Unterhaltung

Provozierend und irritierend Die dunkle Seite von Brangelina und Co.

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Den Betrachter im Visier: Angelina Jolie.

(Foto: Steven Klein, Case Study #13, Image 32, 2005)

Steven Klein zählt zu den bekanntesten Fotografen der Welt. Aber Modemagazine reißen sich nicht um ihn, weil er mit klassischen Modeaufnahmen überzeugt. Im Gegenteil. Er zeigt Weltstars von einer ganz unerwarteten, schockierenden Seite - und nimmt nebenbei das gängige Schönheitsideal auf die Schippe.

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Madonna ist bekannt für provokante Auftritte.

(Foto: Steven Klein, X-STaTIC PRO=CeSS 03, 2002)

Sekundenlang starrt er die Frau an, die ihm den Lauf einer Pistole entgegenstreckt, bereit zum Abdrücken. Dann endlich fällt es dem Ausstellungsbesucher wie Schuppen von den Augen: "Ist das nicht Angelina Jolie?" Auch eine weitere Fotografie sorgt einen Moment lang für Verwirrung. Darauf ist ebenfalls eine Frau zu sehen; sie liegt mit zerrissener Kleidung und schmutzigen Füßen zusammengekrümmt auf einer schäbigen Matratze und linst mit Schlafzimmerblick in Richtung Kamera. "Das ist doch Madonna", entfährt es einer Betrachterin. Aber wer nur ist die Flüchtlingsfrau mit dem verhüllten Haupt und dem kalkweißen Gesicht, die den Blick in die Ferne schweifen lässt?

Der New Yorker Fotograf Steven Klein ist ein Meister der Irritation und Provokation. Davon kann man sich derzeit in der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule in Berlin überzeugen. In der dort ansässigen CWC Gallery (einer Dependence der Galerie Camera Work, die gerade surreale und erotische Bilder von Ralph Gibson zeigt) ist noch bis zum 8. September 2012 eine Auswahl seiner Werke zu sehen.

Klein zählt zu den berühmtesten Modefotografen weltweit und hat für die ganz großen Namen unter den Modelabels gearbeitet. Fashion- und Lifestylemagazine wie die Vogue und W reißen sich um ihn - obwohl oder gerade weil er mit dem Hochglanzformat bricht. Bei ihm sind keine klassischen Models zu sehen, die einfach nur die neuesten Kollektionen namhafter Designer präsentieren, lächelnd oder mit diesem seltsam geöffneten Mund, der sie verführerisch aussehen lassen soll. Klein hat seine ganz eigene Ästhetik entwickelt, mit der er immer wieder zu schockieren weiß.

Promis ohne Glanz und Glamour

Neben den Modeproduktionen gilt das besonders für seine Arbeit mit internationalen Stars, darunter auch die Beckhams, Britney Spears oder Justin Timberlake. Klein spielt mit der öffentlichen Wahrnehmung, löst die Promis aus ihrem bekannten Glanz-und-Glamour-Kontext heraus und erfindet neue, unerwartete Rollen für sie, weitab von ihrem eigentlichen Image. Und die Stars folgen ihm willig, verwandeln sich und lassen ihre düstere Seite zu. So zum Beispiel Mädchenschwarm Timberlake, der seinen Fans mit blutüberströmtem Gesicht von einem Magazincover entgegenblickt.

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Waffenverliebtheit im Ehebett: Brad Pitt und Angelina Jolie.

(Foto: Steven Klein, Case Study #13, Image 18, 2005)

Oder auch Jolie mit der Pistole in der Hand. Das Foto ist Teil einer bekannten Bilderserie mit ihr und Brad Pitt, aus der einige Bilder jetzt in Berlin zu sehen sind. Entstanden ist die Arbeit 2005, in dem Jahr, als die beiden US-Schauspieler ihre Beziehung öffentlich bekannt gaben und die Welt endlich ihr neues Hollywood-Traumpaar bekam. Kurz zuvor aber sorgte der Abdruck der Bilder im US-Magazin W für Aufsehen und kontroverse Diskussionen.

