassen, weil er in Würde sterben möchte, wendet sich April von ihm ab: Sie will kämpfen, jemanden, der "aufgibt", will sie nicht ertragen.

Zynische Inszenierung

Dass ABC Family bei "The Secret Life of the American Teenager" ("Das geheime Leben des amerikanischen Teenagers") - einem Format voller ungewollter Schwangerschaften - fünf Jahre lang um Abtreibungen herumgekommen ist, hatte schon sehr viel vom strengen Zeigefinger. Einem Todkranken den gebrochenen Willen zu verwehren, indem man ihm ein Vorbild entgegensetzt, dem der Spagat zwischen Chemo-Therapie, Beziehungschaos, extremen Arbeitszeiten und Familiengeheimnissen mit Leichtigkeit zu gelingen scheint, ist zynisch.

Überhaupt ist April einfach ein bisschen zu poliert, das Format zu naiv. Das geräumige Einzelzimmer in dem April während der Chemo zum Halbfinale der ersten Staffel residiert, ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die innerhalb des amerikanischen Gesundheitssystems mit schweren Schicksalsschlägen zu kämpfen haben. Wie realistisch "Chasing Life" darüber hinaus den Krankheitsverlauf, die Reaktionen der Patientin, ihrer Angehörigen und Freunde darstellt, das kann sicherlich nur beurteilen, wer die Situation bereits erlebt hat.

Neben Aprils Krankheitsverlauf erzählt "Chasing Life" natürlich noch andere Geschichten. Das uneheliche Kind des verstorbenen Vaters ist einer der ganz großen TV-Klassiker, die Anziehungen von Mama-Carter und dem Bruder ihres verstorbenen Mannes war vorhersehbar. Erfrischend spannend ist das Leben von Aprils Schwester Brenna (Haley Ramm). Die ist nicht einfach nur lesbisch - wie Emily von "Pretty Little Liars", ebenfalls ein ABC-Family-Format, sondern erlaubt sich, zu hadern, auch einen Jungen zu lieben, der besten Freundin die Meinung zu geigen - nach eigenen Regeln. Wie Brenna Selbige entwirft, ist behutsam, doch ergreifend erzählt.

ACHTUNG SPOILER!

Das Halbfinale der ersten Staffel "Chasing Life" zeigt die ersten Tage von Aprils Chemo-Therapie. Während die junge Frau Angst hat, schwächer wird, aufgibt und Hoffnung schöpft, sitzen Freunde und Verwandte an ihrem Bett - sie haben jedoch vor allem eigene Sorgen. Brenna muss der Mutter Ärger in der Schule beichten und konfrontiert sie mit der Geschichte um die geheime Schwester, außerdem verbieten die Eltern von Freundin Greer (Gracie Dzienny) ihr den Kontakt zu ihrer Tochter. Onkel George (Steven Weber) gesteht Mama-Carver (Mary Page Keller) seine Gefühle hinter dem Kuss in der Folge zuvor. Aprils Arbeitskollege Danny (Abhi Sinha) erzählt von seinem Unwohlsein in Aprils Gegenwart.

Das Halbfinale hat so viel Drama, wie man es von "Chasing Life" erwartet. Es gibt bedeutungsschwangere Schulterblicke, Halluzinationen mit liebevollen Verstorbenen und eine Szene in der Krankenhauskapelle. April hört sehr oft, wie stark sie ist, allen ist klar: Sie wird überleben - muss sie schließlich auch auf diesem Sendeplatz. Und dann kommt auch noch Dominik zurück. Er hatte eine Band auf Tour begleitet, doch als er von Aprils Erkrankung hört, eilt er an ihr Krankenbett. Diese freut sich sehr, fühlt sich jedoch in ihrer Situation besser bei Leo aufgehoben. Das Liebes-Dreieck nimmt volle Fahrt auf. Leo ist, wie er es formuliert, allerdings nicht das Pferd, auf das April setzen sollte. Noch kann sie ihre eigene Sterblichkeit in seiner reflektieren, doch ihm bleibt nicht mehr viel Zeit. Leo schickt sie zurück in ihr Bett.

Als April gerade neuen Mut gefasst hat, sieht sie Leos Eltern im Krankenhaus, auf ihrem Handy hat er eine Nachricht hinterlassen - Cliffhanger. Im Dezember sendet ABC-Family ein Weihnachts-Spezial. Eine Überraschung wäre, wenn Familie Carver da nicht in zusammenpassenden Strickpullovern auftritt.

Quelle: n-tv.de