Denn die Fotoreihe mit dem Titel "Domestic Bliss" (Häusliches Glück) zeigt vordergründig das Bilderbuchleben einer US-amerikanischen Familie: Auf einem der Fotos spielen Mama und Papa gemeinsam mit den Kindern im Garten, sie wirft den Kleinen einen Ball zu, er sitzt bei ihnen am Planschbecken - Familienidylle pur. Hinter der perfekten Fassade aber brodelt es gewaltig. Die Bilder erzählen von erotischen Spannungen, Waffenvernarrtheit und viel Frust.

Verstörend und aggressiv

Kleins Inszenierungen sind verstörend, oftmals aggressiv, auf wenige Farben reduziert, meist in Schwarz-Weiß-Tönen gehalten und bis ins letzte Detail durchkomponiert. Gleichzeitig haftet ihnen etwas Cineastisches an. Man hat das Gefühl, jeden Augenblick könnte jemand auf Play drücken und der Film würde beginnen.

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Tom Ford poliert einem puppenhaften Model den Allerwertesten.

(Foto: Steven Klein, Valley of the Dolls, Image No. 03, 2006)

Dass der Schritt zum Bewegtbild nur ein kleiner ist, beweist Kleins Zusammenarbeit mit Pop- und Stilikone Madonna, die ebenfalls für polarisierende Performances bekannt ist. Seit ihrer Re-Invention World Tour 2004 - bei der sie damit schockierte, dass sie auf einem elektrischen Stuhl auf die Bühne schwebte - ist Klein regelmäßig für die Hintergrund-Videos ihrer Konzerte verantwortlich.

Natürlich hatte der Fotograf die Sängerin auch für ein Magazin-Shooting vor der Linse. In der Fotoserie mit dem extravaganten Titel "X-STaTIC PRO=CeSS" (benannt nach Madonnas Song aus ihrem Album "American Life"), von der eine Bildauswahl in der CWC Gallery hängt, zeigt er sie in abgerockter, zwielichtiger Umgebung: als Tänzerin an der Pool-Stange, in unglaublicher Yogapose verknotet auf einem Tisch vor dem Schaubild einer Niere, oder als Todgeweihte im Eisenrahmen eines Bettes gefangen, bleich, verletzlich, dreckig, sexy.

Puppen im Schönheitswahn

Alle, die sich Kleins Kamera anvertrauen, wissen, dass sie sich auf ein Abenteuer einlassen, an dessen Ende zwar ästhetisch vollkommene Fotos stehen. Extra auf schön getrimmte Aufnahmen kann man von ihm aber nicht erwarten. Im Gegenteil: Das Schönheitsideal, das die Körper immer mehr zu einem künstlichen Objekt degradiert, nimmt er in einer weiteren Fotoserie auf die Schippe.

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Züchtig sexy: Kate Moss.

(Foto: Steven Klein, Kate Moss, 2011)

Im "Valley of the Dolls", so der Titel, herrscht der absolute Schönheitswahn. Hier leben keine Menschen, sondern Puppen, die nicht nur Silikon und Botox zum Leben brauchen, sondern auch kuriosen Techniken huldigen. So wird auf einem der Bilder einem Male Model der nackte Hintern mit einer Schleifmaschine auf Hochglanz poliert. In der Rolle des Schleifmeisters agiert dabei kein Geringerer als Tom Ford, seines Zeichens Modedesigner und Filmregisseur ("A Single Man").

Bei einer seiner jüngsten Arbeiten hatte Klein übrigens eine der Schönsten unter den Schönen vor der Kamera: Kate Moss. Wie nicht anders zu erwarten, schafft es Klein auch hier, zu polarisieren. In einem aufwendigen Setting kombinierte er opulente bis freizügige Kleidung und sexy Posen mit religiösen Elemente: einem Kreuz, einer Nonnenhaube.

Für die Berliner Ausstellung wurde ein Motiv ausgewählt, das Moss als verhüllte Jungfrau Maria ganz in Schwarz zeigt - aufregend und unnahbar zugleich. Auch hier dauert es einen winzigen Augenblick, bis der Betrachter die bekannten Gesichtszüge hinter dem zarten Spitzenschleier zuordnen kann.

Auch die Flüchtlingsfrau kann nach wenigen Sekunden identifiziert werden. Es ist gar kein Flüchtling. Und schon gar keine Frau. Sondern Brad Pitt.

Quelle: ntv.de